Matthias Kyburz steht am Sonntag, 16. August, zum sechsten Mal in seiner noch jungen Marathon-Karriere an der Startlinie. Diesmal geht es jedoch nicht um eine persönliche Bestzeit. An der Leichtathletik-EM in Birmingham kämpft er um eine Platzierung im europäischen Spitzenfeld, auf einer nicht ganz marathontypischen Strecke.
Wann, wo, wie
Der Männer-Marathon startet um 8.10 Uhr Ortszeit am Victoria Square im Zentrum von Birmingham. Statt einer klassischen Punkt-zu-Punkt-Strecke absolviert das Feld 8 Runden à 5 km durch die Innenstadt, mit Start und Ziel jeweils am Victoria Square. Insgesamt kommen dabei rund 700 Höhenmeter zusammen, deutlich mehr als bei den meisten Stadtmarathons. Der Rundkurs gilt als eckig und technisch, mit häufigen Richtungswechseln.
Mehr Steigung, mehr Kraft
Im Vergleich zu früheren Marathonvorbereitungen hat Kyburz in der Trainingsphase auf Birmingham vor allem eines verändert. Er hat mehr Steigung ins Training eingebaut. Das Ziel war es, wöchentlich jeweils auf rund 2000 Höhenmeter zu kommen, verteilt auf ein Laufpensum von 150 bis 200 km.

Die Woche mit dem höchsten Pensum lag vier Wochen vor dem Rennen bei 200 km. Weil die zusätzlichen Höhenmeter mehr Zeit kosten, fiel seine wöchentliche Laufzeit eher etwas höher aus als in früheren Vorbereitungen. Auch im Kraftraum hat sich etwas geändert. «Das Krafttraining habe ich wieder etwas angepasst, unter anderem wegen der Steigung. Wir sind zurück zu zwei Krafttrainings die Woche und haben dieses wirklich bis zum Schluss durchgezogen», sagt Kyburz. Dazu kommen angepasste Zyklen für Maximal- und Schnellkraft.

Ein weiterer Faktor in der Vorbereitung war die Hitze. Der Sommer 2026 war und ist bekanntlich ungewohnt heiss. Kyburz legte seine intensiven Einheiten deshalb konsequent auf den Morgen und absolvierte die zweite Trainingseinheit des Tages im Schatten entlang der Aare. «Das macht schon einen riesen Unterschied», sagt er dazu.
Das Ziel: Rang statt Zeit
Anders als bei einem Stadtmarathon mit flacher, schneller Strecke steht in Birmingham nicht die persönliche Bestzeit im Vordergrund. Kyburz rechnet mit einer Zeit um 2:15 Stunden, plus minus zwei bis drei Minuten. Zum Vergleich: In New York lief er im Vorjahr rund 2:10, allerdings auf einer deutlich flacheren Strecke.
Formmässig fühlt sich Kyburz besser als im Frühling, wobei er das nur bedingt vergleichen kann: «Ich war in der aktuellen Vorbereitung in der Höhe, habe viel mit Steigung trainiert und zudem war es nun ziemlich heiss. Ich kann daher nicht direkt vergleichen und eine klare Aussage machen.» Grössere Probleme mit Müdigkeit oder muskulären Schwierigkeiten blieben in dieser Vorbereitung aus, unmittelbare Testwettkämpfe fehlen ihm aber als Referenzpunkt. «Es ist etwas eine Blackbox», sagt er dazu. «Aber ich müsste sehr auf Understatement machen, wenn ich sagen wollte, dass es nur eine durchschnittliche Vorbereitung gewesen sei.»

Sein Ziel ist eine Platzierung unter den besten zehn. Doch fix unterschreiben würde er dafür nicht: «Wenn du mich jetzt fragen würdest, ob ich für die Top 10 unterschreiben würde, dann würde ich das Angebot wohl ablehnen.» Sein Argument stützt sich auf die Erfahrung aus New York, wo die Ausgangslage laut Ranking ganz ähnlich aussah wie jetzt und am Ende doch mehr möglich war. Nach den Bestzeiten aus der Qualifikationsperiode liegt Kyburz auf Position 12, angeführt vom deutschen Amanal Petros mit 2:04:03. Dieses Ranking sagt laut Kyburz selbst aber wenig über den tatsächlichen Rennausgang aus. Je nachdem, wie das Rennen läuft, sei nach vorne noch einiges drin.
Dazu kommt ein Aspekt, der ihm eigentlich entgegenkommt. Auf dem technischen, kurvenreichen Rundkurs sieht Kyburz einen Vorteil aus seiner früheren Karriere als Orientierungsläufer: «Auf einer solchen Runde mit so viel Steigung und so vielen Ecken hat keiner viel Erfahrung. Und das Instinktlaufen habe ich vom OL her wohl noch gut geschult», sagt er. Anders als auf einer flachen, geraden Strecke zählt hier also nicht nur die reine Renngeschwindigkeit, sondern auch die Fähigkeit, im Moment richtig zu reagieren.
Die Renntaktik
Kyburz macht seine Taktik vom Zeitpunkt einer möglichen Attacke abhängig. Zwischen Kilometer 5 und 25 sieht er den grössten taktischen Spielraum: «Dort kommt es mehr darauf an, wer die Attacke macht, wie scharf ist sie, wer geht mit und wer nicht.» Kommt die entscheidende Attacke dagegen erst nach Kilometer 25, sieht es aber anders aus: «Für mich ist klar, ab so 25 bis 30 km werde ich einfach versuchen mitzugehen. Ab dort gibt es keinen grossen taktischen Spielraum mehr. Wir sind an einer EM, da versuche ich mitzugehen», sagt Kyburz.
Zum sechsten Mal gesund an der Startlinie
Ein Umstand, der im Rennverlauf selbst kaum sichtbar wird, ist Kyburz aber wichtig zu erwähnen. Birmingham ist bereits sein sechster Marathon in Folge, bei dem er gesund und wie geplant an der Startlinie steht. Was auf den ersten Blick unspektakulär klingt, ist im Marathonsport keine Selbstverständlichkeit. Verletzungen und Rückschläge in der Vorbereitung gehören für viele Athletinnen und Athleten zum Alltag. Kyburz führt seine Konstanz auf eine durchdachte Trainingssteuerung zurück. «Das zeigt, dass die von running.COACH erstellte Grundstruktur sehr gut funktioniert», sagt er dazu.
Eine Antwort auf „Kyburz vor EM: „Für die Top 10 würde ich nicht unterschreiben“
Klingt nach einer richtig starken Vorbereitung! 💪 Jetzt mutig laufen, auf die eigenen Stärken vertrauen und schauen, was nach vorne möglich ist. Viel Erfolg, Matthias! 🇨🇭🍀