Das Laufleben der Schweizer Spitzenläuferin Martina Strähl

Die Schweizerin Martina Strähl hat lange vor allem als Bergläuferin national und international Erfolge feiern können. In letzten Jahren hat sie aber auch auf flachen Strecken gezeigt, was in ihr steckt. Im Interview verriet uns die 31-Jährige Solothurnerin mehr über ihr Laufleben.

Dieses Jahr hast du bereits den Grand Prix von Bern gewonnen und bist beim Berliner Halbmarathon Zweite geworden. Du scheinst in der Form deines Lebens zu sein! Was lief dieses Jahr noch besser als früher?

Dieses Jahr trainieren wir noch gezielter als in den vorderen Jahren. Dabei fokussiere ich voll auf den Marathon und unterordne dem alle anderen Wettkämpfe. Ich trainiere nach einem gut durchdachten, auf mich zugeschnittenen, flexiblen Trainingsplan den ich zusammen mit meinem Trainer erstellt habe. Dabei verfolgen wir den Grundsatz Qualität vor Quantität und setzen den Fokus noch mehr auf die Erholung.

Martina auf dem Weg zum Sieg am Grand Prix von Bern 2018 (Bild: NZZ am Sonntag)

Früher bestrittest du vor allem Bergläufe. Heute sieht man dich aber immer häufiger auch auf flachen Strecken. Warum dieser Wechsel? Hat dich die «Fläche» schon immer auch gereizt? Was gefällt dir besser?

Ich bin jahrelang am Berg gelaufen und habe dort sehr viel erreicht. Ich wurde 2x Europameisterin, Doppelweltmeisterin, gewann den Jungfraumarathon und ich konnte weitere  EM und WM Medaillen nach Hause bringen. Das Verlangen nach neuen Herausforderung wurde immer grösser. Also versuchte ich in Luzern meinen ersten flachen Marathon zu laufen und ich sicherte mir sogleich das EM Ticket für Zürich 2014. Dass ich jetzt aber voll auf den Marathon setze und die Bergläufe in den Hintergrund rücken, dazu hat mich schlussendlich mein Trainer bewogen. Das war ein guter Entscheid!

Früher bestand ein Grossteil deines Trainings aus alternativen Einheiten und du durftest fast nur bergauf rennen. Ist dein Körper heute weniger verletzungsanfällig, oder warum klappt es jetzt auch im Flachen? Trainierst du auch heute noch viel alternativ?

Genau, früher habe ich 2/3 alternativ trainiert weil ich oft verletzt war. Doch damals war sich mein Körper die Schläge die beim Laufen entstehen nicht gewohnt. Über die Jahre hinweg bin ich immer ein wenig mehr gelaufen und mein Körper konnte sich über die Jahre hinweg an diese Belastung gewöhnen. Jetzt laufe ich vielleicht 2/3 und mache nur noch einen Drittel Alternativtraining. Das heisst. ich trainiere einige Alternativeinheiten drinnen auf dem Crosstrainer und einige Einheiten draussen im Jura auf dem Rennrad oder Bike. Diese einzelnen Einheiten dauern meistens nicht über eine Stunde, ausser sie sind mit einem Lauftraining gekoppelt.

Gib uns doch mal einen Einblick in deinen Trainingsalltag. Wie sieht eine «normale» Trainingswoche aus bei dir? Oder ist das sehr unterschiedlich?

Das kommt darauf an ob ich arbeite oder nicht. Generell beginne ich mein Training immer zwischen 6 und 7 Uhr am Morgen. Das ist meistens eine Laufeinheit, die ich auf dem Laufband im Fitnesscenter absolviere. Muss ich zur Arbeit (3-4x pro Woche), folgt dann am Mittag oder gegen Abend noch eine Alternativeinheit. Arbeite ich nicht (2-3x pro Woche), folgt meistens direkt nach der Laufeinheit noch eine lockere Alternativeinheit. Hinzu mache ich noch 2-4 Krafteinheiten pro Woche. Dazu gehört z.B. auch Body Pump. Neben dem Training gehe ich zur Erholung 2x pro Woche in die Massage/Physio und 2-3x pro Woche in die Sauna. Zusammengefasst komme ich täglich etwa auf zwei bis drei Stunden Training. In der Woche macht das zwischen 17 und 23 Stunden Training plus noch etwas 3-5 Stunden regenerative Massnahmen.

Trainierst du streng nach Puls oder Schnelligkeit oder eher nach Gefühl?

Ich trainiere meistens nach Gefühl. Den Pulsmesser brauche ich nur sehr selten. Auf dem Laufband trainiere ich bei den Intervalleinheiten nach Geschwindigkeitsangaben und je nach dem auch nach Gefühl. Draussen laufe ich lediglich mit der Uhr, um zu schauen, wie viele Kilometer/Höhenmeter ich gelaufen bin und wo ich durchgerannt bin. Im Wettkampf laufe ich nie mit einer Uhr.

Wie eng arbeitest du mit deinem Trainer, Fritz Häni, zusammen? Macht er dir alle Trainingspläne oder bist du eher frei in deiner Traningsgestaltung?

Wir arbeiten eng zusammen. Gemeinsam planen wir die Saison, die einzelnen Monate, Wochen und Tage. Ich habe einen auf mich angepassten, flexiblen Trainingsplan. Je nach Befinden passen wir den Plan immer etwas an. Fast jeden Tag besprechen wir das Training für den nächsten Tag. Dabei kann auch ich immer meine Ideen einbringen.

Martina Strähl mit ihrem Coach Fritz Häni (Bild: martinastraehl.ch)

Dein Palmarès auf der Homepage ist beeindruckend! Es fängt an im Jahr 2005. Da warst du 18 Jahre alt. Fingst du «erst» da mit Wettkämpfen an oder hast du schon früher an Wettkämpfen teilgenommen?

Ich habe schon früher an Wettkämpfen teilgenommen. Schon als kleines Mädchen war ich in der Jugi und da gingen wir regelmässig an den Jugitag. Schon da war ich sehr ehrgeizig. Ab 2000 nahm ich regelmässig an Läufen teil. Seit 2006 bin ich regelmässig an internationalen Wettkämpfen anzutreffen.

Obwohl du an grossen Anlässen, wie zum Beispiel dem Berliner Halbmarathon ganz vorne mitläufst, sieht man dich auch immer wieder an kleineren Läufen hier in der Schweiz. Wie wählst du deine Wettkämpfe aus?

Meistens habe ich ein kleines und ein grosses Saisonziel. Mein grosses Saisonziel in diesem Jahr ist die Leichtathletik EM in Berlin. Das kleine waren der GP Bern und auch ein bisschen der Berliner Halbmarathon. Die anderen Wettkämpfe wählen wir so, dass es einen sinnvollen Aufbau ergibt. Oftmals wählen wir auch Rennen, die ich schon gelaufen bin. So sehe ich, wo ich im Vergleich zu den anderen Jahren stehe. Zudem wählen wir auch Rennen mit starken Gegnerinnen.

Wie kamst du zum Laufsport? Hast du auch andere Sportarten ausprobiert?

Ich mache schon mein ganzes Leben lang Sport. Als kleines Mädchen war ich in der Jugi (Jugend-Riege) sehr aktiv. Dann probierte ich das Geräteturnen aus. Doch ich fühlte mich in der Leichtathletik wohler und so wurde ich Mitglied beim LZ Biberist. Da war ich etwa 12 Jahre alt und machte noch alle Disziplinen mit. Eine kurze Zeit war ich noch in einem Ruderclub aktiv. Doch das war mir zu zeitintensiv und das Laufen bzw. die Ausdauer lag mir auch am Besten. Ich erinnere mich noch, als ich in der Bezirksschule beim 1000m Lauf die beste Zeit lief, inklusive Knaben, und dies mit nur wenig Training. Schon bald wechselte ich vom LZ Biberist zum LV Langenthal, weil es dort mehr Läufer und Läuferinnen gab. Da nahm mich eine Kollegin mal an einen Strassenlauf mit und ich war auf Anhieb vorne mit dabei. Von diesem Zeitpunkt an nahm ich regelmässig an Strassenrennen teil. 2001 wurde ich Vizeschweizermeisterin über 3000m. Da ich relativ oft verletzt war, wechselte ich 2005 zum Berglauf, da dieser gelenkschonender ist. 2006 wurde ich in dieser Disziplin Schweizermeisterin und wurde sogleich für die Berglauf WM in der Türkei selektioniert, wo ich Silber gewann. Zwischen 2006 und 2015 war ich im Berglauf sehr aktiv, wurde 2x Europameisterin und mehrfache Schweizermeisterin. Parallel dazu machte ich aber auch Strassenwettkämpfe. Ab 2013 kam der Marathon dazu.

Ein gewohntes Bild – Martina Strähl zuoberst auf dem Podest der Berglauf-Weltmeisterschaft 2015 in Zermatt (Bild: marathon4you.de)

Was ist es, was dir am Laufen besonders gefällt?

Die Gefühle die ich beim Laufen erlebe sind unbeschreiblich schön und können durch keine andere Sportart ersetzt werden. Beim Laufen entstehen Glücksgefühle und diese machen ein bisschen süchtig. Ich fühle mich beim Laufen leicht wie ein Vogel, der hoch über der Erde kreist. Zudem ist Laufen jederzeit und überall möglich, sei es alleine oder in einer Gruppe. Es ist einfach mega praktisch.

Wo siehst du deine grössten Stärken als Läuferin? 

Meine grössten Stärken sehe ich bei mir auf den langen Distanzen, also im Halbmarathon und Marathon. Dies kann im Flachen oder auch am Berg sein. Aber auch die kürzeren Distanzen liegen mir nicht schlecht. Ob lang oder kurz, die Freude und der Wettkampfgeist ist überall hoch.

Welches sind deine nächsten grossen Ziele?

Mein nächstes grosses Ziel sind die Europameisterschaften in Berlin. Ich werde dort im August den Marathon laufen. Ein grosses Fernziel sind die olympischen Spiele in Tokyo, die im 2020 stattfinden.

Was machst du neben dem Sport? Du hast einen Master in Psychologie. Hattest du seit dem Studium auch Zeit zum Arbeiten? Oder kannst du momentan vom Sport leben?

Neben dem Sport arbeite ich als Förderlehrkraft an einer Primarschule. Für mich ist das ein super Ausgleich zum Sport. Ich arbeite sehr gerne mit Kindern zusammen und kann in der Schule gut abschalten vom Sport. Manchmal ist es schon nicht einfach, alles unter einen Hut zu bringen. Ich muss einen guten Zeitplan haben. Nur vom Sport zu leben ist nicht möglich, ich würde finanziell nicht durchkommen.

Vielen Dank und wir wünschen dir alles Gute für die Zukunft!

 

Dieser Blogbeitrag wurde verfasst von: Marion Aebi

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