Die Schweizer Lauflegende Markus Ryffel über den Laufsport damals und heute

Der Laufsport hat sich seit seinen Anfängen stark weiterentwickelt. Einer, der die Entwicklungen der letzten 40 Jahre selbst durchlebt hat,  ist der 63-jährige Schweizer Rekordhalter über 3000m und 5000m, Markus Ryffel. Der Olympia-Silbermedaillengewinner von 1984 ist running.COACH Aushängeschild der ersten Stunde und war bei der Entwicklung massgeblich beteiligt. In diesem Interview gibt er uns einen Einblick den Laufsport von damals.

Heute ist das Wissen in Sachen Training und Leistungsdiagnostik um einiges grösser als zu der Zeit, als Markus Ryffels selber aktiver Elite-Athlet war. Da ist es doch erstaunlich, dass bis heute keiner seiner zwei Schweizer Rekorde hat unterboten werden können. Es scheint, als wären die Trainingsmethoden von damals den heutigen doch nicht so klar unterlegen. Wie Markus Ryffel trainierte, welche Aspekte des heutigen Laufsports er begrüsst und welche er eher ablehnt, hat er uns in diesem Interview erklärt.

Markus, heute bedeutet Intervalltraining für viele vor allem das Einhalten bestimmter Kilometerschnitte oder Pulswerte, was wir beides bequem von unserer Pulsuhr ablesen können. Zu deiner Zeit gab es diese Art von Uhr aber noch nicht. Wie gestaltete sich denn dein intensives Training damals?

Trainingsformen der aerob-anaeroben Ausdauer sind Trainingsformen, die bei mir wöchentlich auf dem Training standen. Das waren vor allem Mischformen, die im aeroben sowie im anaeroben Bereich (Toleranztraining) einen günstigen Trainingseffekt bewirkten. Dazu gehörten beispielsweise das schwedische Fahrtspiel oder einfach freudvolles Laufen im Gelände mit 20min Aufwärmen und anschliessend 45min Fahrtspiel mit vielen Tempowechseln. Umfang und Intensität wurden jeweils von mir selber festgelegt (z.B. 3min Hügellauf, 2min Erholung, 5min Belastung im Flachen, etc.). Beim polnischen Fahrtspiel standen längere Distanzen auf dem Programm. Nach einem 45min langen Aufwärmen folgen Tempowechsel mit der Stoppuhr (z.B. eine Pyramide à 30‘‘, 60‘‘, 90‘‘, 2‘. 3‘, 2‘, 90‘‘, 60‘‘, 30‘‘ bei gleich langen Trabpausen und zwei Serien).

Wir sind da jeweils einfach losgelaufen, mit einer analogen Uhr ohne Pulsmesser. Wenn der Sekundenzeiger oben war, hat das Intervalltraining begonnen und die innere Uhr hat die Intensität bestimmt. Sehr wohl haben wir aber den Puls gemessen, dies selbst während 10-15s kurzen Belastungen, und dann auf eine Minute addiert.

Diese Abhängigkeit von technologischen Hilfsmittel führt nicht selten dazu, dass Läufer eher individuell, statt in der Gruppe trainieren. Wie war das bei dir? Liefst du eher in der Gruppe oder alleine?

Mehrheitlich bin ich in Gruppen gelaufen. Ich hatte das Glück, dass in meinen ersten Jahren im Stadtturnverein Bern bis zu 30 Mittel- und Langstreckenläufer olympische Ambitionen hatten. Später habe ich in Deutschland, Österreich, Neuseeland, den USA und St. Moritz immer versucht, mit „Weltklasse-Sparring-Partnern“ eine hohe Trainingsqualität zu erschaffen. Ich habe aber nie das Training von anderen kopiert. Nicht zu unterschätzen ist der soziale Aspekt in der Gruppe. Es macht einfach auch mehr Spass, gemeinsam zu laufen und sich auszutauschen. Zudem lernt man, vom „Vordermann“ den Schritt abzunehmen. Bei einem „Vordermann“ von 1.70m oder 1.90m fühlt sich dies ganz unterschiedlich an. Da man nie genau weiss, mit wie grossen Vordermännern man es im Wettkampf zu tun haben wird, ist es hilfreich, die verschiedenen Situationen schon im Training testen zu können. Ausserdem wird bei Intervalltrainings in einer Gruppe die Mentalkraft geschont, da das Tempo von allein hoch bleibt.

Markus Ryffel an auf dem Weg zu seiner Olymischen Silbermedaille über 5000m in Los Angeles 1984. Bild: imago/WEREK

Wie würdest du deine Trainingsphilosphie beschreiben? Was erachtest du als wichtig im Training und was als weniger wichtig?

Das Krafttraining hatte für mich immer einen hohen Stellenwert. Die Muskelkraft diente dazu, die motorischen Grundeigenschaften zu optimieren und sie sorgte für die Prophylaxe gegen Überlastungen des passiven Bewegungsapparates. Deshalb gehörte neben dem reinen Lauftraining auch 3x wöchentlich ein Krafttraining zu den entscheidenden Mosaiksteinchen, beziehungsweise zu den leistungssteigernden und leistungskonservierenden Massnahmen. Ich absolvierte sowohl Übungen aus dem Schnellkraftbereich als auch Sprünge aller Art. Auch von Sprints (Bergsprints bis 10% Steigung, Sprints im Schnee oder Sand) konnte ich profitieren. Von grosser Bedeutung war insbesondere das Kraftausdauertraining mit hoher Wiederholungszahl und geringen Lasten. Bei Sprüngen und Sprints arbeitete ich hauptsächlich mit der extensiven Intervallmethode, das heisst, mit hohem Umfang und geringen Pausen. Oft mit dem eigenen Körpergewicht oder mit Handgeräten wie Sprossenwand, Kletterstange, Schwedenkasten, Medizinball oder Springseil. Sie alle waren entscheidende Hilfsmittel zur Entwicklung der Kraftfähigkeiten. Und schliesslich stand wöchentlich ein mehrstündiges polysportives Training zur Verbesserung der Kraft- und Ausdauer wie Velofahren, Skilanglaufen oder Aqua-Fit auf dem Programm, welches immer mit 20-30min Laufen abgeschlossen wurde, um die Laufökonomie zu bewerkstelligen.

Zu meiner Trainingsphilosophie gehört es auch, sanfte polysportive Sportarten nicht nur für die Kraftausdauer, sondern auch zur Ausbildung der Grundlagenausdauer regelmässig einzubauen. Denn unser Herz unterscheidet prinzipiell nicht, ob wir laufen, velofahren oder skilanglaufen. Zudem wird der Bewegungsapparat geschont.

So ist aus einem meiner Trainingsprotokolle zu entnehmen: Mit einem Gesamtumfang von 6071km in der ersten und zweiten Saisonhälfte lief ich 5582km aerob, aerob-anaerob 152km, anaerob 24km, Schnelligkeit/Koordination 158km, Wettkampf 155km.

Was hat sich in deinen Augen verändert im Laufsport gegenüber vor 40 Jahren…

  • in der Gesellschaft…? Damals war die Zeit, in der verschwitzte Gelände-, Strassen- und Waldläufer verständnislos belächelt wurden. Heute lächelt man Ihnen verständnisvoll zu und bewundert sie.
  • punkto Ausrüstung…? Man lief nicht nur ohne Pulsuhr los, sondern auch ohne Handytasche, ohne Trinkgurt und schon gar keine Musik. Lieder wie „Too Low for Zero“ von Elton John hat einem bis vor die Haustüre begleitet und keinen Schritt weiter.
  • in Sachen Ernährung? Ich stamme aus einer Zeit, als der Glaube manchmal noch wichtiger war, als das Wissen. So ass ich beispielsweise täglich eine Tafel Schokolade und genoss Stückchen für Stückchen.

Die Spitze ist dünner geworden in der Schweiz. Zum Beispiel werden heute deutlich weniger Zeiten unter einer Stunde am GP von Bern gelaufen. Worauf würdest du das zurückführen?

Ich erlebte eine Zeit, in der Ablenkungen, wie sie zum Beispiel die sozialen Medien mit sich bringen, kein Thema waren. Heute ist diese Ablenkung um ein Vielfaches grösser, was die Fokussierung auf ein bestimmtes Ziel hin erschwert.

Was hältst du von den vielen Nahrungsergänzungsmittel, die heute im Sport eingesetzt werden (Recovery-shakes, Gels für unterwegs, etc.)? Diese ganze Industrie gab es ja damals auch noch nicht…

Man wusste schon in den 1970er 1980er Jahren, dass wer nicht mehrmals trainiert, während der Trainingseinheiten erstmals keine Verpflegung braucht. Alleine mit unseren Kohlenhydrate-Speichern kann man 1.5h ohne Nahrungsaufnahme laufen. Und wir haben auch noch Fettspeicher. Bei einem Durchschnittlichen Hobbyläufer reichen diese theoretisch für weitere 2h joggen. Warum soll man also auf einer Jogging-Runde mühselig Verpflegung mitschleppen?

Zudem waren meine Trainingsaufenthalte in Neuseeland sehr prägend. Ich lernte zum Beispiel, dass Longjoggs ohne Kohlenhydrate gelaufen werden sollten. So starteten wir mit zwei Tassen Tee ohne Zucker zum Longjogg von 32km. Da ich daran nicht gewohnt war, stand ich nach 25km plötzlich still, völlig erschöpft – Feierabend. Dieses Schlüsselerlebnis zeigte mir auf, wie wichtig nüchterne Trainings sind und prägte in Zukunft meinen wöchentlichen Longrun.

Gibst du deine Erfahrungen heute aktiv weiter?

Meine Leidenschaft gebe ich vor allem in unseren Workshops und Aktivferien mit Markus Ryffel’s weiter (www.markusryffels.ch). Zudem habe ich einige Hobby-Athleten, die ich betreue und auf Wettkämpfe vorbereite. Zusätzlich betreue ich Marcel Berni, der unter anderem Team-Europameister im Halbmarathon 2016 war.

Markus Ryffel am Greifenseelauf 2016 zum 30-Jährigen Jubiläum seiner Marke Ryffel Running. Bild: swiss-image.ch/Nadja Simmen

Hast du deine Philosphie mit den Jahren angepasst oder würdest du heute wieder gleich trainieren wie damals? Welche der neuen Entwicklungen machst du dir heute selbst zu Nutze? 

Das meiste würde ich machen wie damals. Selbstverständlich würde ich die Leistungsdiagnostik nutzen, um Übertrainings zu vermeiden. Heute laufe ich persönlich 4-5 Mal pro Woche, ohne Musik und ohne Recovery-Shake, und geniesse das Stadion Natur mit all seinen Jahreszeiten.

Wie stehst du zum Doping? Glaubst du, die heutigen Marathon-Rekorde sind möglich ohne Doping? 

Das Thema Doping ist und bleibt einem einen Dorn im Auge. Ich hoffe und glaube aber daran, dass Rekorde auch ohne Doping gelaufen werden können. Gute Leistungen werden automatisch oft mit Doping gleichgesetzt, was schade, aber auch nachvollziehbar ist.

Wie erklärst du dir, dass du trotz des heute fortgeschrittenen Wissens immer noch Schweizer Rekordhalter über 3’000m (7:41,00) und 5’000m (13:07,54) bist?

Meine Grundlagenausdauer, die ich mir durch den elterlichen Hauslieferdienst angeeignet hatte, war die entscheidende Grundlage, um überhaupt in die europäische Elite und später in die Weltklasse vorzustossen. Das tägliche Radfahren von durchschnittlich 20km an 6 Tagen die Woche war quasi „Gratis-Training“. Die von meinem Entdecker, Heinz Schild, geforderten Hausaufgaben in den Konditionsfaktoren Kraft, Beweglichkeit, Koordination und Schnelligkeit ökonomisierten meine Lauftechnik auf Weltklasseniveau.

Markus Ryffel (links) bei der Siegerehrung an den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles. Bild: Keystone

Heute gehen Schweizer Läufer vermehrt nach Kenia trainieren. Ist das wirklich nötig?

Viktor Röthlin hat uns allen aufgezeigt, wie wichtig es ist, sich den „ausserirdischen“ Weltklasse Läufer zu stellen und mit ihnen in der Abgeschiedenheit Afrikas die Leistungsbatterien physisch und psychisch aufzutanken. Es lohnt sich also auf alle Fälle!

Wie beurteilst du insgesamt die Entwicklungen, die der Laufsport in den letzten 40 Jahren durchlaufen hat?

Ich bin hocherfreut, wie sich der Laufsport global zur Breitensportart Nummer 1 entwickelt hat.

 

Dieser Blogbeitrag wurde verfasst von: Marion Aebi

One Comment

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  • Erstaunlich finde ich dass Markus einen Vorteil in Gruppenläufen darin sieht dass Mentalkraft geschont werden kann. Ich hätte jetzt gerade das Gegenteil erwartet, d.h. dass in Einzelläufen Mentalkraft trainiert respektive die Fähigkeit verbessert werden kann die Pace auch ohne Nebenmann hoch zu halten. Kann dies möglicherweise noch weiter ausgeführt werden?

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