“Every year, Sierre-Zinal is different. You have to respect the mountain and listen to your body — it’s not just about running fast, it’s about knowing when to push” – Kilian Jornet
Sierre-Zinal – 31 Kilometer, 2’200 Höhenmeter bergauf, 1’100 bergab, fünf Viertausender im Blick. Kaum ein anderes Rennen vereint alpine Schönheit, Geschichte und Härte so sehr wie dieser Klassiker im Wallis. Doch wer hier bestehen will, braucht nicht nur starke Beine, sondern vor allem einen klugen Kopf: Denn bei kaum einem anderen Berglauf entscheidet das Pacing – also die gezielte Einteilung von Tempo und Kräften – so stark über Erfolg oder Einbruch wie auf der Strecke zwischen Sierre und Zinal.
Was machen die Top-Athlet:innen anders? Wie sieht das ideale Rennen eines Kilian Jornet aus – dem Rekordsieger mit 10 Siegen bei 13Teilnahmen? Und was können ambitionierte Hobbysportler:innen daraus für ihre eigene Rennstrategie lernen?
In diesem Beitrag analysiere ich die Rennverläufe der schnellsten Läufer:innen der vergangenen Jahre, werfe einen genauen Blick auf die Pacing-Muster von Kilian Jornet und zeige auf, wie man die Schlüsselabschnitte – nach Chandolin, hinauf zum Hotel Weisshorn und den abschliessenden Downhill nach Zinal – optimal angeht. Ganz gleich, ob das Ziel unter 3:30 oder unter 5:00 Stunden liegt.
Falls du neu hier bist: In meinen letzten beiden Blogartikeln zu Sierre-Zinal habe ich bereits 1.) den Mythos und die Herausforderungen der Strecke beleuchtet sowie 2.) die optimale Wettkampfverpflegung vor und während des Rennens beschrieben.
Analyse der Top 10 Zeiten (Männer & Frauen)
Die 52. Austragung von Sierre-Zinal steht bevor – ein Klassiker, der seit Jahrzehnten die besten Berglauf- und Trailrunning-Athlet:innen der Welt ins Wallis lockt. Jahr für Jahr erleben wir hochkarätige Duelle auf dem fordernden Kurs. Unvergessen bleibt das spektakuläre Finale 2024, als Kilian Jornet auf den letzten Metern von Philemon Kiriago eingeholt wurde und sich beide ein packendes Finish bis zur Ziellinie lieferten. Bei diesem denkwürdigen Rennen stellte Jornet gleichzeitig einen neuen Streckenrekord auf.
Der Damen-Streckenrekord stammt aus dem Jahr 2019 und wurde von Maude Mathys in überragender Manier aufgestellt.
Für diese Analyse wurden die Finisherzeiten sämtlicher Austragungen sowie – insbesondere für die letzten zehn Jahre – viele Zwischenzeiten ausgewertet. Wo offizielle Splits fehlten, konnten ergänzend Strava-Daten herangezogen werden. So ergibt sich ein differenziertes Bild der Pacing-Strategien, Stärken und Schwächen der schnellsten Athlet:innen. Die Pandemiejahre 2020 und 2021 wurden aufgrund der verkürzten Alternativstrecke nicht in die Analyse einbezogen.
Damen
Die nachfolgende Grafik zeigt die zehn schnellsten Läuferinnen aller Zeiten im direkten Vergleich. Besonders auffällig: Maude Mathys lieferte 2019 eine nahezu perfekte Leistung – vom steilen Auftakt bis zum technischen Downhill nach Zinal. Im virtuellen Vergleich distanzierte sie die neun anderen Top-Zeiten um mindestens vier Minuten. Die übrigen Athletinnen lagen innerhalb von vier Minuten beieinander.
Ein spannendes Beispiel für individuelles Pacing ist Judith Wyder: Zur Zwischenzeit beim Hotel Weisshorn lag sie im Vergleich zu den aktuellen Top 10 noch zurück, konnte jedoch im abschliessenden Downhill – ihrer Paradedisziplin – die beste Abschnittszeit von Weisshorn nach Zinal laufen und sich so bei ihrem Debut den zweiten Platz sichern.
Die Kontinuität dieser Top-Leistungen zeigt sich auch in der Regelmässigkeit der Kurvenverläufe. Wer nur bis Chandolin vorne liegt, aber zu viel riskiert, fällt am Ende oft weit zurück. Eine erweiterte Analyse würde viele solcher Beispiele aufzeigen.
Steigungsgeschwindigkeit Ponchette (erste 1’300 HM, 7.1km):
- Maude Mathys (2019): ca. 4:24 min/100 HM
- Silvia Rampazzo (2019): ca. 4:42 min/100 HM
Die älteste Zeit in der Top 10 stammt übrigens von Angela Mudge, der britischen Berglauf-Weltmeisterin, die bereits im Jahr 2001 in Zinal triumphierte, also vor 24 Jahren.


Herren
Die Entwicklung bei den Männern ist ebenso faszinierend. Jonathan Wyatt, mehrfacher Berglauf-Weltmeister aus Neuseeland, lief 2003 einen legendären Rekord. Seine beeindruckende Leistung im Uphill und auf den flachen Passagen ist im Vergleich nach wie vor beeindruckend – auch wenn er auf dem Schlussabschnitt von Weisshorn nach Zinal gegenüber dem aktuell schnellsten Downhill-Läufer Philemon Kiriago beinahe sechs Minuten einbüsste. Dennoch rangiert Wyatt bis heute auf Platz 5 der ewigen Bestenliste.
Die Pacing-Kurven von Andreu Blanes (Sieger 2022) und Philemon Kiriago (Zweiter 2024) zeigen eindrucksvoll, dass ein zurückhaltenderer Start kein Nachteil sein muss. So passierte Blanes 2022 den Kontrollpunkt Ponchette lediglich auf Rang 22. Auch Kiriago lag 2024 mit über drei Minuten Rückstand auf Jornet zurück – kämpfte sich jedoch in einem der dramatischsten Zieleinläufe der Trailrunning-Geschichte beinahe noch zum Sieg.
Steigungsgeschwindigkeit Ponchette (1’300 HM):
- Kilian Jornet (2024): 3:40 min/100 HM
- Andreu Blanes (2022): 4:05 min/100 HM
Diese Zahlen zeigen eindrücklich, wie unterschiedlich Athleten mit ihren individuellen Stärken taktieren – sei es im Uphill, im flachen Mittelteil oder im Downhill.


Kilian Jornet
Es gibt keinen anderen Läufer, der Sierre-Zinal so geprägt hat wie Kilian Jornet. Seit 2009, bei seiner ersten Teilnahme, hat Kilian das Rennen 13-mal bestritten und dabei 10 Siege verbuchen können. Die 11 Rennen auf der Originalstrecke sind in der Grafik abgebildet. Die beiden Siege 2020 und 2021 während den Covideditions sind nicht berücksichtigt.

Bei seinen beiden jüngsten Rekordläufen 2019 und 2024 ist klar erkennbar, dass Kilian die Differenz zu den vergangenen Austragungen in der ersten grossen Steigung gemacht hat. Für diese beiden Austragungen hat er sich ganz spezifisch vorbereitet, das Zepter früh in die Hand genommen und aufs Tempo gedrückt. Während 2019 niemand folgen konnte, war er 2024 mit anderen Läufern unterwegs. Doch alle mussten ihren Anfangseffort teuer bezahlen und fielen teilweise stark zurück.

Unterschiede Damen und Herren
Wir haben alle Daten des letztjährigen Wettkampfs (2024) analysiert – dabei sind uns markante Unterschiede im Pacing-Verhalten von Frauen und Männern aufgefallen. Dieses Muster ist nicht neu: Ein ähnliches Phänomen lässt sich auch bei grossen Strassenmarathons beobachten. Frauen starten im Durchschnitt vorsichtiger, pacen konservativer – und sind im letzten Drittel des Rennens häufig ähnlich schnell oder sogar schneller als die Männer.
Vergleich Durchschnittszeiten Herren (orange) vs. Damen (blau)

Ein besonders spannender Befund zeigt sich in der Alterskategorie Veteranen 1 (40–49 Jahre): Hier schneiden die Frauen im Durchschnitt besser ab als ihre männlichen Alterskollegen – was sich vor allem durch das gleichmässigere Pacing erklären lässt.
Vergleich Durchschnittszeiten Herren (Vet 1) (orange) vs. Damen (Vet 1) (blau)

Pacing-Empfehlungen nach Zielzeit
Um herauszufinden, wie die Läuferinnen und Läufer beim Sierre-Zinal 2024 ihr Rennen gestaltet haben, haben wir die Abschnittszeiten nach Zielzeitgruppen analysiert. Dazu wurden die Teilnehmenden in 10-Minuten-Zielzeitintervalle gruppiert (z. B. 3:30h ± 5 Minuten) – und für jede Gruppe die durchschnittlichen Durchgangszeiten an den wichtigsten Kontrollpunkten berechnet.
So lässt sich erkennen, wie unterschiedlich je nach Leistungsniveau gepacet wird – und wo die entscheidenden Zeitverluste oder -gewinne auf der Strecke stattfinden.
Die berechneten Durchschnittszeiten für die jeweiligen Abschnitte sehen wie folgt aus:

Auf Basis eigener Berechnungen und der Analyse von gut gepacten Wettkämpfen haben wir für jede Zielzeit – in 10-Minuten-Schritten – eine Tabelle mit durchschnittlichen Durchgangszeiten erstellt. Gerade bei einem so schwer zu pacenden Rennen wie Sierre-Zinal kann das eine wertvolle Orientierung sein, um sich eine realistische und sinnvolle Rennstrategie zurechtzulegen.
Optimales Pacing

Ein paar wichtige Hinweise zur Interpretation:
- Jede Läuferin und jeder Läufer bringt unterschiedliche Stärken mit. Deshalb ist die Tabelle keine starre Vorgabe, sondern ein Richtwert.
- Vorsichtig starten lohnt sich fast immer – vor allem bei Zielzeiten über 4 Stunden sollte sich das Anfangstempo eher wie ein lockerer Dauerlauf anfühlen.
- Schnellere Athlet:innen sind kürzer unterwegs, aber ihr wahrgenommener Effort ist höher. Das Rennen fühlt sich insgesamt intensiver an.
- Für Läufer:innen mit Marathon-Erfahrung, aber wenig Trail- oder Berglaufpraxis: Der gefühlte Aufwand sollte zu Beginn etwas unter dem eines Marathons liegen.
Fazit
Welche Pacingstrategie für die beste Endzeit sorgt, ist letztlich sehr individuell. In der Regel jedoch – besonders für Amateur:innen – ist ein zurückhaltender Start der Schlüssel zum Erfolg.
Verpflegung während des Rennens
Basierend auf den geplanten Zwischenzeiten lässt sich – wie bereits im letzten Blogbeitrag zur optimalen Ernährung – auch die Wettkampfverpflegung gezielt planen. Wer weiss, wann er wo vorbeikommt, kann besser steuern, wann Energie und Flüssigkeit zugeführt werden müssen, um Leistungseinbrüche zu vermeiden.
Data Analysis by Siarhei Thor

Autor: Gabriel Lombriser
running.COACH Product Manager. Nationaltrainer Berglauf/Trailrunning in der Schweiz. Liebt es, seine Leidenschaft und sein Knowhow im Laufsport, speziell Trailrunning, zu vermitteln. Organisiert auch Trailrunning Camps: indurance.ch