Andreas Kempf: Ein spezieller Marathon

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Einen Marathon zu laufen ist etwas spezielles. Und erst recht, wenn es die 42.195 Kilometer an den Europameisterschaften in Berlin sind. Andreas Kempf war als einer der Schweizer Athleten dabei und platzierte sich auf dem 42. Schlussrang mit einer Zeit von 2h21’35’’ bei seinem zweiten Marathon überhaupt. running.COACH hat mit Andreas Kempf, welchen wir schon seit längerer Zeit begleiten, über seine EM-Erfahrungen in Berlin sowie seine Zukunftspläne gesprochen. 

Vegane Ernährung im Sport – geht das überhaupt?

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Wer Sport treibt, braucht Energie und diese müssen wir unserem Körper zur Verfügung stellen, damit er seine vollumfängliche Leistung abrufen kann. Was heisst es für Sportler und Läufer, wenn sie auf jegliche Tierprodukte verzichten? Sport- und Ernährungswissenschaftlerin Dr. sc. nat. Joëlle Flück zeigt uns, welche Konsequenzen eine vegane Ernährung im Sport hat. 
Eine vegane Ernährungsweise wird definiert durch den Verzicht auf alle tierischen Lebensmittel. Man verzichtet nicht nur auf Fleisch und Fisch, sondern auch auf alle Milchprodukte sowie auf Eier oder Honig. Die Unterschiede zu einer vegetarischen Ernährungsweise sind also sehr markant und schlussendlich kann dies unsere Leistung stark beeinflussen. Dieser Beitrag stellt kurz die wesentlichen Unterschiede zu einer ausgewogenen Ernährung dar und geht darauf ein, welcher Problematik Sportler mit veganer Ernährungsweise möglicherweise ausgesetzt sind.

Kohlenhydrate


Ein Sportler hat keinen Grund zur Sorge bei der Kohlenhydratzufuhr, wenn er sich vegan ernährt. Kohlenhydrate kommen vor allem in pflanzlichen Produkten vor und sind deshalb sehr gut verfügbar. Aus diesem Grund sollte der erhöhte Kohlenhydratbedarf im Ausdauersport oder bei Sportlern mit grossem Trainingspensum/Energieverbrauch kein Problem darstellen und gut durch Reis, Kartoffeln oder Getreide abgedeckt werden können. Anders sieht es jedoch bei der Protein- und Fettzufuhr aus.

Fette


Eine vegane Ernährungsweise enthält häufig eine geringere Zufuhr an Fetten insgesamt sowie auch an gesättigten Fettsäuren. Sie zeichnet sich jedoch durch eine grössere Zufuhr an Omega-6-Fettsäuren aus. Diese Komponenten wirken sich positiv auf die Gesundheit im Allgemeinen aus, da zum Beispiel ein tieferes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen beobachtet werden konnte. Wie sich jedoch die totale Fettzufuhr auf hormonelle Faktoren und die sportliche Leistung bei Athleten mit veganer Ernährung auswirkt, muss Gegenstand weiterer Untersuchungen sein. Aufgrund der fehlenden Meeresprodukte kommt es bei der veganen Ernährung häufig zu einer geringeren bis fehlenden Einnahme von Omega-3-Fettsäuren. Diese Fettsäuren sind wichtig für das Wachstum und die Entwicklung und scheinen zudem auch eine wichtige Rolle in der kardiovaskulären Gesundheit zu spielen. Um eine gezielte Supplementation im Bereich Omega-3-Fettsäuren im Sport vollumfänglich empfehlen zu können, braucht es auch hier weitere Forschungsgrundlage.

Proteine


Tierische Lebensmittel sind sehr gute Proteinlieferanten und können besser vom Körper verarbeitet werden als pflanzliche Proteinlieferanten. Dies geht soweit, dass angenommen wird, dass man mehr pflanzliche Proteine zuführen sollte, um die gleiche Proteinverfügbarkeit wie mit tierischen Proteinen zu erreichen. Zu den tierischen Proteinen zählen zum einen Fleisch- und Fischprodukte jedoch auch Milchprodukte oder Eier. Für einen Vegetarier gestaltet sich dabei die Situation etwas einfacher, da er anstelle von Fleisch und Fisch auf Milchprodukte oder auf Eier zurückgreifen kann. Für einen Veganer sieht es schon etwas schwieriger aus, da er sich nur von rein pflanzlichen Proteinlieferanten ernähren kann. Aus der Wissenschaft ist zudem bekannt, dass gerade tierische Proteinarten eine sehr vorteilhafte Zusammensetzung der essentiellen Aminosäuren aufweisen und somit eine bessere muskuläre Adaptation im Sport hervorrufen können als pflanzliche Lebensmittel. Diese zeigen meist ein schlechteres Aminosäurenprofil generell, wobei häufig auch ein geringerer Anteil der essentiellen Aminosäure Leucin vorkommt. Dies könnte dann wiederum zu einem geringeren Kraft- oder Muskelzuwachs führen. Auch in der Regeneration könnte dies möglicherweise zu einer verminderten Wirkung führen. Da momentan die wissenschaftliche Datenlage zur veganen Ernährung im Sport eher spärlich ausfällt, braucht es auch zu diesen Annahmen weitere Forschungsergebnisse.

Mikronährstoffe

Eine vegane Ernährungsweise kann generell einen starken Einfluss auf die Gesundheit haben. Durch eine solche Ernährungsweise entstehen häufig Mangelerscheinungen verschiedener Mikronährstoffe wie Vitamin B12, Eisen oder Vitamin D. Gerade im Sport ist eine gute Gesundheit von absolut zentraler Bedeutung, da nur so ein kontinuierlicher Trainingsfortschritt und somit eine Verbesserung der Leistung gewährleistet werden kann. Besonders die Eisenspeicher sind im Ausdauersport von zentraler Bedeutung, da das Eisen massgeblich zur Produktion bzw. Erneuerung der roten Blutkörperchen beiträgt. Der Eisenspeicher wiederum, bzw. die Aufnahme von neuem Eisen hängt vom Vitamin B12 Status ab. Zudem ist bekannt, dass pflanzliches Eisen im Vergleich zu tierischem Eisen weniger gut aufgenommen wird. Das heisst, dass nicht nur ein Eisenmangel sondern auch ein Vitamin B12 Mangel die Leistung beeinflussen kann. In diesem Fall wird eine medizinisch angeordnete Supplementation mit Zusatzpräparaten unausweichlich.
Ein weiterer Mikronährstoff, welcher häufig von Mangelerscheinungen betroffen ist, ist das Vitamin D (Vitamin D und Sport). Vitamin D ist eigentlich kein richtiges Vitamin sondern eher ein Prohormon und wird durch eine ausreichende Sonneneinstrahlung (v.a. im Sommer) direkt in unserem Körper produziert. Wir können jedoch auch einen begrenzten Anteil an Vitamin D aus der Nahrung aufnehmen. Nahrungsmittel mit einem guten Vitamin D Anteil sind jedoch vor allem tierischer Herkunft (z.B. Milchprodukte oder Fisch). Das heisst, durch eine vegane Ernährung kann ein allfälliger Vitamin D Mangel (ca. 70% der Schweizer Bevölkerung leidet an einem Vitamin D Mangel im Winter) noch verstärkt werden. Da der Vitamin D Status möglicherweise sehr stark mit der muskulären Funktion sowie der Immunfunktion zusammenhängt, ist auch der Athlet im Nachteil, welcher einen Vitamin D Mangel erleidet. Auch hier wird unter fachärztlicher Aufsicht bei einer Mangelerscheinung eine Vitamin D Supplementation empfohlen.
Auch weitere Mikronährstoffe, wie beispielsweise der Kalziumspiegel, können bei einer veganen Ernährungsweise von Mangelerscheinungen betroffen sein. Es gilt deshalb, sich gezielt mit der Thematik auseinanderzusetzen und sich von einer Fachperson beraten zu lassen. Wenige Studien zeigen zudem, dass eine vegane Ernährungsweise einen Einfluss auf die Kreatin-Speicher in der Muskulatur hat. Das heisst, die Kreatin-Speicher sind nicht ausreichend gefüllt und somit ist die Wirkung einer Trainingseinheit oder die Leistung in gewissen Situationen und in gewissen Sportarten (Bsp. 100m Sprint) möglicherweise eingeschränkt. Auch dies ist ein Punkt, welcher beachtet werden muss, wenn man als Athlet eine vegane Ernährung pflegt oder wenn man einen veganen Athleten im Bereich der Sporternährung berät.

Zusammenfassung und Fazit


Grundsätzlich kann gesagt werden, dass eine vegane Ernährungsweise meist eine tiefere Kalorienaufnahme, einen geringeren Protein- und Fettanteil, weniger Vitamin B12, Kalzium und Iod enthält. Die Verdauung und Absorption von Nährstoffen wie Kalzium, Protein, Eisen und Zink kann zudem eine weitere Erschwerung darstellen. Unter Berücksichtigung all der genannten Punkte, ist es durchaus möglich, die Bedürfnisse des Athleten abdecken zu können. Es ist jedoch zwingend nötig, sich mit einer ausgewiesenen Fachperson in Verbindung zu setzen, um die Ernährung und eine mögliche Supplementation soweit zu planen, dass die Gesundheit bzw. die Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtigt wird. Wenn dies erreicht wurde, macht es wohl auch Sinn, sich mit einer Fachperson in Sporternährung zusammenzusetzen, um einen allfälligen Einsatz von gewissen Supplementen (Bsp. Proteine, Kreatin) zu besprechen. Für die allgemeine Gesundheit und Leistungsfähigkeit ist es auch für Hobbysportler sinnvoll, sich an eine Fachperson in Ernährung zu wenden, um Mangelerscheinungen zu vermeiden.
 
Joëlle FlückDieser Blogbeitrag wurde von der Sport- und Ernährungswissenschaftlerin Dr. sc. nat. Joëlle Flück verfasst. Sie arbeitet in der Sportmedizin in Nottwil und betreut dort sport- und ernährungswissenschaftlich Athleten aller Leistungsstufen bis hin zum Leistungssportler. Gleichzeitig führt sie auch selbst Studien im Sporternährungsbereich durch und ist Vizepräsidentin der Swiss Sports Nutrition Society. Als ehemalige Mittelstreckenläuferin hat sie unzählige Medaillen an Schweizermeisterschaften gewonnen und ist heute auf längeren Distanzen unterwegs.
Weitere Blogartikel von Dr. sc. nat. Joëlle Flück auf unserem Blog:
Wie erreiche ich mein Wettkampfgewicht? 
Regeneration fördern – ist ein Recovery-Drink wirklich nötig?
Kohlenhydratperiodisierung zur Leistungssteigerung
Vitamin D und Sport
Randensaft und Ausdauerleistung

Weiterführende wissenschaftliche Literatur zum Thema vegane Ernährung im Sport

Anmerkung: Diese Auflistung wurde im Nachhinein hinzugefügt. Diese Literatur diente als Basis für den Artikel.
Rogerson D., Vegan diets: practical advice for athletes and exercisers. J Int Soc Sports Nutr. 2017
Clarys P. et al. Comparison of nutritional quality of the vegan, vegetarian, semi-vegetarian, pesco-vegetarian and omnivorous diet. Nutrients. 2014
Kohlenhydrate
Burke L. et al. Carbohydrates for training and competition. J Sports Sci. 2011
Burke L. Re-examining high- fat diets for sports performance: did we call the ‘nail in the coffin’ too soon? Sports Med. 2015
Jeukendrup AE. Nutrition for endurance sports: Marathon, triathlon, and road cycling. J Sports Sci. 2011
Proteine
Van Vliet S, Burd NA, Van Loon LJ. The skeletal muscle anabolic response to: plant-versus animal-based protein consumption. J Nutr. 2015
Joy JM. et al. The effects of 8 weeks of whey or rice protein supplementation on body composition and exercise performance. Nutr J. 2013
Tang JE. et al. Ingestion of whey hydrolysate, casein, or soy protein isolate: effects on mixed muscle protein synthesis at rest and following resistance exercise in young men. J App Phys. 2009
Phillips SM. The impact of protein quality on the promotion of resistance exercise- induced changes in muscle mass. Nutr Metab. 2016
Leser S. The 2013 FAO report on dietary protein quality evaluation in human nutrition: recommendations and implications. Nutr Bull. 2013
Fett
Simopoulos AP. Omega-3 fatty acids and athletics. Cur Sports Med Rep.2007
Rosell MS. et al. Longchain n- 3 polyunsaturated fatty acids in plasma in British meat- eating, vegetarian, and vegan men. Am J Clin Nutr. 2005
Williams CM, Burdge G. Long-chain n− 3 PUFA: plant v. Marine sources. Pr Nutr Soc. 2006
Mikronährstoffe
Lightowler HJ, Davies GJ. Iodine intake and iodine deficiency in vegans as assessed by the duplicate- portion technique and urinary iodine excretion. Br J Nutr. 1998
Rauma AL, Törmälä ML, Nenonen M, Hänninen O. Iodine status in vegans consuming a living food diet. Nutr Res. 1994
Crowe FL, Steur M, Allen NE, Appleby PN, Travis RC, Key TJ. Plasma concentrations of 25-hydroxyvitamin D in meat eaters, fish eaters, vegetarians and vegans: results from the EPIC–Oxford study. Public Health Nutr. 2011;14(02):340–6.
Ceglia L. Vitamin D and skeletal muscle tissue and function. Mol Asp Med. 2008
Larson-Meyer DE, Willis KS. Vitamin D and athletes. Curr Sports Med Rep. 2010
Lönnerdal B. Dietary factors influencing zinc absorption. J Nutr. 2000
Ball MJ, Ackland ML. Zinc intake and status in Australian vegetarians. Br J Nutr. 2000
Hunt J. Moving toward a plant- based diet: are iron and zinc at risk? Nutr Rev. 2002
Pawlak R, Babatunde SELT. The prevalence of cobalamin deficiency among vegetarians assessed by serum vitamin B12: a review of literature. Eur J Clin Nutr. 2016
Kreatin
Burke LM. et al. Effect of creatine and weight training on muscle creatine and performance in vegetarians. Med Sci Sports Exerc. 2003
Harris RC. et al. Elevation of creatine in resting and exercised muscle of normal subjects by creatine supplementation. Clin Sci. 1992.
Lukaszuk JM. et al. Effect of creatine supplementation and a lacto-ovo-vegetarian diet on muscle creatine concentration. Int J Sport Nutr Exerc Metab. 2002
Buford TW.et al. International Society of Sports Nutrition position stand: creatine supplementation and exercise. J Int Soc Sports Nutr. 2007

Fett verbrennen – aber wie?

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Das ideale Fettverbrennungstempo bedeutet nicht, dass man da am meisten Fett verbrennt. Mythos und Fakten zur Fettverbrennung.
Es ist einfacher als man denkt: Mit langsamen Trainings wird die Ökonomie des Fettstoffwechsels trainiert, mit intensiven und schnellen Einheiten werden absolut betrachtet am meisten Kalorien und somit auch am meisten Fett verbrannt. Zwei unterschiedliche Trainingsformen mit zwei unterschiedlichen Zielsetzungen.

Ohne negative Energiebilanz kein Gewichtsverlust

Widmen wir uns zuerst der Gewichtsabnahme. Wer Fett abbauen will, muss an seiner Energiebilanz arbeiten. Was man in den Körper reinfüllt, muss auch wieder raus, sonst quellen die Fettpolster aus der Hose. Nicht verbrauchte Kalorien werden vom Körper als Fett gespeichert. Zum Abnehmen stellt die Energiebilanz daher das entscheidende Kriterium dar. Erst wenn Input (aufgenommene Kalorien mit der Ernährung) minus Output (verbrannte Kalorien) negativ ist, der Energieverbrauch also grösser ist als die Energiezufuhr, erst dann nehmen wir ab.
Den Output steigern kann man mit vermehrter Bewegung, den Input vermindern mit einer schlau dosierten Ernährung. Geht es darum, mit Sport zur Gewichtsabnahme beizutragen, gibt es zwei Ansatzpunkte. Entweder man versucht in kurzer Zeit so viele Kalorien wie möglich zu verbrennen. Da gilt das Motto: Wer maximal Kalorien verbrennen will, muss sich auch maximal anstrengen. Oder aber man steigert die Dauer der sportlichen Bewegung und ist so unterwegs, dass man möglichst lange durchhalten kann, was nur mit einer mittleren Intensität möglich ist, bei der nicht vorwiegend die Kohlenhydrate zur Energiebereitstellung benötigt werden, sondern mittels Sauerstoff auch Fett verwertet wird.
Prozentual betrachtet verbrennt man umso mehr Fett, je weniger intensiv die körperliche Belastung ist. Deshalb wird diese Intensitätsstufe oft als „Fettverbrennungsbereich“ bezeichnet. Das gilt aber nur prozentual, denn aufgrund des niedrigen Gesamt-Energieumsatzes ist die absolute Menge an verbranntem Fett im Fettverbrennungsbereich dennoch geringer, als wenn man intensiv unterwegs ist.

Fettstoffwechsel für mehr Ökonomie

Der Trainingsmodus im niedrigen „Fettverbrennungsbereich“ hat im Ausdauersport aber noch eine andere, spezielle Bedeutung. Die Kohlenhydratverbrennung (= Glykogenverbrennung, Zuckerverbrennung) liefert zwar etwa doppelt so viel Energie pro Zeit wie die Fettverbrennung, dafür brennen die Fette wesentlich länger und sind praktisch unbeschränkt im Körper vorhanden. Die Glykogenreserven reichen nur für eine Belastung von etwa 90 Minuten.
Ein regelmässiges Training im moderaten Fettstoffwechsel-Bereich bildet daher das entscheidende Fundament, auf dem die anderen Trainings aufgebaut werden können. Zudem erfordern weniger intensive Trainings eine geringere Regenerationszeit und können öfters wiederholt werden.
Mit dem Zugriff auf den Fettstoffwechsel verbessert unser Körper den ökonomischeren der beiden hauptsächlichen Stoffwechsel im Ausdauersport. Dadurch können die Glykogenreserven, die nur limitiert verfügbar sind, geschont werden. Mit dem Fettstoffwechsel kann man Stunden bis Tage laufen – mit dem Glykogenstoffwechsel im besten Fall eine bis zwei Stunden, ohne Kohlenhydrate nachzufüllen. Je besser der Fettstoffwechsel trainiert ist, desto mehr hilft er, von Beginn an die Kohlenhydrate zu schonen und am Ende das gewünschte Tempo länger durchzuhalten. Und desto weniger fällt man von einem Moment auf den anderen in einen Hungerast.

Was bringt Stoffwechseltraining?

Das Training des Fettstoffwechsels macht nicht nur für (Marathon)läufer Sinn, sondern für alle Ausdauersportler, die lange Belastungen leisten. Auch Radfahrer und Triathleten trainieren in der Saisonvorbereitung explizit ihren Fettstoffwechsel. Je länger die Wettkampfbelastung, desto mehr steigt dessen Bedeutung. Ein Fettstoffwechseltraining verbessert die Langzeitausdauer. Der Organismus bildet mehr Blut, um den Sauerstoff effizienter zu transportieren, die Zahl der Energiekraftwerke der Muskeln (Mitochondrien) steigt, damit die Zellen noch besser Energie gewinnen können. Durch die Anpassung des Organismus kann der Körper Trainingsbelastungen schneller verarbeiten. Und nicht zuletzt entwickeln sich neben den Muskeln und dem Blut auch die Knorpelflächen, Sehnen und Bänder, so dass man das Training besser verkraften kann und vor Überlastungen besser geschützt ist.

Ab wann Stoffwechseltraining?

Der Fettstoffwechsel wird bei fast allen Intensitäten beansprucht. Aber erst, wenn die Dauer der Belastung lang und die Belastungsintensität tief gewählt wird, kann von einem klassischen Fettstoffwechseltraining gesprochen werden. Lange Einheiten ab 60 und bis zu 180 Minuten (je nach Zielsetzungen) sollten im Laufsport einmal pro Woche zur Anwendung kommen. In Kombination mit anderen extensiven Dauerläufen wird so das notwendige Fundament aufgebaut. Ergänzt werden die extensiven Einheiten durch intensive Trainings im Verhältnis 1:3. Auf jede dritte extensive Einheit folgt ein intensives Training.
Wer erfolgreich sein will, sollte ganzjährig in das Fettstoffwechseltraining investieren. Das Positive daran: Diese Trainings sind wenig intensiv und werden bloss durch die lange Dauer herausfordernd. Um die Monotonie etwas zu durchbrechen, empfiehlt es sich, die lange Runde mit Trainingskollegen durchzuführen oder immer mal wieder eine neue Runde zu absolvieren.

Beispiele von Fettstoffwechseltrainings

  • Long Jog: Langer langsamer Lauf bis zu 3 Stunden, wenn das Ziel ein Marathon ist. Ansonsten dürfen es auch „nur“ 80 Minuten bis 2 Stunden sein. Motto: Je langsamer, desto besser!
  • Long Run: Langer zügiger Lauf (90% der Marathon-Geschwindigkeit) bis zu 3 Stunden oder maximal 38 Kilometer in der spezifischen Vorbereitung auf einen Marathon. Im Fall von kürzeren Zielstrecken bis zu 2 Stunden oder maximal 28 Kilometer.
  • Cross-Training: Lange Belastung in einer oder mehreren alternativen Sportarten mit tiefer Intensität. Beispiel: 3 Stunden Radfahren oder 5 Stunden Wandern. Idealerweise wird abschliessend noch ein kurzes Lauftraining von 30-45 Minuten Dauer angehängt, um den Transfer in die Zieldisziplin (Laufen) zu ermöglichen.,

Prozentualer Anteil der energieliefernden Prozesse bei unterschiedlichen Belastungen

Fettstoffwechsel: Der „Dieselmotor“ unseres Körpers



Die beiden Stoffwechselsysteme Fettstoffwechsel und Kohlenhydratstoffwechsel sind bei Ausdauerbelastungen immer beide beteiligt, aber nicht im gleichen Masse. Bei intensiven Belastungen wird in erster Linie der Kohlenhydratstoffwechsel eingesetzt, mit zunehmender Trainingsdauer und tieferer Pulsfrequenz stellt der Fettstoffwechsel den grössten Anteil an der Energiebereitstellung. Im idealen Fettverbrennungsbereich trainieren bedeutet nicht, maximal viele Kalorien zu verbrennen (bei intensivem Training verbrennt man insgesamt mehr Kalorien als bei lockeren Trainings), sondern mit tiefen Intensitäten die Ökonomie des Fettstoffwechsels zu verbessern, damit sich dieser auch bei intensiveren Belastungen an der Energiebereitstellung beteiligen kann.
 
Dieser Blogbeitrag von Andreas Gonseth wurde durch Fit for Life zur Verfügung gestellt. Fit for Life ist das Schweizer Magazin für Fitness, Lauf- und Ausdauersport. Möchtest du regelmässig solche Artikel lesen? Dann klicke hier.

„Back to basics“ – Fitness und Wohlbefinden in der Leistungsgesellschaft

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Andreas Lanz ist Personal Trainer und Geschäftsführer von TATKRAFT Creative Training in Bern. Seit Jahren begleitet er Menschen auf ihrem Weg zu einem gesunden und ausgeglichenen Lebensstil. Im Interview spricht er mit uns über die Leistungsgesellschaft, Motivationsprobleme und Ernährung.

Beim Training geht es vielen Leuten ums Äussere. Man soll fit und schlank oder definiert und muskulös aussehen. Sie pflegen aber einen anderen Ansatz, den des „funktionellen Körpers“. Worum geht es dabei?

Heute denkt man bei Fitnesstraining oft ans sichtbare Ergebnis. Aber Fitness hat vor allem einen gesundheitlichen Aspekt. Egal ob 2-5 kg schwerer oder leichter, es ist viel wichtiger, einen funktionellen Körper zu haben als ein perfektes Erscheinungsbild. Das gute Körpergefühl stellt sich von selbst ein, wenn man den Körper regelmässig braucht. Sport treiben, um einem Körperideal zu entsprechen, führt oft zu einem einseitigen Training, was unter Umständen einen noch «unfunktionelleren» Körper nach sich zieht. Natürlich, auch zu uns kommen Frauen und Männer mit dem Ziel, ihr Äusseres zu verändern, aber lustigerweise rückt dieses Ziel nach 1-2 Monaten etwas in den Hintergrund. Die Leute merken, dass das Körpergefühl viel wichtiger ist. Sie nehmen den Körper besser wahr und erlangen dadurch ein besseres Selbstvertrauen.

Du machst das seit 15 Jahren. Welche Art von Kunden hast du?

Das Personal Training ist vor allem bei Leuten in mittleren bis höheren Kaderpositionen beliebt – oder bei Menschen, die generell stark ausgelastet sind. Der Markt fürs Personal Training wächst stetig, was vielleicht damit zu tun hat, dass die Leute gerne die Verantwortung fürs Training abgeben. Statt einem Abo im Fitnesscenter, das sie dann trotzdem nie nutzen, wollen sie lieber eine fixe Trainingszeit und jemanden, der ihnen die Entscheidung abnimmt, was trainiert werden soll. So kommen sie gar nicht in Entscheidungsnot und brauchen weniger Eigenantrieb. Unser Ziel ist es aber schon, dass sich die Kunden durch den sich einstellenden Spass am Training mit der Zeit auch selber motivieren können.

Du schreibst in deinen Büchern, Krafttraining mit dem eigenen Körpergewicht sei effizienter oder zumindest genauso gut wie jenes an Geräten. Waren denn alle Entwicklungen der Fitness-Welt unnötig?

Ja, für einen grossen Teil der Leute würde ich behaupten, dass sie unnötig waren. Der eigene Körper ist eigentlich ein persönliches Fitnessstudio, das alles bietet. Es gibt viele Übungen mit dem eigenen Körpergewicht, die extrem anspruchsvoll sind und mit denen man sich mit etwas Disziplin sehr fit trimmen kann. Ich habe nichts gegen freie Zusatzgewichte, Spitzensportler braucht diese zum Teil sogar. Auch Maschinen haben Ihre Berechtigung, zum Beispiel zum isolierten Aufbau von bestimmten Muskeln nach Operationen. Jedoch sind Maschinen sehr «unfunktionell». Man sitzt am Gerät und zieht oder stösst ein Gewicht in die eine oder andere Richtung. Aber wir sitzen schon im Alltag genug. Deshalb sollten wir lieber lernen, unseren Körper in allen möglichen Positionen zu bewegen und zu stabilisieren. Das bringt im Alltag viel mehr.

Auch in Sachen Ernährung hört man in deinen Büchern heraus, dass du zu „back to basics“ rätst. Was meinst du damit? Was ist das Problem mit der heutigen Ernährung?

In vielen Ländern lebt man heute im Schlaraffenland. Innerhalb eines Quadratkilometers finden wir fast alles, was es auf der Welt Essbares gibt. Die Evolution hat einen langen Atem, wir waren lange Jäger und Sammler. Für das Leben im Überfluss sind wir wohl noch nicht geschaffen. Zudem ist die Lebensmittelindustrie vor allem am eigenen Profit interessiert und produziert, was die Leute kaufen: möglichst einfache, bequeme Nahrungsmittel – die meisten davon angereichert mit Zucker. Gleichzeitig haben wir etwas, das eigentlich zum Ausruhen gedacht war, zu unserem Hauptgerät gemacht: den Stuhl. Wir sitzen permanent und arbeiten kaum mehr körperlich. Diese Diskrepanz von weniger Bewegung und einem Überschuss an Nahrungsmitteln, das kann ja nicht aufgehen…

Zuckerüberschuss spricht auch nicht gerade für Smoothie-Diäten…

Wenn ich Diät höre laufe ich tendenziell schon mal rückwärts. Wir sollten den Körper nicht in Hungersnöte treiben, wo wir zwar kurzzeitig abnehmen, uns dann aber sofort wieder dafür belohnen müssen. Genau so entsteht der JoJo-Effekt. Mit wenig Kalorien nimmt jeder ab, das ist keine Kunst. Die Kunst ist es, eine Kalorien-Balance zu finden für den eigenen Körper, wo man weder zu- noch abnimmt, sich gut fühlt und nicht permanent Müdigkeit, Durst oder Hunger verspürt. Diese Balance ist aber sehr individuell.

Also ist die Lösung: Sich daran orientieren, wie man früher ass.

Ich sage immer: Man darf alles essen. Die Menge macht das Gift! Schoggi oder eine Crèmeschnitte kann man sich mal gönnen. Das ist aber Genuss und hat nichts mit Ernährung zu tun. In der Regel überlege ich mir, was wir vor ca. 150 Jahren hier in dieser Region assen. Zum Beispiel Gemüse aus der Region oder Fleisch aus der Region – vom Fleisch allerdings auch nicht so viel, das ass man vielleicht mal am Sonntag. Es gab kein Übermass an Zucker. Wichtig ist, dass man alles mit einer gewissen Achtsamkeit konsumiert, sich selber beobachtet und schaut, was überhaupt mit einem passiert. Das ist besser als darauf zu hören, was «man» sagt. Denn «man» bist nicht du!

Viele Leute beginnen mit Sport, hören aber schnell wieder auf. Haben wir in der heutigen Leistungsgesellschaft zu wenig Energie?

Ja, das ist sicher so! Das Leben im 21. Jahrhundert ist hart geworden, die Gesellschaft stellt extrem hohe Anforderungen. Die Frage ist: Was ist mir wichtiger, die Ansprüche der Gesellschaft oder mein eigenes Leben? Ich stelle immer wieder fest, dass sich Leute hinter Ausreden verstecken. „Bevor man Sport macht, muss man sich erst mal erholen vom strengen Alltag“, heisst es zum Beispiel, oder dann liegt die Schuld beim Chef, der einen überfordert. Wir wollen grundsätzlich alle das gleiche, wissen auch so viel wie nie zuvor. Aber bei der Umsetzung hapert es. Ein gewisses Mass an Selbstdisziplin und Eigenverantwortung ist zwingend, wenn man sich um seine Gesundheit kümmern will. Aber die Leute suchen lieber nach jemandem, der einem das Problem lösen könnte.

Running.COACH ist ja eine Art Stütze für Läufer mit unserem individuellen Trainingsplan. Trotzdem hören wir oft die Frage, wie man sich denn sich motivieren soll.

Es kann eine Hilfe sein, die Ausrüstung schon am Abend vorher bereitzustellen. So legt man direkt los, bevor Unlust aufkommt. Zweitens wäre für Läufer ein Trainingspartner sinnvoll. Mal ist der eine motivierter, mal der andere. Und wenn jemand auf einen wartet, lässt man den in der Regel nicht hängen. Was ich selber immer mache und von vielen Spitzensportlern kenne, ist der Fokus aufs Ziel. Das muss nicht sein, dass ich einen Marathon mit Daniela Ryf mitlaufen kann. Es kann auch sein, sich tagsüber rundum wohl zu fühlen, weniger anfällig auf Krankheiten oder resistenter gegen Stress zu werden. Wenn man kein WARUM hat, ist es schwierig, etwas über längere Zeit durchzuziehen.

Dies klingt alles relativ kopfgesteuert, wo wir doch vorher gerade über Achtsamkeit mit dem Körper gesprochen haben. Wann kann man auch mal aufs Training verzichten?

Motivation ist immer kopfgesteuert. Aber wer achtsam ist mit seinem Körper, der spürt, wann das Training guttut und wann nicht. Das hat nichts mit einer Ausrede zu tun, sondern mit ehrlicher Wahrnehmung. Gerade bei Läufern habe ich oft beobachtet, dass trotz Schmerzen oder Müdigkeit weitertrainiert wird – aus Angst, die Form zu verlieren. Daraus resultieren oft Besuche in der Physiotherapie. Disziplin ist auch, wahrzunehmen wie es mir geht und was mein Körper braucht. Deshalb erachte ich Achtsamkeit als entscheidenden Part von körperlicher Fitness.

Wie bist du zu all diesen Erkenntnissen gekommen? Dachtest du schon immer so oder hattest du früher mit den gleichen Dingen zu kämpfen wie deine Athleten oder Kunden?

Ich habe 15 Jahre lang intensiv geschwungen, zudem etwas Judo gemacht oder bin Bob gefahren als Anschieber. Damals wusste man noch nicht so viel über Training, ich habe sehr viel falsch trainiert, bin über Grenzen hinausgeschossen und von Verletzungen gebremst worden. Da dachte ich mir, es sei nicht nötig, dass alle die gleichen Dummheiten machen. Zum anderen habe ich immer gern experimentiert. Einmal habe ich mich absichtlich ins Übertraining laufen lassen um zu spüren, wie das ist. Das kann ich niemandem empfehlen! In meinen 15 Jahren als Personal Trainer habe ich immer wieder festgestellt: Leute sind dauernd am Anschlag, bis sie sich nicht mehr spüren. Ich habe viele Bücher gelesen, und mich schlau gemacht über diese Themen. In meinen beiden Büchern habe ich einfach meine Sicht präsentiert und versucht, den Menschen möglichst einfache Werkzeuge zu geben, um sich den Alltag zu erleichtern. Sobald man Eigenverantwortung übernimmt und etwas Disziplin an den Tag legt, kommt man schon mit wenig relativ weit.

Wir bedanken uns für das interessante Interview und wünschen dir weiterhin alles Gute!

Andreas Lanz ist Inhaber und Geschäftsführer des Unternehmens TATKRAFT Creative Training, das sich neben Personal Training auf allen Leistungsstufen auch auf Beratungen in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden spezialisiert hat. Er hat ausserdem die Bücher „Das AWL-Prinzip“ (2013) und „Der Powereffekt“ (2018) veröffentlicht.
Andreas Lanz gibt regelmässig Referate im Bereich Corporate Fitness als Gesundheitsberater und Motivator.
Auf der
Webseite findest du mehr Informationen zu Andreas, seinem Team und der Philosophie des Unternehmens.

 

Dieser Blogbeitrag wurde verfasst von: Marion Aebi

 

"Back to basics" – Fitness und Wohlbefinden in der Leistungsgesellschaft

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Andreas Lanz ist Personal Trainer und Geschäftsführer von TATKRAFT Creative Training in Bern. Seit Jahren begleitet er Menschen auf ihrem Weg zu einem gesunden und ausgeglichenen Lebensstil. Im Interview spricht er mit uns über die Leistungsgesellschaft, Motivationsprobleme und Ernährung.
Beim Training geht es vielen Leuten ums Äussere. Man soll fit und schlank oder definiert und muskulös aussehen. Sie pflegen aber einen anderen Ansatz, den des „funktionellen Körpers“. Worum geht es dabei?
Heute denkt man bei Fitnesstraining oft ans sichtbare Ergebnis. Aber Fitness hat vor allem einen gesundheitlichen Aspekt. Egal ob 2-5 kg schwerer oder leichter, es ist viel wichtiger, einen funktionellen Körper zu haben als ein perfektes Erscheinungsbild. Das gute Körpergefühl stellt sich von selbst ein, wenn man den Körper regelmässig braucht. Sport treiben, um einem Körperideal zu entsprechen, führt oft zu einem einseitigen Training, was unter Umständen einen noch «unfunktionelleren» Körper nach sich zieht. Natürlich, auch zu uns kommen Frauen und Männer mit dem Ziel, ihr Äusseres zu verändern, aber lustigerweise rückt dieses Ziel nach 1-2 Monaten etwas in den Hintergrund. Die Leute merken, dass das Körpergefühl viel wichtiger ist. Sie nehmen den Körper besser wahr und erlangen dadurch ein besseres Selbstvertrauen.

Du machst das seit 15 Jahren. Welche Art von Kunden hast du?
Das Personal Training ist vor allem bei Leuten in mittleren bis höheren Kaderpositionen beliebt – oder bei Menschen, die generell stark ausgelastet sind. Der Markt fürs Personal Training wächst stetig, was vielleicht damit zu tun hat, dass die Leute gerne die Verantwortung fürs Training abgeben. Statt einem Abo im Fitnesscenter, das sie dann trotzdem nie nutzen, wollen sie lieber eine fixe Trainingszeit und jemanden, der ihnen die Entscheidung abnimmt, was trainiert werden soll. So kommen sie gar nicht in Entscheidungsnot und brauchen weniger Eigenantrieb. Unser Ziel ist es aber schon, dass sich die Kunden durch den sich einstellenden Spass am Training mit der Zeit auch selber motivieren können.
Du schreibst in deinen Büchern, Krafttraining mit dem eigenen Körpergewicht sei effizienter oder zumindest genauso gut wie jenes an Geräten. Waren denn alle Entwicklungen der Fitness-Welt unnötig?
Ja, für einen grossen Teil der Leute würde ich behaupten, dass sie unnötig waren. Der eigene Körper ist eigentlich ein persönliches Fitnessstudio, das alles bietet. Es gibt viele Übungen mit dem eigenen Körpergewicht, die extrem anspruchsvoll sind und mit denen man sich mit etwas Disziplin sehr fit trimmen kann. Ich habe nichts gegen freie Zusatzgewichte, Spitzensportler braucht diese zum Teil sogar. Auch Maschinen haben Ihre Berechtigung, zum Beispiel zum isolierten Aufbau von bestimmten Muskeln nach Operationen. Jedoch sind Maschinen sehr «unfunktionell». Man sitzt am Gerät und zieht oder stösst ein Gewicht in die eine oder andere Richtung. Aber wir sitzen schon im Alltag genug. Deshalb sollten wir lieber lernen, unseren Körper in allen möglichen Positionen zu bewegen und zu stabilisieren. Das bringt im Alltag viel mehr.

Auch in Sachen Ernährung hört man in deinen Büchern heraus, dass du zu „back to basics“ rätst. Was meinst du damit? Was ist das Problem mit der heutigen Ernährung?
In vielen Ländern lebt man heute im Schlaraffenland. Innerhalb eines Quadratkilometers finden wir fast alles, was es auf der Welt Essbares gibt. Die Evolution hat einen langen Atem, wir waren lange Jäger und Sammler. Für das Leben im Überfluss sind wir wohl noch nicht geschaffen. Zudem ist die Lebensmittelindustrie vor allem am eigenen Profit interessiert und produziert, was die Leute kaufen: möglichst einfache, bequeme Nahrungsmittel – die meisten davon angereichert mit Zucker. Gleichzeitig haben wir etwas, das eigentlich zum Ausruhen gedacht war, zu unserem Hauptgerät gemacht: den Stuhl. Wir sitzen permanent und arbeiten kaum mehr körperlich. Diese Diskrepanz von weniger Bewegung und einem Überschuss an Nahrungsmitteln, das kann ja nicht aufgehen…
Zuckerüberschuss spricht auch nicht gerade für Smoothie-Diäten…
Wenn ich Diät höre laufe ich tendenziell schon mal rückwärts. Wir sollten den Körper nicht in Hungersnöte treiben, wo wir zwar kurzzeitig abnehmen, uns dann aber sofort wieder dafür belohnen müssen. Genau so entsteht der JoJo-Effekt. Mit wenig Kalorien nimmt jeder ab, das ist keine Kunst. Die Kunst ist es, eine Kalorien-Balance zu finden für den eigenen Körper, wo man weder zu- noch abnimmt, sich gut fühlt und nicht permanent Müdigkeit, Durst oder Hunger verspürt. Diese Balance ist aber sehr individuell.
Also ist die Lösung: Sich daran orientieren, wie man früher ass.
Ich sage immer: Man darf alles essen. Die Menge macht das Gift! Schoggi oder eine Crèmeschnitte kann man sich mal gönnen. Das ist aber Genuss und hat nichts mit Ernährung zu tun. In der Regel überlege ich mir, was wir vor ca. 150 Jahren hier in dieser Region assen. Zum Beispiel Gemüse aus der Region oder Fleisch aus der Region – vom Fleisch allerdings auch nicht so viel, das ass man vielleicht mal am Sonntag. Es gab kein Übermass an Zucker. Wichtig ist, dass man alles mit einer gewissen Achtsamkeit konsumiert, sich selber beobachtet und schaut, was überhaupt mit einem passiert. Das ist besser als darauf zu hören, was «man» sagt. Denn «man» bist nicht du!
Viele Leute beginnen mit Sport, hören aber schnell wieder auf. Haben wir in der heutigen Leistungsgesellschaft zu wenig Energie?
Ja, das ist sicher so! Das Leben im 21. Jahrhundert ist hart geworden, die Gesellschaft stellt extrem hohe Anforderungen. Die Frage ist: Was ist mir wichtiger, die Ansprüche der Gesellschaft oder mein eigenes Leben? Ich stelle immer wieder fest, dass sich Leute hinter Ausreden verstecken. „Bevor man Sport macht, muss man sich erst mal erholen vom strengen Alltag“, heisst es zum Beispiel, oder dann liegt die Schuld beim Chef, der einen überfordert. Wir wollen grundsätzlich alle das gleiche, wissen auch so viel wie nie zuvor. Aber bei der Umsetzung hapert es. Ein gewisses Mass an Selbstdisziplin und Eigenverantwortung ist zwingend, wenn man sich um seine Gesundheit kümmern will. Aber die Leute suchen lieber nach jemandem, der einem das Problem lösen könnte.

Running.COACH ist ja eine Art Stütze für Läufer mit unserem individuellen Trainingsplan. Trotzdem hören wir oft die Frage, wie man sich denn sich motivieren soll.
Es kann eine Hilfe sein, die Ausrüstung schon am Abend vorher bereitzustellen. So legt man direkt los, bevor Unlust aufkommt. Zweitens wäre für Läufer ein Trainingspartner sinnvoll. Mal ist der eine motivierter, mal der andere. Und wenn jemand auf einen wartet, lässt man den in der Regel nicht hängen. Was ich selber immer mache und von vielen Spitzensportlern kenne, ist der Fokus aufs Ziel. Das muss nicht sein, dass ich einen Marathon mit Daniela Ryf mitlaufen kann. Es kann auch sein, sich tagsüber rundum wohl zu fühlen, weniger anfällig auf Krankheiten oder resistenter gegen Stress zu werden. Wenn man kein WARUM hat, ist es schwierig, etwas über längere Zeit durchzuziehen.
Dies klingt alles relativ kopfgesteuert, wo wir doch vorher gerade über Achtsamkeit mit dem Körper gesprochen haben. Wann kann man auch mal aufs Training verzichten?
Motivation ist immer kopfgesteuert. Aber wer achtsam ist mit seinem Körper, der spürt, wann das Training guttut und wann nicht. Das hat nichts mit einer Ausrede zu tun, sondern mit ehrlicher Wahrnehmung. Gerade bei Läufern habe ich oft beobachtet, dass trotz Schmerzen oder Müdigkeit weitertrainiert wird – aus Angst, die Form zu verlieren. Daraus resultieren oft Besuche in der Physiotherapie. Disziplin ist auch, wahrzunehmen wie es mir geht und was mein Körper braucht. Deshalb erachte ich Achtsamkeit als entscheidenden Part von körperlicher Fitness.
Wie bist du zu all diesen Erkenntnissen gekommen? Dachtest du schon immer so oder hattest du früher mit den gleichen Dingen zu kämpfen wie deine Athleten oder Kunden?
Ich habe 15 Jahre lang intensiv geschwungen, zudem etwas Judo gemacht oder bin Bob gefahren als Anschieber. Damals wusste man noch nicht so viel über Training, ich habe sehr viel falsch trainiert, bin über Grenzen hinausgeschossen und von Verletzungen gebremst worden. Da dachte ich mir, es sei nicht nötig, dass alle die gleichen Dummheiten machen. Zum anderen habe ich immer gern experimentiert. Einmal habe ich mich absichtlich ins Übertraining laufen lassen um zu spüren, wie das ist. Das kann ich niemandem empfehlen! In meinen 15 Jahren als Personal Trainer habe ich immer wieder festgestellt: Leute sind dauernd am Anschlag, bis sie sich nicht mehr spüren. Ich habe viele Bücher gelesen, und mich schlau gemacht über diese Themen. In meinen beiden Büchern habe ich einfach meine Sicht präsentiert und versucht, den Menschen möglichst einfache Werkzeuge zu geben, um sich den Alltag zu erleichtern. Sobald man Eigenverantwortung übernimmt und etwas Disziplin an den Tag legt, kommt man schon mit wenig relativ weit.
Wir bedanken uns für das interessante Interview und wünschen dir weiterhin alles Gute!

Andreas Lanz ist Inhaber und Geschäftsführer des Unternehmens TATKRAFT Creative Training, das sich neben Personal Training auf allen Leistungsstufen auch auf Beratungen in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden spezialisiert hat. Er hat ausserdem die Bücher „Das AWL-Prinzip“ (2013) und „Der Powereffekt“ (2018) veröffentlicht.
Andreas Lanz gibt regelmässig Referate im Bereich Corporate Fitness als Gesundheitsberater und Motivator.
Auf der
Webseite findest du mehr Informationen zu Andreas, seinem Team und der Philosophie des Unternehmens.
 
Dieser Blogbeitrag wurde verfasst von: Marion Aebi