Menstruation im Ausdauersport

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Die Menstruation hat noch immer einen Hauch eines Tabuthemas – auch im Sport. Dabei betrifft es mich und dich, Breitensportlerinnen genauso wie Spitzensportlerinnen.  Gemeinsam mit der Sportärztin Dr. med. Sibylle Matter (leitende Ärztin Sportmedizin Medbase Bern Zentrum) sowie den Spitzensportlerinnen Sabrina Mockenhaupt, Emma Pooley und Judith Wyder  nehmen wir in diesem Artikel verschiedene Aspekte zum Thema weiblicher Zyklus und Ausdauersport auf: Trainingsplanung nach dem Zyklus, Umgang mit Menstruationsbeschwerden sowie Amenorrhoe bei Sportlerinnen.
Dieser Artikel ist nicht nur für sportliche Frauen, sondern auch für deren Partner, Trainer, Trainingskollegen und alle Interessierten gedacht.
Dass die Menstruation eher ein Tabuthema ist, bestätigt Spitzensportlerin (ehemalige Orientierungsläuferin, Berg- und Trailläuferin) Judith Wyder. Auf die Frage, ob die Menstruation überhaupt ein Thema ist unter den Sportlerinnen, antwortet sie: „ Nicht, das ich wüsste. Obwohl wir viel mit dem Frauenteam unterwegs sind, ist es selten ein Thema und wird eher als Tabuthema gehandelt.“
Das bestätigt auch die Tatsache, dass es sich schwieriger gestaltete als angenommen, Spitzensportlerinnen zu finden, welche offen über ihren Zyklus berichten. An dieser Stelle ein grosses Dankeschön an Emma, Judith und Sabrina für ihre Beiträge.

Der weibliche Zyklus und das Training

Können die unterschiedlichen Phasen des weiblichen Zyklus auch für die Trainingsplanung genutzt werden?
Der weibliche Zyklus wird hormonell betrachtet in drei Phasen eingeteilt, welche durchaus auch einen Einfluss auf das individuelle Gefühl beim Training haben können, obwohl sich das eigentlich rein statistisch gesehen auf die sportliche Leistung nicht auswirkt, betont Dr. med. Sibylle Matter
1. Zyklustag = 1. Tag der Menstruation (= Beginn der 1. Phase): Menstruationsphase – auch am ersten Tag mit Blutungen sind durchaus Bestleistungen möglich, oft spielt der mentale Aspekt eine grosse Rolle. Leistungsmindernd sind dabei die oft auftretenden Schmerzen und Unterbauchkrämpfe während der Menstruation. Die interviewten Sportlerinnen setzen auf Tampons, wobei die Menstruationstasse sicher auch für Sportlerinnen eine interessante Option ist, ergänzt Dr. med. Sibylle Matter.
1. Phase: In der Follikelphase steigt der Östrogenspiegel, was insgesamt eher einen anabolen Effekt hat. Laut Dr. med. Sibylle Matter können deshalb Ausdauersportlerinnen die erste Zyklusphase für das Krafttraining nutzen und in diesem Zeitraum beispielsweise Maximalkraft trainieren.
Als 2. Phase kann man die (jedoch sehr kurze) Phase des Eisprungs bezeichnen, da dann kurzfristig Östrogen und Progesteron ansteigen.
3. Phase: In der Lutealphase dominiert nach dem Eisprung das Hormon Progesteron. Während den Tagen vor der Blutung leiden Frauen häufig am prämenstruellen Syndrom (PMS), was sich mit physischen sowie psychischem Unwohlsein und Wassereinlagerungen bemerkbar macht. „Das kann zu einem Leistungsabfall führen“, bestätigt Dr. med. Sibylle Matter, „wobei die jüngeren Athletinnen die Auswirkungen im Allgemeinen eher spüren und sich stärker darauf fokussieren.“
Fazit: Dr. med Sibylle Matter betont aber auch, dass es statistisch gesehen im Verlaufe des Zyklus kaum Veränderungen der sportlichen Leistungen und den entsprechenden Parametern innerhalb des Zyklus gibt, individuell allerdings sehr wohl. Sie empfiehlt Sportlerinnen mit einem regelmässigen Zyklus, die Phasen in Zusammenhang mit sportlicher Leistung zu bringen und entsprechend nutzen zu lernen.

Der Zyklus bei Spitzensportlerinnen

Wie empfinden Spitzensportlerinnen die verschiedenen Phasen des Zyklus und wie gehen Sie damit um?
Im Verlauf einer Karriere kann sich das Empfinden gegenüber den verschiedenen Phasen verändern. Generell können „ausgereifte“ Athletinnen die positiven Aspekte besser nutzen und passen das Training intuitiv an. Sie spüren mit der Erfahrung die verschiedenen Auswirkungen von Training, Erholung und Zyklus besser und können dadurch diese Einflüsse besser differenzieren und gezielt nutzen. Eher junge Athletinnen spüren die negativen Auswirkungen wie das PMS, psychische Schwankungen oder die Schmerzen während der Menstruation eher und fokussieren sich auch darauf. Sind die Beschwerden ausgeprägt nehmen sie deshalb oft die Pille oder andere hormonelle Verhütungsmethoden, um einen weniger schwankenden Hormonspiegel zu haben und die Beschwerden zu vermindern was ihnen folgend ein regelmässiges Training besser ermöglicht. Allerdings kann dabei je nach Präparat der positive Effekt des Östrogens weniger genutzt werden.
Judith Wyder hat ihr Training noch nie bewusst nach ihrem Zyklus geplant und aufgebaut. Sie passt das Training aber situativ an, wenn sie Beschwerden oder Unwohlsein aufgrund der Menstruation verspürt. Generell fühlt sie sich weniger agil und aktiv während der Menstruation. Ihr Trick: „Ich versuche dies als ‚normal‘ zu betrachten und schenke dem nicht viel Aufmerksamkeit.“ Judith nimmt die Hormon-Spirale Mirena und hat dadurch aktuell nur selten eine Blutung. Sie hat sie aber nicht deswegen einsetzen lassen, sondern weil diese nach diversen anderen Präparaten für sie am besten verträglich ist, da sie an sehr starken Bauchschmerzen litt. „Diese sind nun besser und kontrollierter und ich fühle mich im Alltag besser.“
Die Läuferin Sabrina Mockenhaupt hat jahrelang die Pille genommen, um den Zyklus zu steuern. Nach dem Absetzen hat sie Leistungsschwankungen wahrgenommen, welche sie so mit der Pille nicht hatte. Sie spürt den Zeitpunkt des Eisprunges gut und ihre Leistungsfähigkeit ist dann sehr gering. Beim Einsetzen der Menstruation hingegen fühlt sie sich meistens gut im Training.
Wie auch Judith Wyder nimmt Emma Pooley (Radfahrerin, Läuferin, und Triathletin) die Hormon-Spirale Mirena – bei ihr bleiben aber Blutungen dadurch aus: „Bevor ich die Mirena-Spirale hatte, habe ich unter Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfall gelitten während der Menstruation. Aufgrund der Spirale habe ich seit zehn Jahren fast keine Menstruation, obwohl der hormonelle Zyklus eigentlich trotzdem zykliert. Es ist aber schwieriger zu wissen, in welcher Phase des Zyklus ich bin!“

Gegner PMS: Beschwerden lindern


Das prämenstruelle Syndrom, kurz PMS, ist ein Sammelbegriff für verschiedene Beschwerden (wie z.B. Wassereinlagerung, Schweregefühl) an den Tagen bevor die Menstruation einsetzt. Diese Beschwerden können das normale Trainings- oder Wettkampfgeschehen für Athletinnen, aber auch für viele Breitensportlerinnen, aus dem Gleichgewicht bringen.
Was kann bei PMS helfen?

  • Die PMS-Symptomatik kann durch regelmässiges sportliches Training positiv beeinflusst werden. Einerseits kann das durch eine mögliche sportinduzierte Reduktion der weiblichen Geschlechtshormone erfolgen, ebenso können auch die zahlreichen neuroendokrinen Effekte verantwortlich sein, die durch die sportliche Aktivität ausgelöst werden.*
  • Als pflanzliches Mittel kann beispielsweise Mönchspfeffer bei PMS empfohlen werden.
  • Für eine Pille braucht es gemäss Dr. med. Sibylle Matter eine Besprechung und Verschreibung durch eine Ärztin oder einen Arzt, da es damit verbundene Risiken (z.B. Thrombose) gibt. Zudem sollte die individuelle Reaktion auf das Produkt besser vorgängig (nicht erst in der Wettkampfphase) ausgetestet werden.

Amenorrhoe im Sport

Nicht selten bleibt bei Sportlerinnen, auch viele Hobbysportlerinnen sind davon betroffen, die Menstruation aus, was als Amenorrhoe bezeichnet wird. Je nach Sportart und Leistungsniveau, sind es gemäss Dr. med. Sibylle Matter zwischen 10 bis sogar 60% welche betroffen sind. Im Vergleich dazu sind es nur 2-5% der inaktiven Frauen.
Bei  einer Amenorrhoe ist es für die weiteren Abklärungen und Suche nach der Ursache mit entscheidend, ob jemand bereits einmal die Menstruation hatte (sekundäre Amenorrhoe) oder noch keine bis Ende des 15. Lebensjahres (primäre Amenorrhoe).
Beide Formen der Amenorrhoe sind gerade bei Ausdauersportlerinnen verbreitet. Weshalb kommt es dazu? Die Ursachen sind vielfältig, doch bei Sportlerinnen beruhen die Zyklusstörungen oft auf einem regelmässig vorhandenen Energiedefizit. Zu den Zyklusstörungen gehören auch verlängerte Abstände von mehr als 6 Wochen zwischen den Menstruationsblutungen. Auch diese sollen als Warnsymptome des Körpers interpretiert und ärztlich abgeklärt werden.
Wenn der Zyklus länger als drei Monate ausfällt, braucht es eine fachspezifische Abklärung (Frauenarzt, Sportmedizin).
Denn ein länger andauerndes Energiedefizit kann folgende Probleme verursachen:

  • Verminderte Knochendichte
  • erhöhte Verletzungsanfälligkeit
  • psychische Probleme (kann auch Ursache sein für eine Amenorrhö)
  • Reduzierte Muskelmasse
  • Blutbildveränderungen
  • Herzrhythmusstörungen, etc.

Dr. med. Sibylle Matter betont, dass bei Spitzensportlerinnen ein langfristig vorhandenes Energiedefizit leider sehr oft zu einer ausgelaugten Situation mit Leistungsintoleranz bis hin zum Karriereende führt.
Emma Pooley bestätigt, dass Zyklusunregelmässigkeiten unter Sportlerinnen ein verbreitetes Problem ist: „Im Austausch mit Sport-Kolleginnen fällt mir auf, dass viele Frauen, die viel Sport machen, entweder sehr unregelmässige Zyklen haben, oder gar total amenorrhoisch sind. Bei mir war es auch so, bevor ich die Mirena Spirale hatte. Meistens ist das ein Zeichen, dass das Körpergewicht und der Fettanteil tief sind – hängt oft mit vielem Training und Spitzensport zusammen.“ Der unregelmässige Zyklus empfand Emma als Nachteil, weil dann die Menstruation immer zu einem ungünstigen Zeitpunkt einsetzte, beispielsweise beim Start eines Etappenrennens.
Zyklusstörungen bei Sportlerinnen sind NICHT normal, und eine fachspezifische Abklärung wird sehr empfohlen. Hier gibt es beispielsweise weiterführende Informationen zum Thema Amenorrhoe: https://www.mobilesport.ch/assets/lbwp-cdn/mobilesport/files/2018/10/ToolboxSportlerelternZH.pdf ; Abschnitt E.01: Wachstum und Entwicklung

Verfasserin Blogbeitrag: Stefanie Meyer
* Quelle: Sport und prämenstruelles Syndrom (Uni Bochum) 

Dinge die wir Läufer am Winter nicht vermissen

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Der Winter kann so schön sein und viele werden ihn vermissen, jetzt wo die wärmeren Monate des Jahres anstehen. Doch es gibt auch einige gute Gründe dafür, dem Winter freudig den Rücken zuzukehren! Wir stellen hier die acht wichtigsten vor (Vorsicht: enthält Spuren von Sarkasmus).

Die ewige Eis-Zitterpartie

Auch wenn im Winter der Schnee nicht überall dauerhaft liegt, ist es doch vielerorts so kalt, dass Strassen und Böden zufrieren und sich von einer soliden und zuverlässigen Unterlage in Zonen der ständigen Bedrohung verwandeln. Kaum hat man einen Schritt über die Türschwelle gemacht, schlittert man schon unkontrolliert in der Weltgeschichte herum. Aus Angst vor einer schmerzhaften Bruchlandung, zittert man sich dann – jeden Muskel im Körper angespannt – für den Rest des Trainings statt mit den kraftvollen Schritten eines geübten Läufers, in der Schrittfrequenz eines Chihuahuas bis zurück über die Türschwelle.

Wie geniessen wir es jetzt wieder, das Haus für unser Training verlassen zu können, ohne uns nach dem ersten Schritt zu fragen, ob nicht ein Helm und ein Ganzkörper-Panzer angebracht wären!

Der Kälte-Schock

Der Winter kann wirklich fabelhaft schön sein! Manchmal schaut man aus dem Fenster, sieht die weisse Schneelandschaft und wünscht sich nichts sehnlicher, als seine Laufschuhe zu schnüren und durch das weite Weiss zu rennen. Vielleicht scheint sogar noch die Sonne und lässt das Ganze so richtig gemütlich und einladend aussehen. Doch du bist ja nicht blöd und weisst, dass es Winter und deshalb trotzdem kühl ist. Also ziehst du dich entsprechend warm an. Und jetzt raus in diese Traumwelt! Eins, zwei, dr-AAAAAAHHHH, S***ISSE IST DAS KALT! Nach dem Öffnen der Tür verdrängt das «in-mein-warmes-Bett-Verkriechen» das Laufen im Freien schlagartig von der Spitze deiner Wunschliste. Du hast dich doch so gut vorbereitet und dennoch hat dich die klirrende Kälte auch dieses Mal wieder überrascht. Nun beginnst du deinen Lauf also schlotternd und kurzatmig, in dem verzweifelten Versuch, der Kälte so irgendwie zu entkommen. Bis du dich dann endlich akklimatisiert und mit der Kälte versöhnt hast, bist du eigentlich auch schon wieder mit dem Training fertig und kannst sowieso wieder rein in die Wärme.

Oh, wie schön ist es nun, dass wir unser Training beginnen können, ohne einen Grossteil davon damit zu verbringen, jede Zelle unseres Körpers aus der Kältestarre zu erlösen!

Das Schnee-Spulen

Ähnlich schwierig sich fortzubewegen wie in Punkt 1 wird es, wenn eine dünne Schicht Schnee liegt, gerne ein wenig nass. Man setzt bestimmt und zuversichtlich einen Fuss vor den anderen und stösst sich kraftvoll vom Boden ab. Das geht dann ungefähr bei 50% der Schritte gut, während man bei den restlichen 50% beim Abstossen gefühlte 5 Meter nach hinten ausrutscht und etwa so gut vom Fleck kommt, wie ein Hamster in seinem Hamsterrad. Für die gewöhnliche 45min-Runde braucht man so locker mal eine Stunde und ist hinterher ausgepumpt, als wäre man soeben einen Marathon mit einem Bären im Huckepack gerannt.
Ist es nicht toll, dass wir uns jetzt wieder darauf verlassen können, uns beim Laufen hauptsächlich vorwärts zu bewegen?

Der Schnee-Dreck-Matsch

Wer kennt es nicht? Es schneit und der Schnee legt sich wie Puderzucker auf Strassen, Dächer, Wiesen und Bäume (oh, wie schön!), doch kurz darauf kommt der Regen und das Ganze verwandelt sich in einen dreckigen Schnee-Matsch. Tapfer wie wir sind gehen wir aber trotzdem raus für unser Lauftraining. Wir versuchen dann noch, den schlimmsten Partien elegant auszuweichen, doch spätestens beim zehnten Schritt erwischt es uns trotzdem und – platsch, platsch, platsch – Schuhe und Socken sind für den Rest des Trainings triefend nass.
Oh, wie freuen wir uns auf die Schnee-Dreck-Matsch freien Böden! 

Der Tiefschnee-Hürdenlauf

Hier hat es der Winter zwar gut mit uns gemeint und zeigt sich von seiner schönsten Seite. Der Schnee liegt mehrere Dezimeter hoch und die Landschaft erscheint tiefweiss, wie ein Märchenland. Doch diese Schönheit hat auch ihre Nachteile. Kaum biegt man von den grösseren Strassen ab und begibt sich auf kleinere Wege und Pfade, fühlt es sich an, als habe man soeben die Sportart gewechselt und betreibe jetzt Hürdenlauf. Tiefer Schnee liegt unberührt (oh, wie schön!) auf den Lieblings-Trails, über die man doch im Herbst noch so mühelos getänzelt war und bei jedem Schritt droht man nun kopfüber in den Schnee zu fallen. «Komm schon, jetzt hüpfst du einfach über diesen Puder-Traum wie ein junges Reh», versuchst du dir einzureden. Doch spätestens nach 10 Minuten hat sich der Puls, im Gleichschritt mit der Frustration über die unleugbare Tatsache, dass man mit einem Reh so gar nichts gemeinsam hat, so stark erhöht, dass man sich am liebsten im Schnee vergraben und nie mehr aufstehen würde.

Doch wir haben eine frohe Botschaft für alle, die sich darin wiedererkennen: ab jetzt genügt es wieder, Mensch und Läufer zu sein und du kannst ohne rehartige Sprungkraft und jahrelanges Training im Hürdenlauf Dauerläufe auf deinen Lieblings-Trails machen!

Die trügerische Schneedecke

Dies betrifft vor allem Läufer, die gerne in der freien Natur laufen, wo der Schnee nicht geräumt wird. Der Schnee ist schon einige Wochen alt und langsam etwas hart geworden. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als trage einen die Schneeschicht und man könne unbeirrt darüber laufen. Also läufst du mutig los. Wow, das fühlt sich aber super an, quasi schwerelos über die Schneedecke zu laufen! Doch gerade als du dich daran gewöhnt hast, holt dich die Realität ein und, schwups, bricht die Schneeschicht beim nächsten Schritt doch noch ein und dein Fuss sackt unkontrolliert herunter. Dabei erschrickst du nicht nur, sondern bekommst auch einen schmerzhaften Schlag ans Schienbein, dort wo es an die Kante des entstandenen Lochs stösst. Ernüchtert von der Erkenntnis, dass deine Schwerelosigkeit nur vorübergehend war, bewegst du dich nun über die Schneedecke, als wäre es ein Minenfeld, ständig betend, dass deine Fussgelenke auch beim nächsten Einsinken keinen Schaden nehmen.
Ach, wie entspannend ist es, wieder freie Sicht auf den Boden zu haben und sehen zu können, wohin man seine Füsse setzt!

Das Schuhe-Auszieh-Drama

Dieser Punkt schliesst sich an Punkt 2 an (der Kälte-Schock). Man kommt von einem Lauf draussen in der Kälte zurück und will die Schuhe ausziehen. Wie oben erwähnt, ist einem jetzt zwar relativ warm, doch für bis in die Fingerspitzen hat es dann doch nicht gereicht. Und wie zum Teufel soll man denn jetzt diese Schuhe aufbekommen, ohne jegliches Gefühl in den Fingern?! Dabei hilft es auch nicht, dass sich die Schnürsenkel durch Schnee und Kälte in interessante kleine Eisskulpturen verwandelt haben. Nach einigen erfolglosen Versuchen, das Kunstwerk der Natur zu zerstören und die Schnürsenkel mit steifen fingern zu öffnen, bleibt einem oft nichts anderes übrig, als die Schuhe mit dem jeweils anderen Fuss hinten an der Ferse abzustossen. Ist zwar der Horror aller Schuhmacher, aber das ist uns dann in dieser Situation doch ziemlich egal…

Wir freuen uns nun darauf, dass wir die Schuhe wieder normal ausziehen können!

Das eingefrorene Gesicht

Der letzte Punkt ist eigentlich nur ein Problem, wenn Interaktionspartner involviert sind. Vom Laufen in Wind und Kälte ist unser Gesicht oft so steif und eingefroren, dass wir es kaum noch bewegen können. Laufen wir also zusammen mit jemandem und möchten uns unterhalten, kann dies unter Umständen gegen Ende des Trainings schwierig werden, weil die Mundmuskulatur halb eingeschlafen ist und es sich anfühlt, als hätten wir das Sprechen verlernt. Oder wenn wir unterwegs jemanden grüssen wollen, gerne lächelnd (weil wir ja so freundlich sind), bringen wir manchmal nur eine undefinierbare Grimasse in Kombination mit einem «A-o» (Übersetzung auf Sprache der Artikulationsfähigen: Hallo) zustande.
Hei, so erleichtert sind wir doch, dass wir Mimik und Sprache nun wieder uneingeschränkt einsetzten können!
Und jetzt, wo dies alles gesagt wäre, lassen wir den Winter doch einfach Winter sein und stürzen uns mit Euphorie in den Frühling!
 
Verfasst von: Marion Aebi

Eisenmangel im Ausdauer- und Lauftraining

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Ein Leistungsknick, Müdigkeit oder Muskelkrämpfe können Zeichen eines Eisenmangels sein. Obwohl er relativ häufig ist, überschätzen viele Läufer ihren Eisenbedarf.

Autor: Dr. med. Roberto Llano, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH, Sportmedizin SGSM, Leiter Medizin Medbase Bern Westside
 
 
 
Eisen ist an rund 200 biochemischen Reaktionen im Körper beteiligt: Der Sauerstofftransport im Blut, die Produktion von Nervenbotenstoffen, das Bereitstellen von Energie beim aeroben Training – für viele Körperfunktionen ist dieses Spurenelement unabdingbar.

Vielfältige Symptome bei Eisenmangel

Entsprechend vielfältig sind die Symptome bei einem Eisenmangel: Müdigkeit, Leistungsknick, Haarausfall, Stimmungsschwankungen, Nagelwuchsstörungen, Muskelkrämpfe in den Beinen oder auch ruhelose Beine (restless legs) können darauf hinweisen.
Etwa jede fünfte Frau im Erwachsenenalter und jeder fünfte junge Mann sind von Eisenmangel betroffen. Unter den Sportlern ist dieser Anteil höher, bis zu 52 Prozent der Athletinnen – insbesondere Ausdauersportlerinnen – im Menstruationsalter haben einen Eisenmangel.

Ursachen für einen Eisenmangel


Ein Grund dafür sind oft starke Menstruationsblutungen. Etwa 65 Prozent des im Körper vorhandenen Eisens sind an den Blutfarbstoff gebunden. Die Eisenmoleküle verleihen dem Blut nicht nur seine rote Farbe, sie ermöglichen auch den Sauerstofftransport von der Lunge zu den Organen und Muskeln. Ein Blutverlust führt also immer auch zum Verlust an Eisen.
Der zweite Grund, weshalb Sportler mehr als andere vom Eisenmangel betroffen sind, sind mikroskopisch kleine Zellschäden an der Darmschleimhaut, die bei intensivem Training entstehen können.  Typischerweise passiert dies beim Langstreckenlauf oder Velo fahren. Durch Erschütterungen oder winzigste Durchblutungsstörungen kann es passieren, dass Darmschleimhautzellen geschädigt werden. Auch dort befinden sich vergleichsweise viele Eisenmoleküle, die als Vorrat dienen. Im Extremfall kommt es zu blutigen Durchfällen, wie ihn manche Marathonläufer kennen. Dabei werden die die obersten Zellen der Darmschleimhaut «abgerieben», was den Eisenverlust verstärkt.
Der dritte, wichtige Punkt ist die Ernährung. Eisenmangel ist immer Zeichen eines Ungleichgewichts zwischen der Aufnahme dieses Metalls im Darm und dem täglichen Eisenverlust.
Der tatsächliche Bedarf beträgt bei Männern nur ein Milligramm pro Tag, zwei Milligramm es sind bei Frauen. Da aber bloss ein Bruchteil des Eisens in der Nahrung verfügbar ist, sollte die Zufuhr für Frauen etwa 15 und für Männer rund 10 Milligramm täglich betragen. Darauf achten viele Sportler zu wenig. Insbesondere Vegetarier und Veganer sollten dafür besorgt sein, ihren Eisenbedarf zu decken. Obschon Eisen in pflanzlichen Nahrungsmitteln vorkommt, wird es aus tierischen (vor allem Fleisch) besser aufgenommen.

Sportlich Aktive brauchen nicht per se Eisen-Supplemente

Die «runner’s anemia», also die Blutarmut bei Läufern, führt hingegen nicht zum Eisenmangel. Dabei werden durch die Belastung zwar rote Blutkörperchen in der Fusssohle zerstört. Der frei gesetzte eisenhaltige Blutfarbstoff wird vom Körper aber wieder recycelt.
Sport per se erhöht den Eisenbedarf nicht. Beim Schwitzen, mit dem Urin und dem Stuhl gehen bei gesunden Menschen nur minimale Mengen des Spurenelements verloren.
Trotzdem greifen viele Sportler (unnötig) zu Eisen-Supplementen. Kaum ein anderes Spurenelement wurde in den letzten Jahren derart «gehypt». Bei einer Studie am Zürich Marathon 2006 beispielsweise hatte einer von sechs untersuchten Marathonläufern Anzeichen einer Eisenüberladung. Das kann den Darm, Blutgefässe und Zellen schädigen.
Deshalb sollte vor einer etwaigen Zufuhr die Diagnose Eisenmangel gesichert sein. Sie lässt sich mit Hilfe von Blutanalysen stellen.

Verlauf Eisenmangel

Im ersten Stadium des Eisenmangels greift der Körper auf die Eisenvorräte zurück. Rund 20 Prozent des im Körper vorhandenen Eisens werden in Form des sogenannten Ferritins gespeichert. Ein tiefer Ferritinwert im Blut widerspiegelt deshalb die erschöpften Eisenvorräte.
Im zweiten Stadium sind diese Speicher soweit geleert, dass Symptome auftreten, allen voran Müdigkeit. Im dritten Stadium des Eisenmangels kommt es schliesslich zur Blutarmut, weil Eisen für die Bildung des roten Blutfarbstoffs fehlt. Blutarmut (Anämie) geht unter anderem mit rascher Erschöpfbarkeit und Leistungseinbusse einher, oft auch mit Schwindel bei schnellem Aufstehen.

Mangel beheben

Um den Mangel zu beheben, sind Eisenpräparate zum Einnehmen die erste Wahl. Der Eisenspiegel steigt damit zwar langsamer als mit Eiseninfusionen, dafür riskiert man nicht die potenziell lebensgefährlichen, allergie-ähnlichen Reaktionen, die bei Eiseninfusionen auftreten können. Wegen dieser – zum Glück seltenen – unerwünschten Wirkung sollten Ärzte Eiseninfusionen nicht zu leichtfertig geben, auch wenn manche Sportler darauf drängen. Für Athleten, die der Antidoping-Regelung unterstehen, ist es wichtig, zu wissen, dass sie nur Infusionen mit maximal 100 Milliliter Flüssigkeit erhalten dürfen.
Viele Laien führen mittlerweile beinahe jede Müdigkeit auf Eisenmangel zurück und suchen ihr Heil in Eiseninfusionen. In Wahrheit liegt das Problem aber oft nicht am fehlenden Eisen, sondern an einem Missverhältnis zwischen Belastung und Regeneration. Auch Druck oder Konflikte bei der Arbeit, finanzielle Sorgen oder Kummer im Privatleben können ermüden. Am häufigsten aber führt zu wenig oder schlechter Schlaf zur Müdigkeit  – und das kann eine Eisentherapie nicht beseitigen.

 


 

Boston Marathon nach einer dreifachen Bypass-Operation – Die Geschichte von Dave McGillivray

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Nach einer dreifachen Bypass-Operation wird der Renndirektor des Boston Marathon, Dave McGillivray, am 15. April selbst am Start stehen. Dieser Artikel erzählt die Geschichte eines leidenschaftlichen Läufers, der auf brutale Weise erkennen muss, dass Fitness und Gesundheit nicht immer Hand in Hand gehen.
Dave McGillivray läuft praktisch schon sein Leben lang. Dave ist der Inbegriff eines Ausdauersportlers. Seinen ersten Marathon lief er im Alter von 18 Jahren und viele weitere folgten. Mit 23 durchquerte er rennend Amerika. Er hat auch mehrere Ironman-Wettkämpfe bestritten. Er war einer der Typen, die nicht zu bremsen sind und kannte keine Grenzen für die Leistungen seines Körpers. Doch nach 59 Jahren Lauf-Abenteuer, im Jahr 2013, änderte sich alles. Alles fing an mit Atemproblemen während des Laufens. „Es fühlte sich ein wenig an wie Asthma“, beschreibt Dave. Zunächst versuchte er, seine Probleme zu verstecken, weil er sich dafür schämte. Er, der doch so stark und ausdauernd war, sah seine Atemschwierigkeiten als eine Schwäche an. Er fing an, alleine zu trainieren, statt mit Freunden, aus Angst, jemand könnte etwas bemerken. Nach einem Jahr waren die Probleme immer noch nicht verschwunden und er beschloss, etwas dagegen zu unternehmen. Die üblichen Tests beim Arzt zeigten nichts beunruhigendes. Seine Form war immer noch deutlich über dem Durchschnitt für Leute in seinem Alter. Das war einerseits erfreulich, andererseits machte es ihn aber ratlos, da er dem Grund seiner Atemschwierigkeiten nicht näher gekommen war. Nach 1.5 Jahren mit weiteren Tests und Eliminieren von möglichen Ursachen beschloss er, eine Computertomographie seines Herzens zu machen. Er erhielt einen Termin im Oktober 2013. Die Diagnose: „stark blockierte Arterien und chronisch-ischämische Herzkrankheit“ (eine Krankheit, die zu Durchblutungsstörungen in den Blutgefässen des Herzens führt).

Bild: Dave am Tag seiner Computertomographie im Oktober 2013
Mehrere Arterien in seinem Herz waren stark blockiert! Laut den Ärzten war es gefährlicher zu operieren, als nicht zu operieren. In Anbetracht der langen Geschichte von Herzkrankeiten in Daves Familie war der Bescheid eigentlich kaum überraschend: beide seine Grossväter starben an Herzversagen, sein Vater hat bereits 5 Bypass-Operationen hinter sich und leidet an einer Aortenklappenerkrankung und seine Schwester musste auch eine dreifache Bypass-Operation über sich ergehen lassen. Aber für Dave war es schlicht undenkbar gewesen, dass er auch betroffen sein könnte. Er war doch sein ganzes Leben lang so fit und gesund gewesen! Da begann er erstmals, die Gleichung „fit=gesund“ in Frage zu stellen. Er begann, an seinem Lebensstil zu zweifeln und kam zum Schluss, dass er Dinge wie Schlaf, gesundes Essen und Stressreduktion zu stark vernachlässigt hatte. Er dachte nie, dass diese Dinge wichtig wären, da er ja in so guter physischer Form war. Er dachte, seine Fitness halte ihn gesund. Andererseits kannte Dave persönlich 6 sehr gute Athlet/innen, die aufgrund eines Herzversagens starben und erst durch seine eigenen Probleme sah er nun ein, dass die Fitness dieser Leute allein sie nicht vor Krankheit und Tod zu schützen vermochte. Dave beschloss deshalb, alles dafür zu tun, um nicht nur fit, sondern auch gesund zu werden. Von da an krempelte er seinen Lebensstil komplett um: er begann zu meditieren, er schlief mehr als früher und er verlor auch sofort Gewicht. Der nächste medizinische Check war 2014, einige Wochen vor dem Ironman Hawaii im Oktober. Seine Lebensumstellung schien sich auszuzahlen! Die Blockaden in seinen Arterien hatten sich um ganze 40% reduziert! Dave konnte sein Glück kaum fassen. Er bekam die Erlaubnis, zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder am Ironman in Hawaii an den Start zu gehen.

Bild: Dave im Ziel des Ironman Hawaii 2014
In den nächsten 3.5 Jahren folgten viele sportliche Höhepunkte, Daves Wettkampfform war so gut wie seit Jahren nicht mehr. Anfang 2018 krönte er das Ganze mit der „World Marathon Challenge“, wobei er sieben Marathons in sieben Tagen auf sieben verschiedenen Kontinenten lief. Im März und April desselben Jahres dann aber der Rückschlag: die Atemprobleme tauchten wieder auf. Bald darauf bestätigten die Ärzte, dass sich der Zustand der Arterien wieder stark verschlechtert hatte. Eine dreifache Bypass-Operation war notwendig geworden. Er musste einsehen, dass er seine Gesundheit mit einem gesunden Lebensstil zwar verbessern, aber damit nicht seine genetische Veranlagung besiegen konnte. Nachdem er die Neuigkeit seiner geplanten Operation öffentlich gemacht hatte, erhielt er hunderte von unterstützenden Nachrichten. Es erstaunte ihn, wie viele Leute ihm dabei von ihren eigenen Herzproblemen erzählten, viele davon gute Athlet/innen. Dies verdeutlichte einmal mehr die Tatsache, dass auch fitte Menschen krank sein können. Die Operation erfolgte am 12. Oktober 2018. Alles lief gut ab und Dave folgte brav jeder einzelnen Anweisungen der Ärzte. Obwohl ihm seine Fitness nicht dabei geholfen hatte, gesund zu bleiben, half sie ihm nun beim Erholungsprozess. Er erholte sich extrem viel schneller als es Patienten normalerweise nach Bypass-Operationen tun.

Bild: Dave nach der Operation im Oktober 2018 (links) und bei seinem ersten Probe-Lauf am 1. Dezember (rechts)
Am 1. Dezember 2018 durfte Dave zum ersten Mal nach der Operation rennen. Zu diesem Zeitpunkt war es sein Ziel, den Boston Marathon nächsten Montag zu bestreiten. Wir hoffen, Dave am kommenden Sonntag am Start zu sehen und dass er diesen Marathon nach allem, was er durchgemacht hat, in vollen Zügen geniessen wird! Go Dave!
 
Verfasst von: Marion Aebi, basierend auf der Erzählung von Dave Gillivray

Interview mit Marathon-Champion Eliud Kipchoge

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Interview und Fotos: Jürg Wirz – dieser Blogbeitrag wurde uns vom Schweizer Magazin FIT for LIFE zur Verfügung gestellt. Willst du regelmässig informative Wissensartikel im Bereich Lauf- und Ausdauersport lesen, dann klicke hier.

Er lief den Marathon so schnell wie kein Mensch zuvor – und glaubt noch schneller werden zu können. FIT for LIFE hat den 34-jährigen Kenianer in seiner Vorbereitung auf den London-Marathon im Trainingscamp in Kaptagat besucht.
Eliud Kipchoge, spätestens seit Ihrem fantastischen Weltrekord im letzten September in Berlin in 2:01:39Stunden sind Sie der grösste Marathonläufer aller Zeiten, ungeschlagen in den letzten zehn Marathons, darunter der Olympiasieg in Rio und die 2:00:25 beim Breaking2-Versuch in Monza. Was hat sich in Ihrem Leben seither verändert?
Es ist schon ein bisschen schwierig geworden. Jede neue Leistung, jeder Rekord kommt mit einer neuen Verantwortung. Viele wollen etwas von mir: Sponsoren, Medienleute, aber auch die Fans. Ich versuche die Wünsche so gut wie möglich zu erfüllen, aber ich kann mich nicht für alle Sponsorenauftritte, Interviews, Autogrammwünsche oder Selfies zur Verfügung stellen. Ich muss selektionieren. Ich hoffe, meine Fans verstehen das. Am Ende sind sie ja auch nur glücklich, wenn ich gute Leistungen zeige.
Bringt diese verstärkte Aufmerksamkeit auch mehr Druck?
Nein, ich verspüre nicht mehr Druck als zuvor. Ich bin der Gleiche wie vor Berlin. Ich bin immer noch in erster Linie Läufer. Andere Verpflichtungen gehe ich nur ein, wenn das Training nicht darunter leidet. Während der Woche bin ich im Camp in Kaptagat; da geht es nur ums Training und um nichts anderes.
Wenn Sie an das Rennen in Berlin zurückdenken: War das der perfekte Wettkampf, das optimale Ergebnis? Ihr Coach Patrick Sang sagte, Sie hätten diesmal genau zum richtigen Zeitpunkt die Formspitze erreicht.
Ich kann und will mich nicht dazu äussern, was Patrick sagt. Er ist der Lehrer, ich bin der Schüler. Er gibt das Training vor und ich setze es um. Wir diskutieren nie über das Training, ich vertraue ihm hundertprozentig. Er ist der beste Coach, den ich mir wünschen kann – und das seit bald 20 Jahren. Aber er ist auch ein Freund und mein Lebenscoach. Ob es das perfekte Rennen war? An diesem Tag bei diesen Bedingungen: ja.
In Berlin waren sie schon nach 25 Kilometern ohne Tempomacher allein voraus, sie liefen die zweite Hälfte in 60:33 Minuten, 33 Sekunden schneller als die erste und Sie wurden auf den letzten Kilometern immer schneller; hatten Sie sogar noch Reserven?
Lassen Sie uns bitte nicht spekulieren. Wie gesagt: An diesem Tag war es das Optimum. Aber ich habe nie gesagt, dass ich nicht daran glaube, noch schneller laufen zu können. Es hängt aber von so vielen Faktoren ab: Ich muss wieder im entscheidenden Moment in Topform sein, das Wetter muss passen.
Ihre Motivation ist nach wie vor ungebrochen?
Ich bin überzeugt, dass ich auf diesem Niveau noch mindestens zwei Jahre weiterlaufen kann, aber eine Garantie habe ich nicht. Ich muss gesund bleiben und ohne Verletzungen durchs Training kommen. An der Motivation fehlt es nicht; ich bin immer noch sehr hungrig. Ich möchte als bester Marathonläufer in die Geschichte eingehen, ich will für die kommenden Generationen als Läufer und als Mensch ein Vorbild sein.
Sie betonen es immer wieder: Es ist die Liebe zum Laufen und zur Herausforderung, die Sie antreibt, und die Tatsache, dass Sie ein Vermächtnis zurücklassen wollen. Sie haben aber bereits alles erreicht. Was für Ziele bleiben da noch?
Ich liebe das Laufen, so einfach ist das. Die Olympischen Spiele nächstes Jahr in Tokio sind noch ein ganz grosses Ziel für mich – und ja, den Weltrekord kann ich vielleicht auch noch weiter verbessern. Jeder Tag ist eine Herausforderung, du stehst immer wieder vor einer neuen. Und wenn ich etwas erreicht habe, schaue ich nach vorne, auf das nächste Ziel. Das ist der Weg. Das ist meine Denkweise, mein Charakter, so funktioniere ich.
Am 28. April laufen Sie den London Marathon, den Sie schon dreimal gewonnen haben. War es ein Leichtes, sich wieder für London zu entscheiden, oder stand auch eine andere Option zur Diskussion?
Das ist die Arbeit des Managements und des Coachs. Sie schauen sich die verschiedenen Möglichkeiten an und sagen mir, welche nach ihrer Meinung die beste ist. Nach Berlin dachten sie, London sei gut, und ich war einverstanden. Ich bin glücklich, wieder in London laufen zu können. Vor allem auch, weil es zum Aufeinandertreffen mit
Mo Farah kommt. Er ist einer der grössten Läufer aller Zeiten. Was er auf der Bahn erreicht hat, ist unglaublich, und jetzt ist er auch im Marathon Extraklasse. Es wird eine echte Challenge werden, aber das ist es, was ich liebe. Und für die Fans wird es toll sein, das Rennen zu verfolgen.
Wie verlief die Vorbereitung bis jetzt? Gab es irgendwelche Änderungen, vielleicht neue Trainingsimpulse?
Alles lief nach Plan. Und nein, keine Änderungen. Wir hielten auch diesmal am Trainingsprogramm fest, das in den letzten Jahren funktioniert hat. Bei Bahntrainings oder Fahrtspielen gibt es vielleicht hin und wieder kleine Anpassungen, aber nichts von Bedeutung. Bevor ich mit dem dreimonatigen Trainingsprogramm beginne, gehe ich einen Monat lang nur joggen und dafür dreimal in der Woche ins Gym; dort mache ich zwei Stunden lang Krafttraining und Aerobics.
Wie sieht es mit der Ernährung aus, mit Supplementen?
Ich ernähre mich nach wie vor ganz normal wie jeder andere Kenianer und nehme keinerlei Supplemente zu mir. Die einzige Ausnahme sind Sportgetränke. Und wie halten Sie es mit Leistungstests oder anderen wissenschaftlichen Trainingshilfen? Ich laufe oft mit einer Pulsuhr, weil ich wissen will, wie sich mein Herz bei den verschiedenen Belastungen verhält. Aber ich analysiere das nie mit irgendwelchen Spezialisten, das ist nur für mich. Vor dem Breaking2-Projekt massen Nike-Leute mein Sauerstoffvolumen und anderes – ich musste zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Laufband rennen – aber das war eigentlich mehr für sie als für mich. Auf mein Training hatte das keinen Einfluss.
Seit dem Breaking2-Projekt hat auch Ihr Schuh, der Nike Zoom Vaporfly Elite, immer wieder für Diskussionen und Spekulationen gesorgt, nicht zuletzt auch, weil Nike selber behauptet, der Schuh würde eine vierprozentige Energieersparnis bringen. Was sagen Sie dazu?

Ich kann nur sagen, dass der Schuh, bei dessen Entwicklung ich ja stark mitgewirkt habe, der beste Marathonschuh ist, den ich je hatte. Ich laufe in London mit dem Vaporfly 4% Flyknit, dem gleichen Modell wie in Berlin. Letztes Jahr in London kam das Schaftmaterial von einem 3D-Drucker. Aber die ganze Schuhdiskussion ödet mich ehrlich gesagt ziemlich an. Der grösste Vorteil ergibt sich nicht im Rennen, sondern bei der Erholung. Er entlastet die Muskulatur und erlaubt, öfter auf einem hohen Niveau zu trainieren. Der Fortschritt kommt nicht vom Schuh, sondern vom Kopf. Wenn der Schuh so viel besser wäre als andere, warum bin ich dann der Einzige, der den Marathon unter 2:02 Stunden läuft?
Themawechsel. Wie sieht ein Trainingstag im Camp in Kaptagat aus?
Ich stehe um viertel vor sechs auf und bereite mich auf das Morgentraining vor, das in der Regel um 06.10 oder 06.20 beginnt, es sei denn, wir fahren zum Bahntraining nach Eldoret oder für einen Longrun ausserhalb von Kaptagat. Wenn ich zurückkomme, gehe ich unter die Dusche und dann mit meinen Kollegen zum Frühstück. Anschliessend ruhe ich mich etwas aus, entweder auf dem Gelände des Camps oder ich lege mich nochmals hin. Dann ist es Zeit fürs Mittagessen. Nach dem Mittagessen habe ich oft Massage. Bevor um 16 Uhr das zweite Training beginnt, ist nochmals Ruhe angesagt. Dann wieder Dusche und Warten aufs Nachtessen. Um 21 Uhr bin ich im Bett. So sieht mein Tag aus. Am Dienstag haben wir Bahntraining, am Donnerstag den langen Lauf, der bis zu 40 Kilometer gehen kann, und am Samstag ein Fahrtspiel. Am Samstagnachmittag gehen wir nach Hause und verbringen das Wochenende mit der Familie. Am Montagvormittag gehts wieder zurück ins Camp.
Lassen Sie uns noch über den jungen Schweizer Julien Wanders reden. Europarekord über 10 Kilometer und im Halbmarathon und jetzt sogar der erste offizielle Weltrekordinhaber über fünf Kilometer auf der Strasse. Verfolgen Sie seine Leistungen?
Ja, klar. Er gehört ja auch dem Nike NN-Team an und hat den gleichen Manager. Ich habe ihn zwar nie mehr getroffen, seit er beim Breaking2-Versuch in Monza einer der Tempomacher war, aber ich verfolge seine Leistungsentwicklung sehr genau. Den Halbmarathon in 59:13 zu laufen, ist wirklich fantastisch, vor allem für einen Europäer. Ich bewundere ihn und freue mich für ihn. Nach dem London-Marathon würde ich gerne einmal mit ihm zusammensitzen. Für mich ist Julien Wanders der Beweis, dass Ostafrikaner keine genetisch bedingten Vorteile haben. Wenn sich ein Europäer entschliesst, sich ganz auf den Sport zu konzentrieren und in der Höhe zu leben, kann er genau so gut ganz an die Spitze kommen. Es ist nur eine Frage des Talents, des Trainings und des Kopfes. Wanders ist jetzt schon ein Vorbild für andere Europäer. Ich bin sicher, dass ihm viele nacheifern werden.
Wie ist Ihre Meinung zur Dopingproblematik in Kenia? Sind viele Läufer zu wenig gut informiert, was erlaubt ist und was nicht, oder wieso häufen sich die Fälle?
Ich bin überzeugt, dass die meisten Athleten über Doping Bescheid wissen. In den letzten Jahren ist sehr viel Aufklärung betrieben worden, gerade auch vom kenianischen Verband. Ich denke, in den meisten Fällen geht es darum, dass einer schneller zu Geld kommen will. Das ist sehr bedauerlich, weil es natürlich auch einen Schatten auf alle sauberen Athleten wirft. Vielleicht hat es auch ein wenig mit der afrikanischen Mentalität zu tun. Betrügen ist leider bei vielen Menschen in der DNA.
Denken Sie, dass ein Land wie Kenia auch in Zukunft Weltklasseathleten hervorbringen wird? Auch in Kenia ist der technische Fortschritt überall zu sehen, die Lebensbedingungen werden besser. Ein entbehrungsreiches Leben als Läufer ist vielleicht bald nicht mehr gefragt oder notwendig, um etwas zu erreichen.
Ich mache mir darüber keine grossen Gedanken. Der Fortschritt kommt und lässt sich nicht aufhalten. Und mit ihm auch die technologische Entwicklung. Es stimmt, dass viele Kinder heute mit einem Bus in die Schule fahren oder von den Eltern im Auto gebracht werden. Ich denke, dass es letztlich in Kenia und anderen Ländern Sportakademien braucht, wo die talentierten Jugendlichen zur Schule gehen, trainieren und sich auf die Wettkämpfe vorbereiten können. Wo sie trainieren und auch mental geformt werden. Im Moment ist noch zu vieles dem Zufall überlassen. Es wird aber immer und überall junge Menschen geben, die im Sport etwas erreichen wollen.

Zum Schluss ein paar Stichworte:

Breaking2?
Ich lief 2:00:25 unter speziellen Bedingungen und ich habe den offiziellen Weltrekord. Mit der Erfahrung vom ersten Mal wäre die Chance bestimmt grösser, unter zwei Stunden zu laufen. Aber ich jage nie zwei Hasen, nur immer einen. Im Moment konzentriere ich mich auf London, nichts anderes.
City-Marathons?
Ich denke, so wie sie im Moment für uns Eliteläufer organisiert sind, ist das okay. Es gibt Leute, die sich mit der Organisation und dem administrativen Bereich der Marathons beschäftigen; die sollen sich Gedanken dazu machen. Mein Job ist es, möglichst schnell zu laufen.
Ihre Kinder?
Ich versuche, sie so grosszuziehen wie andere Eltern auch, auch wenn ihr Vater vielleicht ein bisschen bekannter ist als andere. Ich denke, das ist mir – und meiner Frau – bis jetzt ganz gut gelungen. Unsere Kinder bekommen nie alles, was sie haben möchten. Sie sollen wissen, dass nichts selbstverständlich ist, und sie sollen verschiedene Sportarten ausprobieren.
Religion?
Die Religion spielt in meinem Leben eine sehr grosse Rolle. Sie hält mich davon ab, Dinge zu tun, die mich von meinen Zielen abhalten könnten. Am Sonntag gehe ich mit der Familie in die Kirche und ich bete regelmässig, auch am Morgen vor einem Rennen.

DIE GRÜNDE FÜR ELIUD KIPCHOGES ERFOLGE

Kindheit:

Eliud Kipchoge wuchs in einem Dorf namens Kapsisisywa in Nandi County als jüngstes von fünf Kindern auf. Der Vater starb früh. Die Mutter, eine Lehrerin, zeigte den Kindern den richtigen Weg ins Leben.

Coach:

Eliud hatte Glück, dass Patrick Sang ganz in der Nähe wohnte. Sang, einst einer der besten Hindernisläufer der Welt (und Mitglied des LC Zürich), ist seit 18 Jahren sein Coach und Mentor. Sang verfügt über das höchste IAAF-Trainerdiplom.

Bahnkarriere:

Bevor er Ende 2012 zum Marathon wechselte, war er einer der besten Bahnläufer seiner Generation. Als 18-Jähriger schlug er Hicham El Guerrouj und Kenenisa Bekele an der WM in Paris über 5000 Meter; neun Jahre lang lief er die Strecke unter 13 Minuten.

Körperverständnis:

Während 16 Jahren auf höchstem Niveau hatte Eliud Kipchoge nur ganz wenige Verletzungen, weil er auf seinen Körper achtgibt: Krafttraining im Gym und Aerobics am Anfang einer Vorbereitung, danach Hügelläufe für die Kraft und immer Stretching und Massage.

Problemlösungen:

Er kann in einem Rennen auch Herausforderungen meistern: die hohen Temperaturen beim letztjährigen London-Marathon, der Regen in Berlin 2017 oder 2015 ebenfalls in Berlin, als er gewann, obwohl die Innensohlen aus den Schuhen herausrutschten.

Innere Ruhe:

Sein ruhiges und gelassenes Wesen erweist sich im extrem emotionalen Hochleistungssport als ideal. Wer die Ruhe bewahrt, kann klarer denken, sich besser konzentrieren und auf die Anforderungen eines Rennens vorbereiten.

Bescheidenheit:

Eliud Kipchoge ist trotz seiner Erfolge sehr bescheiden geblieben. Im Camp beteiligt er sich wie jeder andere an den Reinigungsarbeiten und er wohnt in einem einfachen Einfamilienhaus; seine Kinder sollen nicht anders aufwachsen als andere.

Planung:

Die richtige Planung ist ein Schlüssel zum Erfolg. Sobald mit dem Management zusammen der nächste Marathon festgelegt ist, sitzt er mit dem Coach zusammen und
lässt sich die Grobplanung geben, ausgehend vom Tag des Rennens.

Lerneifer:

Er ist von Natur aus ein neugieriger Mensch. Er liest viele Motivations- und Business-Bücher. Er gibt sich mit dem Erreichten nie zufrieden. Er will als Athlet und auch als Mensch immer dazulernen, noch besser werden und schaut immer nach vorne.

Trainingspartner:

Er hat hervorragende Trainingspartner an seiner Seite, darunter Geoffrey Kamworor (mehrfacher Halbmarathon- und Cross-Weltmeister), Stephen Kiprotich (Marathon-Olympiasieger 2012 und -Weltmeister 2013) und Abel Kirui (zweifacher Marathon-Weltmeister).

Training:

Was das Training betrifft, vertraut er hundertprozentig seinem Coach Patrick Sang, den er als seinen Coach fürs Training und das Leben bezeichnet. Trainingsprogramme werden nicht diskutiert: Sang ist der Lehrer, Kipchoge der Schüler.

Selbstvertrauen:

Im Laufe der Jahre, ganz besonders seit den 2:00:25 Stunden beim Breaking2-Versuch 2017 in Monza, hat er sich ein unerschütterliches Selbstvertrauen angeeignet. Er weiss, egal, was im Rennen passiert, er ist bereit. Seit zehn Rennen ist er ungeschlagen.