running.COACH Team: Dirk Müller stellt sich vor

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In media res nimmt uns das neuste running.COACH Teammitglied Dirk Müller mit auf seinen letzten Wettkampf. Wie das gelaufen ist und was seine weiteren Ziele sind, liest du auf den folgenden Zeilen.

Atmen, immer schön gleichmäßig atmen beim Laufen, auch im Wettkampf. Klappt eigentlich ganz gut vorletzten Sonntag in Kandel, beim Bienwald-Halbmarathon. Aber irgendwie fehlt’s am Tempo. O.k., die ersten paar Kilometer eher defensiv angehen, so weit funktioniert die Renntaktik ganz gut. Am besten irgendwo dranhängen und Kraft sparen. Da wird’s schon schwieriger. An wen immer ich mich auch klebe: er wird mir bald entweder zu schnell oder zu langsam. Meistens zu schnell. Kein gutes Zeichen. An der Strecke kann’s nicht liegen, sie ist bretteben, Wind ist zwar vorhanden, aber kein starker, es ist kalt, aber nicht eiskalt, der Asphaltbelag passt und die allgemeine Stimmung auch.

Warum um Himmels willen komme ich nicht so richtig auf Touren? Irgendwie habe ich zwar nie das Gefühl, total am Anschlag zu laufen. Aber auch keine Idee, wie ich einen Zahn zulegen könnte. Schon bei km 10 liege ich mit knapp 41 min deutlich über dem angepeilten 4-Minuten-Schnitt, und die große Aufholjagd im zweiten Teil findet nicht statt. Im Gegenteil, es wird langsamer statt schneller, und nach und nach ziehen 15 bis 20 Läufer vorbei. Oder 30? Ich schaue ihnen nach wie aus einem Aquarium in die wirkliche Welt. Erst auf den letzten beiden Kilometern wache ich langsam wieder auf und finde zurück in einen etwas flotteren Rhythmus. Im Ziel steht eine Nettozeit von 1:28,39 – das sind 4,12 min auf den Kilometer, weit weg von den angepeilten 1:24,24 und fast drei Minuten über meiner Bestzeit.

Was im Nachhinein bleibt, ist ungeschönte Selbstanalyse. Und die offenbart schonungslos: Ich habe einige Trainigsfehler gemacht, vor allem in den letzten zehn Tagen vor dem Lauf – ausgerechnet in der Phase, in der man vermeintlich kaum noch Fehler machen kann, weil die Vorbereitung abgeschlossen scheint. Der größte war wohl, sechs Tage vor dem Wettkampf noch mal einen ganz privaten „schnellen Zehner“ in hastigen 40:20 zu laufen, anstatt die Vorgabe umzusetzen: 3×1000/4×1000/2×1000 im Renntempo, aber jeweils mit ordentlichen Pausen dazwischen…

Hat Grosses vor: Dirk Müller
Hat Grosses vor: Dirk Müller


Vielleicht aber werde ich auch einfach zu alt für die Tempohetzerei. Vor dreieinhalb Jahren habe ich mit dem etwas ernsthafteren Training begonnen, und da war ich auch schon knapp 45. Seitdem liegen etliche Wettkämpfe hinter mir: Landschaftsläufe, Crossläufe, schnelle Zehner, Halbmarathons. Und viele tausend Trainingskilometer. „Lauf doch lieber gemütlich“, schlägt meine Frau vor, und unsere Kinder denken eh, der Alte spinnt. Aber mal ehrlich: Immer nur gemächlich laufen, nie mal richtig Leistung abfordern im Training, und auf Wettkämpfe ganz verzichten: Was wäre das für ein Läuferleben? Ich kenne mich: Ohne Ziele, ohne auch mal ein bisschen Quälerei, würde ich es ganz sein lassen. Und das wäre dann auch keine Lösung.

Also: Nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf. Und: Nach dem Training ist vor dem Training. Nächstes Jahr steige ich auf in die Altersklasse M 50 – wenn das kein Grund ist, in der Kategorie der flotten Jung-Opas noch mal so richtig anzugreifen…

Ach so, kurz noch zu mir: Ich bin Dirk, 48, voll berufstätig, und lebe mit meiner Familie in Freiburg im Breisgau. Als Kind und Jugendlicher habe ich viel Fußball und dann vor allem Tennis gespielt. Später lief viele Jahre beruflich viel, aber sportlich nichts. Mit Anfang 30 hat’s mich gepackt und ich fing an zu joggen. Schon bald war mir klar: Kein Spaß ohne Ziel. Also lief ich 1999 und 2000 den Berlin-Marathon. Unvergessliche Erlebnisse. Doch anschließend herrschte einige Jahre wieder nahezu sportlicher Stillstand. Erst nach dem Umzug 2006 aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Freiburg ging es auch läuferisch wieder aufwärts. Die ersten Jahre total unstrukturiert, seit Herbst 2012 aber mit wechselnden Trainingsplänen – und tendenziell steigender Erfolgskurve. Meine Bestzeiten stehen mittlerweile bei 37:11 (10 km) und 1:25,54 (Halbmarathon). Die Hoffnung lebt, sie trotz biologischer Uhr und dank running.COACH noch mal zu toppen…

running.COACH Team: Urban Halter stellt sich vor

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Nach Geneviève Racine stellt sich an dieser Stelle das zweite running.COACH Teammitglied vor. Urban Halter hatte 40 Jahre lang nichts mit Laufen am Hut, zwei Jahre später lief er den Berlin Marathon. Dieses Jahr will er am Jungfrau-Marathon hoch hinaus. Das hier ist seine Geschichte.

In meinen ersten 40 Lebensjahren (ich bin 45) war Laufen für mich überhaupt kein Thema. In der Schule war ich auf der Bahn nie besonders schnell, und die 12-Minuten-Läufe in der Schule waren habe ich grossteils gehend absolviert. Sport hat mich nie besonders interessiert, gelegentliche Velotouren bedeuteten waren das Highlight. Und was ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass etwas so Anstrengendes, Atemraubendes wie Laufen Spass machen könnte. Ich konnte nie verstehen, was jemanden dazu bewegt, in der Gegend rumzurennen…
Am Anfang stand die Suche nach einem Ausgleich zum bewegungsarmen Büro-Job, ich wollte mich bewegen, draussen in der Natur sein, herunterfahren. Ein Outdoor-Ausdauersport war gesucht. Velofahren macht bei schlechtem Wetter gar keinen Spass, und so freundete ich mich über Wochen und Monate hinweg langsam mit dem Gedanken an, es vielleicht doch mal mit Laufen zu versuchen.

40 Jahre lang war Laufen fürs Urban Halter kein Thema
40 Jahre lang war Laufen fürs Urban Halter kein Thema

Eines schönen Frühlings-Tages vor 4 Jahren fiel dann der Entscheid. Ich ging zum Laufgeschäft, kaufte mir ein Paar Laufschuhe, eine Laufhose und ein Lauf-Shirt.
Meine ersten Trainings fanden auf der Finnenbahn im nahen Wald statt. Erste Trainingseinheit: 5 x 2 Minuten Laufen + 3 Minuten langsames Gehen. Von Anfang an habe ich darauf geachtet, mich nicht zu überfordern. Das Wissen über den Laufsport habe ich aus dem Internet und Büchern besorgt. Immer begleitet von einem Trainingsplan, anfänglich 3, später 4 Einheiten pro Woche.
Rasch habe ich gemerkt, dass es mir sehr gut hilft beim Abschalten, ich aber auch physisch rasch Fortschritte machte. Und bald gehörte ich auch zu denen, die man regelmässig in der Gegend rumrennen sieht.
Noch in meinem ersten Laufjahr kam mein erster Wettkampf, ein Halbmarathon. Unvergesslich, und mit 01:52 deutlich unter meinem Ziel sub 2h. Ein Jahr später – mit 42 – meine ersten 42.195 km, auch hier mit 03:36 einiges schneller als ich es für möglich hielt. In meinen bisher vier Jahren als Läufer habe ich 33 Wettkämpfe bestritten – vom kleinen lokalen Lauf bis zum Berlin Marathon.
Urban Halter in Berlin
Urban Halter in Berlin

Seit zwei Jahren trainiere ich mit running.COACH – meist mit Spass und Freude und immer mit dem Gefühl, etwas Gutes zu tun. In der ganzen Zeit war ich nie verletzt – auch dank forderndem, aber nicht überforderndem Trainingsplan und den ergänzenden Kraftgymnastik-Übungen, die ich nicht mit ganz so viel Freude, aber trotzdem regelmässig durchführe.
Mein Hauptziel dieses Jahr ist der Jungfrau Marathon. Hier werde ich also regelmässig berichten, wie die Vorbereitung läuft, wie sich die etwas kürzeren Bergläufe auf dem Weg dahin anfühlen und wie mein Jungfrau-Marathon gelingt.

running.COACH Team: Geneviève Racine stellt sich vor

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Wir haben eine neue Bloggerin in unserem Team. Geneviève Racine schreibt von nun an regelmässig für den running.COACH Blog über die Freuden und Leiden einer Läuferin. In diesem ersten Text erfährst du, wie sie zum Laufen gekommen ist, was es ihr bedeutet und worauf sie sich vorbereitet.

Mein Name ist Geneviève Racine, ich bin 29 Jahre alt, wohne in der Region Biel-Seeland in der Schweiz und bin Lehrerin. Das Laufen, ob Sprint oder längere Distanzen im Turnverein, Leichtathletik oder Triathlon, bereitete mir seit meiner Schulzeit großen Spass. Bis Ende der obligatorischen Schulzeit habe ich nebenbei meine Zeit für das Eiskunstlaufen und Schwimmen eingesetzt. Ich habe an vielen Wettkämpfen teilgenommen und das Laufen geriet in den Hintergrund. Nachdem ich mit den Sportarten in den Clubs aufgehört habe – irgendwann hatte ich genug – bin ich unregelmässig mit meinem Vater joggen gegangen. Ab und zu habe ich an Läufen teilgenommen. So wurde ich wieder vom Wettkampffieber gepackt.

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Geneviève Racine unterwegs in ihrer Heimat

running.COACH als Motivation und Verpflichtung

Im Juni 2014 gab es so einen Moment, indem ich mir gedacht habe, dass ich irgendwie, nach abgeschlossener Ausbildung und eigener Wohnung, nun wieder ein Ziel brauche. Spontan fasste ich den Entschluss, an einem Marathon teilzunehmen. Dieses Ziel sollte zu einem spezielles Ereignis werden: Berlin! Kurze Zeit später habe ich am Frauenlauf teilgenommen und bin auf eine Werbung von running.COACH gestossen. Da habe ich mir gedacht, dass dies eine gute Idee ist, damit ich eine gewisse Verpflichtung – mir selbst gegenüber – eingehe. Weiter ein paar Mal joggen zu gehen, ohne Plan und Ziel, wäre keine Motivation und ich würde es bald wieder sein lassen. Also habe ich mir einen Trainingsplan bei running.COACH erstellen lassen und habe mich fortan bestmöglichst an die Vorgaben gehalten.

Vom Halbmarathon zum Marathon

In diesen nun bald zwei Jahren mit der Unterstützung von running.COACH und meiner Familie hatte ich meine Hochs und Tiefs. Manchmal habe ich zuwenig Motivation, um ein Training zu machen. Der Gedanke an mein Ziel hilft mir jedoch mich selbst bzw. den inneren Schweinehund zu überwinden – ja manchmal braucht es Überwindung – und ich absolviere das Training. Nach jedem Training belohnt mich das gute Gefühl, etwas geschafft zu haben und mich körperlich besser zu fühlen. Das Joggen gibt mir den nötigen Ausgleich zum Arbeitsalltag. Im September letzten Jahres habe ich auch meinen ersten Meilenstein auf meinem Weg geschafft: meinen ersten Halbmarathon! Und das erst noch unter zwei Stunden. Nun trainiere ich möglichst fleissig weiter, da „mein“ Datum naht: Der Berlin Marathon am 25. September 2016.

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Den ersten Halbmarathon letzten Herbst geschafft: Genviève Racine beim Halbmarathon in Luzern

 
Wir vom running.COACH Team wünschen Geneviève auf dem Weg zu ihrem Ziel viel Durchhaltewillen und freuen uns, regelmässig von ihr zu lesen. Hast du Interesse, ebenfalls für uns zu bloggen? Schreibe uns bis Dienstag, 15. März eine Mail an feedback@runningcoach.me mit deiner ganz persönlichen Geschichte, wie du zum Laufen gekommen bist. Überzeugst du uns mit deinem Text, erhältst du ein Jahresabo und ein running.COACH Shirt!

Bioryhthmus und Leistung

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Die Leistungsfähigkeit von Sportlern kann im Laufe eines Tages um bis zu 25 Prozent schwanken. Zu diesem Ergebnis kommen deutsche und britische Biowissenschaftler in einer Studie.
Das Phänomen ist längst bekannt und war bereits Thema unzähliger wissenschaftlicher Untersuchungen: Es gibt die «Lerchen» (Frühaufsteher) unter uns, die zu anderen Tageszeiten Bäume ausreissen können als die «Eulen», die entweder als «Nachtschwärmer» oder «Morgenmuffel» bezeichnet werden. Während die einen schon fröhlich pfeifend nach dem morgendlichen Jogging unter der Dusche stehen, schleppen sich die anderen gerade über die schier unüberwindlich erscheinende Strecke zwischen Bett und Badezimmer, um dort nach ernüchterndem Blick in den Spiegel die Entscheidung zu treffen, wieder zurück in die Horizontale zu torkeln. Dabei sagen die beiden unterschiedlichen Typen noch nichts über den jeweiligen Fitness-Zustand aus – der vermeintliche Morgenmuffel kann gesamtkonstitutionell in der gleich guten Form sein wie die fröhliche Lerche – oder auch besser. Nur rufen beide Typen ihre Leistungen eben zu völlig anderen Tageszeiten ab.
Es ist noch gar nicht so lange her, da war man der Meinung, durch Disziplin und entsprechende Gewöhnungszeiten könne man den Biorhythmus «in eine neue Form» bringen. Sprich: Wer morgens eher schwer aus den Federn kommt, bräuchte sich nur eine Weile lang «zusammenzureissen», um dann irgendwann um 6.30 Uhr frühmorgens beim Frühtraining zusammen mit den Lerchen-Kollegen beschwingt seine Runden im Wald zu drehen. Und ganz offensichtlich war und ist dies vielen «Eulen» auch tatsächlich möglich – der Wille versetzt schliesslich Berge. Verhältnismässig neu ist jedoch die Erkenntnis, dass die «Eulen» zwar ihren Körper in einen ungeliebten zeitlichen Rhythmus zwingen können, die jeweilige Leistungsfähigkeit sich aber keineswegs dem neuen Rhythmus anpasst. Oder anders formuliert: Lerche bleibt Lerche, Eule bleibt Eule, Disziplin, Selbstbeherrschung und Training hin oder her.

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Frühaufsteher oder Morgenmuffel? Lerche oder Eule? Was bist du für ein Typ?

Genetik entscheidet

Der Grund: Der Biorhythmus ist genetisch verankert und kann nur in einem schwindend geringen Masse von «aussen» verändert werden. Der «zirkadiane Schrittmacher», die innere Uhr, ist ein winziger, im Zwischenhirn sitzender Zellhaufen. Der sogenannte «suprachiasmatische Nucleus» (SCN), der im Hypopthalamus liegt, leitet Signale an das Gehirn und animiert die Organe zur Hochleistung oder zwingt sie in die Ruhepause – je nach Tageszeit und Organ. Dieser Ablauf ist von Mensch zu Mensch verschieden und offenbar fest in jedem Individuum verankert. Was wiederum Rückschlüsse auf den richtigen Zeitrahmen für effizientes Training und für optimale Startzeiten bei Wettkämpfen möglich macht. Denn die frühere Annahme, Sportler seien vor allem in den späten Nachmittags- und frühen Abendstunden zu Höchstleistungen fähig, stimmt nur bedingt, nämlich für den Eulen-Typus. Für alle Lerchen verläuft um diese Uhrzeit die Leistungskurve längst steil bergab.

Studie mit Eishockeyspielern

Die britische Biochemikerin Elise Facer-Child und der Deutsche Roland Brandstaetter von der Universität Birmingham veröffentlichten zu Beginn dieses Jahres die Ergebnisse einer Studie, die sie 2014 mit (zunächst) über 120 Leistungssportlern erarbeiteten. Dabei ermittelten die beiden Wissenschaftler gemeinsam mit ihrem Team zuerst den Biorhythmus jedes einzelnen Probanden. Dies geschah durch Befragung zum Schlaf- und Aufstehverhalten sowie die gefühlten Leistungshöhepunkte im Laufe des Tages. Danach wurden unter allen Teilnehmern der Studie zwanzig «repräsentative» Sportler ausgewählt, die zumindest statistisch betrachtet einen «biorhythmischen Durchschnitt» darstellten. Dass unter dem Oberbegriff «Leistungssportler» ausschliesslich Hockeyspieler untersucht wurden, mag auf den ersten Blick ein wenig einseitig klingen. Doch eignen sich Hockeyspieler im besonderen Masse für sportwissenschaftliche Studien, vereinen sie doch in ihrer Sportart Ausdauer, Kraftspitzen und filigrane Koordination unter Höchstbelastung. Zwar wäre es wünschenswert gewesen, die Athleten mehrerer Sportarten unter gleichen Bedingungen miteinander zu vergleichen und auch die Fallzahl von 20 untersuchten Personen erscheint für eine repräsentative Darstellung sehr niedrig, doch sind gewisse Ansätze in der Studie aus Birmingham durchaus spannend und haben zukunftsweisenden Charakter.
Die beiden Biochemiker und ihr Team ermittelten zunächst in bekanntem Terrain. Sie definierten und filterten zuerst die bereits erwähnten Lerchen, also Frühmenschen, die im Laufe des Vormittags besonders fit sind. Dazu die «Misch- oder Mitteltypen», die um die Mittagszeit ihr Hoch erreichen und die Eulen, die erst am späten Nachmittag bzw. frühen Abend zu körperlicher Hochform auflaufen. Die beiden «Extreme» Lerchen und Eulen nahmen jeweils ein Viertel der untersuchten Gruppe ein, der Rest zählte zu den «Mischtypen». Die ausgewählten repräsentativen 20 Sportler aus allen Biorhythmus-Gruppen wurden nun spezifischen Ausdauer- und Kraftspitzen-Tests unterzogen. Und zwar zu sechs verschiedenen Uhrzeiten am Tag. Dabei wurde deutlich, dass – wenig erstaunlich zwar, aber mit den Untersuchungen eben wissenschaftlich untermauert – je nach innerer Uhr deutliche Leistungsunterschiede der einzelnen Typen zu den jeweiligen Tageszeiten auftraten.

Unterschiede bis 26 Prozent

Interessant war dabei die Erkenntnis, dass bei den unterschiedlichen Biorhythmus-Typen auch unterschiedliche Zeitabläufe stattfinden. Früh- und Mitteltypen erreichten rund sechs Stunden nach dem Wecken bzw. Aufstehen ihr physisches Leistungshoch, also mittags bis früher Nachmittag. Die Eulen hingegen waren deutlich später in Bestform – erst elf Stunden nachdem der Wecker klingelte. Bleiben wir noch ein wenig bei den Eulen. Denn die zeigten in der Facer-Child/Brandstaetter-Studie auch die deutlichsten Leistungsunterschiede innerhalb eines Tages. Bis zu 26 Prozent schwankte die Form zwischen Tief (am Morgen) und Hoch (am Abend). Im Gegensatz dazu brachten es die Lerchen und Mittel-Typen auf Leistungsschwankungen von acht und zehn Prozent im Laufe eines Tages. Frühaufsteher und Mitteltypen (die mit Abstand den grössten Anteil der Probanden ausmachten) sind in ihrer Leistungsfähigkeit über den Tag verteilt somit ausgewogener leistungsfähig.
Ziehen wir zu diesem Ergebnis die bereits vor Jahren gewonnene Erkenntnis hinzu, dass etwa bei Olympischen Spielen die meisten Sieger als Lerchen gelten, dann gelangen Facer-Child und Brandstaetter zu folgerichtiger These: «Diese enormen Unterschiede könnten einen grossen Einfluss auf die Suche nach Talenten, die Einschätzung der Leistung eines Sportlers und den Erfolg bei Wettkämpfen haben.»

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Die physische Leistungsfähigkeit schwankt gerade bei „Eulen“ im Laufe des Tages enorm

«Eulen» werden kaum Olympiasieger

Im Umkehrschluss bedeutet dies fatale Perspektiven für den Eulen-Sportler. Hat der Morgenmuffel und Spätaufsteher tatsächlich keine Chancen auf effizientes Training und Siege, weil er schlicht zu spät seine besten körperlichen und geistigen Leistungen abrufen kann? Rein statistisch betrachtet müsste die Antwort auf diese Frage «ja, dem ist genau so» lauten. Denn tatsächlich sind die Spätaufsteher unter den Sportlern offenbar deutlich benachteiligt. «Schon ein Prozent Leistungsunterschied entscheidet heutzutage über Sieg oder Niederlage», schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie und fügen entsprechende Beispiele an. «Bei den 100-Meter-Sprints während der Olympiade in Peking machte etwas mehr als ein Prozentpunkt mehr Leistungsfähigkeit unter den Sprintern bereits den Unterschied zwischen Blech- und Silbermedaille aus!» Was können also erst 26 Prozent Leistungsunterschied im Laufe eines Tages anrichten? Nehmen wir auf Basis dieser Erkenntnisse ein anderes Beispiel aus dem Ausdauersport: den Ironman. Egal, wo auf der Welt – der Langdistanz-Triathlon wird frühmorgens gestartet und endet für die Spitzenathleten zwischen acht und neun Stunden später (also um etwa 15–16 Uhr), für die Hintersten erst um 23 Uhr. Nach den Erkenntnissen von Facer-Child und Brandstaetter dürften somit unter den Siegern kaum «Spätaufsteher» bzw. Eulen sein. Nicht weil sie vielleicht den Startschuss verschlafen könnten, sondern eher, weil ihre Leistungshöhepunkte auf ungünstige Zeiträume verteilt sind. Gehen wir davon aus, dass die siegeswillige «Eule» um fünf Uhr aufsteht, kommt sie zu ihrem biorhythmischen Leistungshöhepunkt zwischen 15 und 16 Uhr – gerade noch richtig für den Endspurt. Die Lerche und die Mischtypen können dagegen ihre Leistungshochs bereits früher abrufen, wenn auch der in der Regel nach einem Hoch folgende Leistungsabfall nicht zu unterschätzen ist.

Die innere Uhr ist massgebend

Unabhängig von der Länge eines Wettkampfes bzw. dessen Startzeit ist jedoch die wichtigste Erkenntnis aus der Facer-Child/Brandstaetter-Studie die «Zahl» 26 Prozent: Dass die Spätaufsteher bzw. Eulen-Typen bis zu einem Viertel zusätzliche Leistung gegen Abend abrufen können im Vergleich zu ihrem Tief am Morgen, erscheint eklatant. Die Erkenntnis daraus? «Wir müssen von der Tageszeit wegkommen», empfiehlt Brandstaetter, «und mehr auf die inneren Zeitrhythmen achten.» Dabei gehe es eben nicht um die Uhr an der Wand, sondern um die Uhr in uns, ergänzt Facer-Child. Training sei eine Sache, so die Forscherin weiter, aber man müsse eben auch wissen, wann man die beste Leistung abrufen kann. Eine Erkenntnis, die gerade bei der Trainingsqualität eine tragende Rolle spielen könnte. Denn selbst für Frühaufsteher empfiehlt sich so der morgendliche Dauerlauf höchstens als «Wachmacher» und fürs Grundlagentraining, jedoch nicht als effiziente Schlüsseleinheit.

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Die Trainingsqualität ist massgeblich von der Tageszeit abhängig

Die Rolle des Stresshormons

Doch woher kommen eigentlich die Leistungsschwankungen innerhalb des Biorhythmus? In vollem Umfang sind die Gründe für die Hochs und Tiefs im Laufe eines Tages noch nicht erforscht. Als sicher gilt mittlerweile, dass auch hierfür Hormone verantwortlich sind. So haben Lerchen am Morgen deutlich höhere Mengen Cortisol im Blut. Dieses Stresshormon aktiviert Stoffwechselvorgänge, die dem Körper energiereiche Verbindungen zur Verfügung stellen. Bei den Frühmenschen bleibt das Cortisol-Level über den Tag verteilt ungewöhnlich hoch, während die Spätaufsteher oder Eulen deutlich niedrigere Mengen des Hormons aufbauen. Zieht man nun hinzu, dass Cortisol eine wichtige Rolle bei der Muskelfunktion spielt, ist zumindest theoretisch nachvollziehbar, warum Eulen-Typen auch von Schlafforschern und eben Biochemikern per se ein niedrigeres Hochleistungspotenzial eingeräumt wird. Welche Erkenntnis kann aus den Ausführungen rund um die Studie der in Birmingham agierenden Biochemiker gezogen werden? Auch wenn nichts grundlegend Neues vermittelt wurde, wird doch untermauert und verdeutlicht, dass der Einfluss von Biorhythmus auf Training und Wettkampf als immer wichtiger eingeschätzt wird. Die bisherige Annahme, Sportler seien eher in den späten Nachmittags- und frühen Abendstunden zu Höchstleistungen fähig, kann zumindest für einen Grossteil der Menschen, nämlich die Frühaufsteher und Mischtypen, als widerlegt gelten.

Auch Motivation ist wichtig

Die Einheiten in den Abendstunden dürften demnach nur für die Eulentypen relevant sein – die Trainings- und somit Leistungseffizienz für Misch- und Lerchentypen wird dagegen beim abendlichen Spinning im Studio oder beim Waldlauf in der Dämmerung deutlich eingeschränkt sein. Was aber letztendlich trainingswissenschaftlich noch zu belegen sein wird. Und schlussendlich ist vor allem für Hobbysportler nicht nur die Effizienz eines Trainings massgebend, sondern auch die Motivation dafür und mögliche Einbettung in den Tagesablauf. Dennoch: Wer auf seine innere Uhr hört und seine Trainingszeiten nach dem Biorhythmus ausrichtet, kann mehr körperliche Leistung abrufen. Eine Erkenntnis, die mit Sicherheit nicht neu, aber immer fundierter ist. Inwiefern wir dieses Wissen auch in die Praxis umsetzen können, also beispielsweise Trainingseinheiten besser auf den Mittag oder frühen Nachmittag legen, steht auf einem anderen Blatt. Denn auch der Arbeitgeber will von den Leistungshochs im Biorhythmus seiner Mitarbeiter profitieren.
Dieser Blog wurde durch Fit for Life zur Verfügung gestellt. Fit for Life ist das Schweizer Magazin für Fitness, Lauf- und Ausdauersport. Möchtest du regelmässig solche Artikel lesen? Dann klicke hier.
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