Andreas Kempf: Zwischen Entwicklungshilfe und Menschenhandel

Am Sonntag ist Andreas Kempf am Berlin Halbmarathon seine erste EM-Limite gelaufen. Unser Blogger benötigte nur 1:05:24 für die 21,1 Kilometer – running.COACH gratuliert herzlich! In diesem Blog-Beitrag schreibt er am Beispiel der Schweiz über eine problematische Entwicklung in der Laufszene, der so einfach nicht beizukommen ist.

Vor drei Wochen präsentierte sich am Kerzerslauf das Bild, an welches man sich in den letzten Jahren bei Schweizer Strassenläufen gewöhnt hat. Von den ersten neun Läufern kamen acht aus Kenia, und nur der siebtplatzierte Äthiopier Fikru Dadi wohnt als Asylbewerber in der Schweiz. Auf dem zehnten Rang folgte der erste Schweizer, Julien Lyon, mit bereits über zweieinhalb Minuten Rückstand auf den Sieger. Diese Konstellation ist weder für die Zuschauer noch für die Medien attraktiv. Denn die kenianischen Athleten, welche mit ihren zwielichtigen europäischen Managern jedes Jahr im Frühling und im Herbst durch Europa touren, stammen aus einem schier endlosen Reservoir an Topläufern in Ostafrika. Daher sind sie beliebig austauschbar und fast niemand kann sich ihre Namen und Gesichter merken. Zudem beherrschen sie meistens ausser Swahili keine weitere Sprache, was es Journalisten praktisch verunmöglicht, etwas über sie in Erfahrung zu bringen.

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Andreas Kempf (13) am Start des Kerzerslaufs Mitte März. Quelle athletix.ch

Auch für die einheimischen Läufer ist die Situation unbefriedigend, da ihnen der Weg zu Preisgeld, besseren Platzierungen und somit möglichen Sponsoreneinnahmen verwehrt bleibt. Dadurch können sie sich, wenn überhaupt, nur einen Halbprofi-Status leisten und sind aufgrund fehlender Trainings- und Erholungszeit gegen die Vollprofis aus Kenia meist chancenlos. Einige Laufveranstalter versuchen dem Rechnung zu tragen und geben separat den besten Schweizer Läufern Preisgeld. Ein weiterer Faktor, welcher die ungleich langen Spiesse zwischen mitteleuropäischen und afrikanischen Läufern verstärkt, besteht in der aktuellen Dopingproblematik in der Leichtathletik. Nicht wenige Stimmen verlangen zusätzlich zum Ausschluss der russischen Leichtathletikdelegation für Olympia in Rio auch den Ausschluss der Kenianer, Äthiopier und Marokkaner, solange diese nicht über ein funktionierendes Antidopingsystem verfügen.

Dagegen könnte man einwenden, dass der an europäischen Läufen erzielte Verdienst für die Afrikaner zumindest eine lobenswerte Art von Entwicklungshilfe darstellt. In diesem Zusammenhang müsste allerdings geprüft werden, welcher Betrag den Läufern am Ende tatsächlich verbleibt. Die ZDF-Dokumentation „The Long Distance“ über den Deutschen Manager Volker Wagner zeigt, dass mit dem Preisgeld alle Spesen (Flüge, Unterkunft, Essen etc.) sowie 15 Prozent Provision an den Manager bezahlt werden müssen. Ob und wieviel Geld den Athleten nach ihrem Europaaufenthalt also übrig bleibt, hängt somit ausschliesslich von ihren Leistungen ab. Nicht selten kommt somit der mit grossen Träumen nach Europa Gereiste mit leeren Händen in sein Dorf und zu seiner Familie zurück.

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Andreas Kempf in Action. Quelle: athletix.ch

Es wird interessant sein zu sehen, wie die Laufveranstalter zukünftig mit dem modernen Menschenhandel im Laufsport umgehen werden. Vielleicht stoppen sie diese Entwicklung, und wir werden in naher Zukunft wieder einmal einen Schweizer auf dem Podest am Kerzerslauf vorfinden…

Der Autor ist sich der heiklen Thematik dieses Artikels bewusst und steht gerne zu Diskussionen zur Verfügung. Aufgrund der besseren Lesbarkeit wurde in diesem Text der Einfachheit halber nur die männliche Form verwendet. Die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen.

Dieser Text erschien in einer gekürzten Fassung als Kolumne in den Freiburger Nachrichten.

6 Comments

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  • Hallo Andreas

    Ganz interessanter Beitrag. Gut wäre es, so etwas wie einen Post-Cup wieder einzuführen. oder so wie silvesterlauf, der keine guten Läufer einlädt.

    • Hallo Jasi, vielen Dank! Sehe ich auch so. Der Post-Cup war eine gelungene Sache um den Stellenwert der Schweizer Läufer zu erhöhen, ermöglichte ihnen einen gewissen Zusatzverdienst und war spannend für die Zuschauer. Leider ist die Post ja bekanntlich als Sponsor ausgestiegen…

  • Diese Beobachtungen macht man auch in Deutschland. Die großen Läufe werden schon lange nicht mehr von deutschen LäufernInnen gewonnen. Was die Dopingproblematik angeht, so kann sich die Laufszene doch sicherlich darauf verlassen, dass alle Topatlethen einer Dopingkontrolle unterzogen werden, zumindestens dann, wenn ein Sieg oder eine vordere Plazierung erreicht wird, egal welcher Nationalität si sind. Ich wünsche natürlich jedem Kenianischen LäufereIn deftiges Preisgeld als Lohn für seine Trainings und zum Unterhalt der Familie. Dass aber sogenannte Manager daran verdienen ist leider im Profisport üblich….jeder kämpft für sich…der eine für ein gemauertes Haus, der andere für seinen Swimmingpool. Es ist manchmal unerträglich.

    • Liebe/r Leser/in, besten Dank für ihren Kommentar und entschuldigen Sie, dass ich erst jetzt antworte. Ich gehe grundsätzlich mit allen von ihnen genannten Punkten einig. Einzig bei den Dopingkontrollen möchte ich bemerken, dass heutzutage selten (oder nur die sehr unvorsichtigen, um nicht zu sagen dummen) Athleten beim Wettkampf gedopt sind. Die Betrüger nehmen verbotene Substanzen in der Vorbereitungsphase, um härter trainieren zu können. Deshalb sind unangemeldete Dopingkontrollen so wichtig. Leider finden diese in Europa noch zu sporadisch und in Afrika meistens gar nicht statt.

  • Hallo Andreas

    Könnten sich da nicht die Schweizer Athleten zusammen tun und auf gewisse Veranstalter Druck machen oder das Gespräch suchen. Ungeachtet, den anderen von Dir sehr schlüssigen und interessanten Fakten, denke ich, dass es doch sicherlich eine Laufveranstaltung geben könnte, die sich genau dem verschreiben könnte. Sprich nur in der Schweiz wohnhafte Athleten zuzulassen im Elitefeld.

    Ich bin davon überzeugt, dass dies auch für das Publikum, das ja bereits zahlreich an den Läufen erscheint noch interessanter sein könnte. Dadurch bedingt wäre wohl auch eine höhere Wertschöpfung für die Sponsoren zu erreichen, da es sich dort so oder so meist um Schweizer Brands handelt.

    Könnte ein solcher Zusammenschluss von Läufern nicht einen Ansatz darstellen?

    Ich möchte aber hier auch noch anmerken, dass ich dir Bemerkung von Jasi ziemlich heftig finde. Zu sagen, dass z.B. am Silvesterlauf keine guten Läufer eingeladen werden, stellt die u.a. Schweizer Spitzenläufer, die jedes Jahr dort teilnehmen in ein ganz schlechtes Licht. Das sind alles absolute Topathleten und verdienen für Ihre Leistungen gerade unter diesen Umständen den grössten Respekt.

    • Hallo Jonas

      Vielen Dank für deinen Kommentar und entschuldige, dass ich erst jetzt antworte. Deine Frage geht sicher in die richtige Richtung. Ähnliche Punkte habe ich mit den Verantwortlichen vom Kerzerslauf nach dem Rennen auch besprochen. Denn die Veranstalter haben durchaus grosses Interesse an guten Schweizer Läufern und schätzen Inputs von Athletenseite (soweit meine Erfahrungen bis jetzt).

      Nichtsdestotrotz müssten sich die Schweizer Läufer noch mehr zusammentun und das Gespräch mit den Veranstaltern suchen. Denn schlussendlich muss dort ein Umdenken stattfinden.

      Ich nehme an, die Bemerkung von Jasi zielte auf Top-Läufer aus dem Ausland. Ich gehe nicht davon aus, dass sie die Schweizer Läufer verunglimpfen wollte.

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