Andreas Kempf: Ein spezieller Marathon

Einen Marathon zu laufen ist etwas spezielles. Und erst recht, wenn es die 42.195 Kilometer an den Europameisterschaften in Berlin sind. Andreas Kempf war als einer der Schweizer Athleten dabei und platzierte sich auf dem 42. Schlussrang mit einer Zeit von 2h21’35’’ bei seinem zweiten Marathon überhaupt. running.COACH hat mit Andreas Kempf, welchen wir schon seit längerer Zeit begleiten, über seine EM-Erfahrungen in Berlin sowie seine Zukunftspläne gesprochen. 

Wie hast dich auf die heissen Temperaturen in Berlin vorbereitet? Normalerweise finden Marathons morgens im Frühling oder im Herbst bei angenehmen Lauftemperaturen zwischen 5 und 15 Grad Celsius statt.

Genau, die Marathons bei internationalen Meisterschaften finden für Marathonläufer unüblicherweise im Hochsommer statt. Dies bedingte gewisse Anpassungen in der Vorbereitung, damit der Körper an die Hitze gewöhnt war. So reisten wir vom Engadin ab und zu nach Italien, um in der Wärme zu trainieren. Oder gewisse Trainings wurden bewusst an der Mittagssonne absolviert. Zudem versuchte ich den Körper unmittelbar vor und während dem Rennen bestmöglichst runterzukühlen. Das geschah mit aufklebbaren Kühl-Pads von EMCOOLS beim Einlaufen sowie während dem Rennen mit Liquid Ice. Diese kühlende Flüssigkeit, die man einfach über das Dress schütten kann, klebte alle fünf Kilometer an meiner persönlichen Verpflegungs-Flasche.

Beschreibe deinen EM Marathon mit drei Worten.

rennen – schwitzen – leiden

Bist du zufrieden mit deiner Leistung?

Ja, ich bin sehr zufrieden. Von den Meldezeiten her lag ich auf Rang 63 und konnte nun als 42. ins Ziel laufen. Auch von der Zeit her zeigte ich ein gutes Rennen. Bei diesen heissen und zum Teil windigen Bedingungen verlor ich nur gut zwei Minuten auf meine persönliche Bestzeit. Zudem lieferte ich als dritter Schweizer ein Zählresultat für die Mannschaftswertung. Leider schrammten wir dort als viertplatziertes Team knapp an einer Medaille vorbei. Dies ist der einzige Wermutstropfen von diesem EM-Marathon.

Was war dein persönliches Highlight?

Einerseits die unglaublich tolle Stimmung am Streckenrand, für welche auch unzählige Schweizer Fans verantwortlich waren. Andererseits meine mentale Fähigkeit, die letzten zwei Kilometer nochmals schneller zu laufen. Und nicht zu vergessen der grandiose Zusammenhalt und die Unterstützung innerhalb des Schweizer Teams. Sorry, das waren jetzt schon drei persönliche Highlights!

Was nimmst du mit für deine Zukunft als Läufer?

Ich nehme eine grosse Portion Motivation mit von dieser Leichtathletik-Europameisterschaft allgemein, die ja für uns Schweizer extrem erfolgreich war, und vom Marathon im Speziellen. Da es erst mein zweiter Wettkampf über diese Distanz war, konnte ich viele wertvolle Erfahrungen in der Vorbereitung, aber auch während dem Rennen für zukünftige Marathons sammeln. Ich bin eigentlich nach wie vor ein Marathon-Anfänger und habe das Gefühl, dass ich noch viel Potenzial besitze. Umso wertvoller war es für mich, in der Marathon-Vorbereitung im Engadin vier Wochen lang mit den anderen Schweizer Marathonläufern (ausser Tadesse Abraham, der bereitete sich in Äthiopien vor) zusammen trainieren zu können und von ihnen zu lernen.

Und jetzt, hast du den Post-Marathon-Blues?

Erstaunlicherweise nicht gross, obwohl ich noch nie so gelitten habe am Ende eines Rennens. Bereits zehn Tage nach dem Marathon habe ich das erste Mal wieder die Laufschuhe geschnürt für ein lockeres Footing. Meiner Erfahrung nach kommt meistens die Lust für das Training und der Drang, sich neue Ziele zu setzen nach erfolgreichen Wettkämpfen schneller wieder, als wenn man unzufrieden ist mit der Leistung. Bevor ich jedoch nun wieder beginne strikt nach Trainingsplan zu trainieren, werde ich mit meiner Frau noch eine Woche Ferien geniessen.

Wie motivierst du dich für neue Ziele? Was steht bei dir an?

Indem ich neue Ziele setze! Ich kann meine Marathon-Bestzeit (2:19:22) bestimmt noch um einige Minuten verbessern. Wie viele es sein werden, wird die Zukunft zeigen. Der Traum wäre natürlich eine Teilnahme an den Olympischen Spielen. In naher Zukunft werde ich jedoch versuchen, mich mit dem Halbmarathon am Greifenseelauf und dem legendären Murtenlauf wieder in Form zu bringen. Danach werde ich entweder die Cross-EM Qualifikation ins Visier nehmen oder einige Stadtläufe absolvieren. Der nächste Marathon steht dann erst im Frühling auf dem Programm.

Im Vorfeld hat sich Andreas Kempf im Vorfeld mit dem Schweizer Marathon-Team (ausser Tadesse Abraham, der in Äthiopien weilte) im Engadin auf die Europameisterschaften in Berlin vorbereitet.

Hier eine kleine Zusammenfassung des Trainingslagers im Engadin von A bis Z:

A wie Aegeriseelauf, als Abschluss des Trainingslagers.
B wie Bern – Berninapass – Berlin, die Stationen meiner EM-Vorbereitung.
C wie Chrigi, ob nun Kreienbühl oder Gmür gemeint war, sorgte immer mal wieder für lustige Verwirrungen.
D wie Dopingkontrolle, nach Kenia besuchte uns Antidoping Schweiz auch auf dem Berninapass. Es ist schön zu sehen, dass es zumindest die Schweiz ernst nimmt mit sauberem Sport.
E wie Essen, zusammen mit Schlafen und Trainieren die wichtigste Beschäftigung im Trainingslager.
F wie Flughafenrunden, den Flugplatz in Samedan kenne ich nun dank den vielen intensiven Belastungen dort mindestens so gut wie den Flugplatz Belp.
G wie Gruppe, beim Marathon ist man grundsätzlich als Einzelsportler unterwegs. Das Training macht jedoch viel mehr Spass und fällt einem leichter in einer guten Trainingsgruppe, wie wir sie im Engadin hatten.
H wie Hotel Ospizio Bernina, unsere Unterkunft auf dem Berninapass (2309 Meter über Meer). Die neuen, ausgesprochen zuvorkommenden, Besitzer machten uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich.
I wie Inn, ein Fluss, an welchem wir oft trainierten, und in welchem wir oft kneippten.
J wie Jogger, als was wir häufig von Wanderern bezeichnet wurden. Wir würden es bevorzugen, wenn diese Spaziergänger «Achtung, Läufer!» rufen würden. 😉
K wie Kilometer, von denen ich rund 170 pro Woche zu Fuss absolvierte. Dazu kamen einige Autokilometer, um für Trainingseinheiten nach St. Moritz, Samedan oder ins Puschlav zu fahren. Glücklicherweise konnten wir jeweils das zweite Läufchen am Tag auf dem Berninapass, meistens um den wunderschönen Lago Bianco, absolvieren.
L wie Laufschuhe, das wichtigste Utensil eines Läufers. Auf dem Berninapass hatte ich acht Paare dabei.
M wie Marathon, 42,195 Kilometer.
N wie Nusstorte, mein Engadiner Lieblingsdessert.
O wie Ovaverva, was auf Deutsch «lebendiges Wasser» bedeutet und dem tollen Hallenbad in St. Moritz den Namen gibt. Zwei- bis dreimal in der Woche absolvierten wir dort eine regenerative Aquajogging-Session.
P wie Physiotherapie, einmal in der Woche konnten wir die Dienste von Nicole Gerwig in Anspruch nehmen. Neben meiner Physiotherapeutin in Bern, Susanne Berger, die Beste (mir bekannte) ihres Fachs.
Q wie Qualen, welche ab und zu in den harten Trainings sowie auf den letzten Kilometern beim Ägeriseelauf gross waren.
R wie #RoadtoBerlin, der beliebteste Hashtag der europäischen Leichtathletikszene.
S wie Schlafen, zusammen mit Essen und Trainieren die wichtigste Beschäftigung im Trainingslager.
T wie Trainieren, zusammen mit Essen und Schlafen die wichtigste Beschäftigung im Trainingslager.
U wie Umfeld, seien es meine Trainingskollegen, meine Frau, meine Familie oder mein Trainer, alle waren mindestens einmal auf dem Berninapass.
V wie Verpflegung, welche im Training oft geübt wurde, da es im Rennen ein entscheidender Faktor sein kann.
W wie Wetter, welches in den vier Wochen im Engadin wunderbar mitspielte.
X wie (zum) X-ten Mal, dass ich mein Trainingslager im Sommer in der Höhe im Engadin verbrachte. Und ich bin immer wieder überwältigt von der wunderschönen Landschaft.
Y wie Yoga, einmal in der Woche nahmen wir an einer einstündigen Einheit teil, um zu entspannen und die Beweglichkeit zu fördern.
Z wie Ziel, der EM-Marathon in Berlin

Weitere Blogartikel von Andreas Kempf auf unserem Blog: 

Andreas Kempf: Berlin, Berlin

Andreas Kempf: Zurück in Kenia

Andreas Kempf: Cross-Europameisterschaften

Andreas Kempf: Team-Gold

Andreas Kempf: Zwischen Entwicklungshilfe und Menschenhandel

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