Visualisieren

Der Kopf läuft mit – in unserer Serie „Das 1×1 des Sportmentaltrainings“ gibt dir Martin Feigenwinter wertvolle Tipps, wie du das mentale Training praktisch mit deinem Lauftraining verbinden kannst, um beim nächsten Wettkampf deine persönliche Topleistung abzurufen. Mentales Training bringt Läufer auf unterschiedlichstem Niveau weiter. In diesem Beitrag geht es rund ums Visualisieren. 

Du denkst in Bildern. Stell dir vor: Du läufst als Sieger bei einem grossen Lauf ins Ziel …

Siehst du dich gerade, wie du durch die jubelnde Menge läufst oder wie dich deine Liebsten nach dem Ziel in Empfang nehmen? Oder du hast ein Bild im Kopf wie du bei deinem Lieblingslauf die Ziellinie jubelnd überquerst?

Was für Bilder dir auch immer gekommen sind – du hast dir ausgemalt, wie es wäre zu siegen, oder du hast auf eine bestehende Erfahrung eines Sieges zurückgegriffen.

Viele Sportler visualisieren, ohne dass sie diese mentale Technik bewusst gelernt haben.

Kopfkino

Du kannst eine Situation oder einen Ablauf vor deinem inneren Auge betrachten. Dabei kannst du oder jemand anders die Hauptperson sein. Gut zu beobachten ist das beispielsweise bei Skiläufern, die die Strecke vor dem Start visualisieren. Manche tun das mit gut sichtbaren Handbewegungen.

Beim Visualisieren baust du dir ein inneres mentales Bild auf. Du schaffst dir deine eigene Wirklichkeit. Dein Gehirn unterscheidet nämlich nicht zwischen Realität und Fiktion. Je mehr Sinne du in das Visualisieren miteinbeziehst, desto lebendiger wird dein Bild.

Visualisieren ist Probehandeln.

Stell dir noch einmal vor, wie du als Sieger die Ziellinie überquerst. Mach es ein wenig dramatisch. Stell dir ein Fotofinish vor. Wie du dich ins Ziel wirfst. Oder wie du dich vor voll besetzten Zuschauerrängen im Olympiastadion gerade noch ins Ziel rettest.

Faszinierend, wie dein Kopfkino funktioniert, oder?

Als Läufer kannst du das Visualisieren in verschiedenen Bereichen gewinnbringend einsetzen.

Bewegungsabläufe visualisieren

Mit Visualisieren kannst du einen Bewegungsablauf lernen, optimieren oder stabilisieren. Wenn du beispielsweise deine Lauftechnik verbessern, deinen Zielsprint optimieren willst oder durch eine Verletzung zum Pausieren gezwungen bist, kannst du mittels Visualisieren tolle Ergebnisse erzielen.

Von dem zu lernenden Bewegungsablauf machst du dir ein genaues inneres Bild. Das setzt natürlich voraus, dass du die Bewegung und die Bewegungsabfolge kennst.

Im mentalen Training gehst du diesen Ablauf Schritt für Schritt durch, ohne dass du diesen körperlich ausführst. Dabei kannst du die Bewegung aus der Innensicht (aus deiner Perspektive) visualisieren oder du betrachtest dich von aussen, wie wenn du dich in einem Video anschaust. Manche Athleten wechseln die Perspektive beim Visualisieren. Das habe ich auch gemacht.

Optimalen Leistungszustand visualisieren

Visualisieren hilft dir auch, in deinen optimalen Leistungszustand zu kommen. Nur mit dem für dich optimalen Aktivierungsniveau kannst du Spitzenleistungen abrufen.

Strecke visualisieren

Eine Strecke oder schwierige Situationen kannst du in deiner Vorstellung simulieren. Mach dir einen detaillierten Plan von der Strecke mit neuralgischen Punkten. Wenn du einen Wettkampf vor deinem inneren Auge durchspielst, dann schaffst du dir damit eine vertraute Umgebung. Das gibt dir Sicherheit, weil du weisst, was auf dich zukommt.

Du kannst dir beispielsweise ausmalen, wie du beim Marathon die letzten zehn Kilometer locker läufst und dich von den Zuschauern tragen lässt.

Emotionen visualisieren

Was gibt es Besseres als positive Emotionen?

Die Erinnerung an einen guten Lauf lässt dich die damit verbundenen positiven Emotionen noch einmal durchleben. Du weisst: Dein Gehirn unterscheidet nicht zwischen Realität und Fiktion. Deshalb erinnerst du dich gerne an positive Lauferlebnisse. Das gute Gefühl kannst du in der Erinnerung noch einmal durchleben.

Wenn du dir deine eigenen Stärken und positiven Erlebnisse vor deinem inneren Auge vergegenwärtigst, dann schaffst du dir Stabilität im Wettkampf. Es hilft dir auch, schwierige Situationen zu meistern.

Dazu gibt es eine schöne Übung, bei der du einen Sieg – oder eine persönliche Leistung, die sich für dich wie ein Sieg anfühlte – noch einmal Revue passieren lässt.

Das Sieger-Gefühl

Such dir einen ruhigen Ort und nimm eine bequeme Körperhaltung ein. Du kannst sitzen oder liegen, so wie es für dich am besten passt.

Schliess deine Augen und atme ruhig und gleichmässig.

Lass die Erinnerung an einen persönlichen Sieg in deiner Vorstellung noch einmal Revue passieren.

Koste diesen persönlichen Triumph noch einmal mit allen Sinnen und Emotionen aus.

Atme weiterhin ruhig und gleichmässig.

Sage dir jedes mal beim Ausatmen in Gedanken: „In mir steckt ein Sieger.“

Das stärkt deine Motivation, dein Selbstvertrauen und deine Zuversicht.

Zusammenfassung

Nun kennst du die Basics des mentalen Trainings. Das mentale Training unterstützt dich dabei, deine Trainingsleistungen auch im Wettkampf abzurufen.

Deine Atmung hilft dir,

  • in deinen optimalen Leistungszustand zu kommen/darin zu bleiben
  • dich zu entspannen
  • dich zu fokussieren und deine Aufmerksamkeit zu lenken
  • deine Selbstwahrnehmung und dein Körperempfinden zu beeinflussen

Die Selbstgesprächsregulation hilft dir,

  • in deinen optimalen Leistungszustand zu kommen/darin zu bleiben
  • negative Gedanken wahrzunehmen und diese durch positive zu ersetzen
  • störende Gedanken zu unterbrechen
  • zielführende und leistungssteigernde Selbstgespräche zu führen
  • deine Aufmerksamkeit in die richtigen Bahnen zu lenken
  • dich zu motivieren

Das Visualisieren hilft dir,

  • in deinen optimalen Leistungszustand zu kommen/darin zu bleiben
  • Bewegungsabläufe zu lernen, zu optimieren und zu stabilisieren
  • dich zu motivieren
  • einen Wettkampfplan zu erstellen
  • souverän mit schwierigen Situationen umzugehen
  • positive Emotionen zu erleben

Mental stark wirst du, wenn du das Sport-Mentaltraining regelmässig anwendest. Du musst es stetig trainieren. Das ist wie beim Laufen. Wenn du nur sporadisch trainierst, wenn du gerade Lust dazu hast, wirst du dein Leistungsniveau nicht verbessern. Genauso verhält es sich mit dem mentalen Training.

Stell dir vor, du kannst deine Trainingsleistung auch im Wettkampf abrufen. Wäre das nicht ein Hit?

Wenn du noch mehr darüber erfahren möchtest, was mentales Training alles kann, schau doch gleich mal vorbei:  Auf meinem Blog findest du weitere Artikel zu persönlicher und mentaler Stärke.

Ich wünsche dir ganz gutes Gelingen bei deinen nächsten Läufen. Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

Martin Feigenwinter ist Sport-Mentaltrainer und Olympionike im Eisschnelllaufen und bloggt auf feigenwinter.com. Er unterstützt Athleten dabei, am Tag X ihr volles Leistungspotenzial abzurufen. 

Athleten profitieren von seiner persönlichen Erfahrung aus 15 Jahren Leistungssport und als Sport-Mentaltrainer. Er ist zweifacher Olympiateilnehmer (1994, 1998) und mehrfacher Schweizermeister & -rekordhalter im Eisschnelllaufen. 1998 belegte er bei der Einzelstrecken-Weltmeisterschaft den 7. Rang über 10.000 Meter. Mit der gelaufenen Zeit schaffte er den Sprung in die Top 10 der Weltrangliste aller Zeiten.

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