Du planst deine Zielzeit, schaust aufs Streckenprofil und fragst dich: Wie viel langsamer wird das eigentlich mit diesen Anstiegen? Egal ob 10-km-Lauf, Halbmarathon oder Marathon: Höhenmeter kosten mehr Zeit, als das Auge auf der Karte vermuten lässt. Wir erklären, warum das so ist, und wie du grob abschätzen kannst, was dich ein Anstieg tatsächlich kostet.
Warum kostet Bergauflaufen so viel mehr Energie?
Auf ebener Strecke brauchst du für jeden Meter, den du zurücklegst, eine relativ konstante Menge Energie, unabhängig vom Tempo. Sobald die Strecke ansteigt, ändert sich das grundlegend: Ein grosser Teil deiner Energie fliesst nun nicht mehr in die Vorwärtsbewegung, sondern in die Hubarbeit, du musst dein Körpergewicht gegen die Schwerkraft anheben. Laborstudien zeigen, dass der Energieverbrauch beim Laufen auf ebener Strecke bei rund 3,4 Joule pro Kilogramm und Meter liegt und bei einer Steigung von 45 Prozent auf fast 19 Joule pro Kilogramm und Meter ansteigt, mehr als das Fünffache. Die meisten Wettkampfstrecken bewegen sich zum Glück in deutlich moderateren Bereichen von ein bis sechs Prozent, aber der Grundmechanismus bleibt bei jeder Distanz derselbe: Jeder Höhenmeter kostet spürbar mehr als ein Meter in der Ebene.
Gleicht ein Gefälle den Mehraufwand wieder aus?
Die intuitive Hoffnung vieler Läuferinnen und Läufer: Was bergauf verloren geht, holt man bergab wieder rein. Leider stimmt das nur teilweise. Die Muskeleffizienz ist bergauf und bergab unterschiedlich: Oberhalb einer Steigung von etwa 15 Prozent nähert sich die Effizienz jener einer konzentrischen Muskelkontraktion an, unterhalb eines Gefälles von etwa 15 Prozent jener einer exzentrischen Kontraktion, die deutlich ineffizienter arbeitet. Praktisch heisst das: Der Energiegewinn durch ein Gefälle ist strukturell kleiner als der Energieverlust durch die gleich starke Steigung. Deshalb kostet selbst eine Strecke mit einer Netto-Höhendifferenz von null, etwa ein Hin- und Rückweg über denselben Hügel, insgesamt mehr Energie als dieselbe Distanz in der Ebene.
Auf moderaten Gefällen (bis rund 10 Prozent) bekommst du pro 100 Höhenmeter Verlust ungefähr 30 Sekunden zurück, also etwa die Hälfte dessen, was dich der gleiche Anstieg gekostet hat. Wird das Gefälle steiler als etwa 15 Prozent, kehrt sich der Effekt sogar um: Der Bremsaufwand, den deine Beinmuskulatur leisten muss, um dich nicht unkontrolliert bergab zu tragen, kostet dann mehr Energie, als die Schwerkraft dir schenkt. Das erklärt auch, weshalb steile, lange Abwärtstrecken die Beinmuskulatur besonders stark schädigen, gerade bei langen Distanzen macht sich das erst mit Dauer der Belastung bemerkbar.
Wie viel Zeit kosten 100 Höhenmeter konkret?
Als Faustregel für gleichbleibenden Aufwand (nicht gleichbleibendes Tempo) gilt: 100 Höhenmeter zusätzlicher Anstieg kosten rund eine Minute Zeit, hochgerechnet auf die jeweilige Wettkampfdistanz. Bei einem 10-km-Lauf macht sich das anteilig stärker bemerkbar als bei einem Marathon, weil dieselbe Zeitdifferenz auf eine kürzere Gesamtzeit verteilt wird. Zur Einordnung: Untersuchungen zu Höhenprofil und Höhenlage bei Elite-Marathonläuferinnen und -läufern zeigen, dass hügelige Strecken die Leistung im Bereich von ein bis fünf Prozent gegenüber einer vergleichbaren flachen Strecke verlangsamen. Auf einen vierstündigen Marathon umgerechnet, entspricht das ungefähr 2,5 bis 12 Minuten, abhängig davon, wie steil und wie verteilt die Anstiege sind.
Wichtig: Diese Zahlen gelten für gleichbleibenden physiologischen Aufwand. Wer stur das geplante Kilometertempo halten will, verbrennt an den Anstiegen deutlich mehr Kraft, als die reine Zeitdifferenz vermuten lässt, und bezahlt das oft erst gegen Ende des Laufs.
Praxisbeispiel: Der EM-Marathon 2026 in Birmingham
Wie sich das in der Realität niederschlägt, zeigte der Marathon an der Leichtathletik-EM 2026 in Birmingham. Die Strecke bot acht Runden à 5 Kilometer durch die Innenstadt, mit rund 700 Höhenmetern und zahlreichen technischen 90-Grad-Ecken. Ein Rundkurs mit Start und Ziel am selben Ort bedeutet: Netto ist die Strecke höhenneutral, es geht ungefähr gleich viel hoch wie runter.
Sieger Amanal Petros, mit einer persönlichen Bestzeit von 2:04:03 (Valencia 2025), gewann in 2:09:11, gut fünf Minuten langsamer als seine Bestmarke. Matthias Kyburz, dessen persönliche Bestzeit bei 2:06:48 (Sevilla 2025) liegt, wurde 17. in 2:11:42, knapp fünf Minuten über seiner PB.
Deckt sich das mit unserer Faustregel? Bei 700 Höhenmetern Anstieg und einem ungefähr gleich grossen Gefälle ergibt die Rechnung aus Steigungs- und Gefällekosten (rund 60 Sekunden Verlust pro 100 Höhenmeter bergauf, rund 30 Sekunden Gewinn pro 100 Höhenmeter bergab) einen rein höhenbedingten Mehraufwand von grob dreieinhalb Minuten. Die tatsächliche Differenz zur PB fiel bei beiden Athleten etwas grösser aus, was plausibel ist: Die vielen technischen Kurven kosten zusätzlich Tempo und ein Meisterschaftsrennen wird taktisch und nicht im Tempo-Modus einer PB-Jagd gelaufen. Das Höhenprofil allein erklärt also einen grossen Teil der Differenz, aber eben nicht alles.
Warum Weltrekorde nur auf (fast) flachen Strecken zählen
Dass Höhenmeter, und vor allem Netto-Gefälle, die Zeit massiv beeinflussen, weiss auch der Weltverband World Athletics. Für die Anerkennung von Weltrekorden im Strassenlauf darf der Höhenunterschied zwischen Start und Ziel ein Verhältnis von 1:1000, also einen Meter pro Kilometer, nicht überschreiten, und zwar unabhängig von der Distanz. Das ist der Grund, weshalb selbst prestigeträchtige Rennen wie der Boston Marathon aufgrund seines Streckenverlaufs von A nach B und des zu grossen Netto-Gefälles nicht als Weltrekordstrecke anerkannt ist, obwohl dort regelmässig herausragende Zeiten gelaufen werden.
Was heisst das für deine Renntaktik?
- Nach Aufwand pacen, nicht nach Uhr: Verlangsame dein Tempo bewusst an Anstiegen und lass es bergab wieder etwas schneller laufen, statt krampfhaft eine konstante Pace zu halten.
- Höhenmeter im Vorfeld einplanen: Wirf vor dem Wettkampf einen Blick auf das Streckenprofil und überlege dir grob, an welchen Kilometern du Zeit «verlierst» und wo du sie wieder gutmachen kannst. Als Hilfe dient dir unser Laufzeitenrechner
- Steile Abwärtspartien nicht unterschätzen: Lange, steile Gefälle schonen die Beine nicht, sie ermüden die Muskulatur zusätzlich, auch auf kürzeren Distanzen.
- Realistische Zielzeit setzen: Auf einer hügeligen Strecke ist deine Bestzeit von einer flachen Strecke kein realistisches Ziel, auch wenn deine Form gleich gut ist.
Fazit
Höhenmeter sind kein Nebendetail: Sie beeinflussen deine Zielzeit spürbar, egal ob 10 km, Halbmarathon oder Marathon, und lassen sich mit rund einer Minute pro 100 Höhenmeter grob abschätzen. Ein Gefälle gleicht diesen Mehraufwand nur teilweise aus, weshalb selbst höhenneutrale Strecken anspruchsvoller sind als reine Flachstrecken. Wer das beim Pacing berücksichtigt, kommt am Ende entspannter und schneller ins Ziel.
Übrigens: Unser Laufrechner bezieht das Streckenprofil deines Wettkampfs automatisch in die Zielzeitprognose mit ein, du musst also nicht selbst rechnen, wie viele Sekunden dich der nächste Anstieg kostet.

3 Antworten auf „So stark beeinflussen Höhenmeter deine Laufzeit“
Supere Infos über Höhenmeter und Muskelanstregunh abwärts! Vielen Dank für grosszügige Infos! Gute Zeit
Ein super interessanter Artikel. Spannend wäre, die Aspekte des Trailrunnings in schwierigem Gelände auch etwas mehr zu beleuchten.
Hier ist die Anwendung Running.Coach meiner Meinung nach zwar in der letzten Zeit besser geworden, hat aber noch sehr viel Luft nach oben.
So hätte ich mit der Zeit gemäss Prognose meinen letzten Wettkampf mit zwei Minuten Abstand gewonnen, effektiv war ich aber über eine Stunde langsamer als der Sieger.
Die App hat mich nachher dann getröstet und gesagt, ich hätte ja mein Bestes gegeben. Dafür wurde dann mein Trainingstempo im Plan reduziert, weil meine Leistung ja so schlecht war…
Die Prognose ist meines Erachtens bei Trailrennen auf „richtigen“ Wanderwegen mit starken Anstiegen und technischem Gelände nicht einmal annährend brauchbar.
Hallo Marco. Vielen Dank fürs Feedback. Wir arbeiten aktuell daran, Trailrunning in Zukunft noch besser integrieren zu können. Stay tuned!