Urban Halter: Höhepunkt Jungfrau Marathon

1830 Höhenmeter galt es zu bezwingen auf dem Weg zum grossen Jahresziel auf der Kleinen Scheidegg. Der Jungfrau-Marathon, der grösste und attraktivste Marathon der Schweiz.

Die Wetterprognosen waren gut, im schlimmsten Fall war mit einzelnen Schauern gegen Nachmittag zu rechnen. Die Vorbereitung war leicht durchzogen, aufgrund der dreiwöchigen Zwangspause fehlten mir ein paar Kilo- und Höhenmeter. Was mir aber mehr Sorgen bereitete, war eine Erkältung, die sich eine Woche vor Start mit einem kratzigen Hals ankündigte.

So liess ich die letzte etwas schnellere Trainingseinheit am Montag vor dem Lauf aus und beschränkte mich auf kurze Regenerationsläufe. Und versuchte mit Lutschtabletten, Kräuterbonbons und Nasenspray die Symptome zu dämmen. Das gelang auch einigermassen, aber ob ich wirklich fit war, blieb eine offene Frage.

Am Freitag vor dem Lauf nahm ich mir einen Tag frei, um noch etwas auszuruhen und dann am Nachmittag mit der Familie nach Interlaken in die bereits vor einem Jahr reservierte Jugendherberge zu reisen. Aufgestanden bin ich mit Kopfschmerzen – wohl bedingt durch die Erkältung, oder war das der steigenden Nervosität bzw. der Anspannung zu verdanken? Die Nacht auf Samstag schlief ich recht gut; früh aufstehen war angesagt, damit der Körper genug Zeit hat, in Schwung zu kommen. Frisch geduscht fühlte ich mich heute viel besser als am Vortag. Bei Eröffnung des Frühstückbuffets um 6 Uhr herrschte bereits Hochbetrieb. LäuferInnen aus verschiedenen Länder waren da. Ich kam ins Gespräch mit einem 13-fachen Finisher am Nebentisch, er schwärmte von der landschaftlichen Schönheit der Strecke, der ausgezeichneten Organisation und gab mir letzte Tipps, wie ich welche Streckenabschnitte angehen sollte. Vor allem nicht zu schnell auf den ersten 10 Kilometern! Das hatte ich mir auch vorgenommen.

Zweilütschinen

Um 9 Uhr war es soweit. Der Startschuss fiel. Im anfänglich dicht gedrängten Läuferfeld galt es das eigene Tempo zu finden. Vor der Jugendherberge feuerte mich meine Familie an und ich nahm den Weg Richtung Lauterbrunnen voller Energie unter die Füsse. Ich fand problemlos die Pace, die ich mir vorgenommen hatte, und lief locker mit dem Gefühl, noch Reserven zu haben.

Leider verliess mich diese Lockerheit nach rund 20 Kilometern. Ich spürte, dass ich Mühe bekam, mein Tempo zu halten. Spürte immer deutlicher, dass das Kreislaufsystem doch nicht voll leistungsfähig war am heutigen Tag. Die Herausforderung bestand nun primär darin, mit den verbliebenen Energiereserven so umzugehen, dass ich oben ankommen und dabei den Lauf und die Landschaft geniessen konnte. In der ersten steilen Steigung hinauf nach Wengen suchte ich die Belastungsintensität, die ich heute auf den verbleibenden 17 meist steilen Kilometern halten konnte. Es war hart, zahlreiche Läuferinnen und Läufer vorbeiziehen zu lassen. Einen Strassen-Marathon hätte ich vermutlich an dieser Stelle aufgegeben.

Heute kam das aber hier nicht in Frage; ich drosselte mein Tempo so weit wie nötig und liess mir Zeit, genug zu trinken und mich zu verpflegen. Wasser, Iso, Bouillon, ja sogar Cola habe ich becherweise zu mir genommen. Das war wegen dem warmen Wetters nötig und aufgrund des tieferen Tempos hier etwas einfacher als bei schnellen flachen Wettkämpfen.

Wengernalp-min

Auch den Blick für die kraftvolle imposante Bergwelt verlor ich nicht, das richtete mich immer wieder auf und zauberte zwischendurch ein Lächeln aufs Gesicht. Auf dem flacheren Zwischenstück vor und nach Wengen versuchte ich, wieder ein paar Energiereserven für den steilen Schlussaufstieg zu sammeln. Der finale Anstieg war dann anstrengend wie erwartet: Es dauerte gefühlte Ewigkeiten zwischen den Distanzanzeigen, obwohl diese im 250Meter-Abstand gesetzt wurden. Der Dudelsack-Spieler oben auf der Moräne erlöste die in Einerkolonne wandernden LäuferInnen, und auf dem Schlussabschnitt konnte man die Beine nochmals fliegen lassen und den Zieleinlauf geniessen.

Nach dem Zieleinlauf entdeckte ich dann auch meine Familie in den Zuschauermassen und genoss in ihren Armen die intensiven Emotionen. Den Stolz, es trotz nicht optimaler Verfassung geschafft zu haben und dabei auch das Laufen und die Natur-Eindrücke sowie die zahlreichen Zuschauer genossen zu haben, die am Wegrand die Läufer anfeuerten. Das Gefühl, das Beste aus den heute vorhandenen Möglichkeiten gemacht zu haben. Unglaublich schöne Momente, emotional sicher mein Jahres-Höhepunkt.

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