Michael Romberg – running.COACH Teammitglied

Der Ortler – oder der Weg ist das Ziel. Letzte Woche stand mein zweites Highlight der Sportsaison 2014 an. Die Besteigung des Ortlers mit 3905 m Höhe über den Normalweg in Südtirol. Der Ortler ist kein einfacher Berg. Neben der Höhe von fast 4000m ist vor dem Gletscher ein Felsenband im 2. Schwierigkeitsgrad überwiegend ohne Sicherung zu durchklettern. Gut, mit etwas Bergerfahrung und der entsprechenden Gletscherausrüstung ist das schon zu meistern. Am Fuße der mächtigen Nordwand liegt ein Fels mit Marterln von mindestens 10 am Berg Verstorbenen.

Michael berichtet über sein zweites Saisonziel

Michael berichtet über sein zweites Saisonziel

Jedenfalls habe ich mich mit zwei bergaffinen Arbeitskollegen zur Besteigung verabredet. Angepeilt war die Woche um den 25. Juli. Dieses Jahr ist das Bergwetter anders als in den Jahren zuvor. Regelmäßig kommen große Mengen an Regen mit Gewittern über die Berge. Lange Schönwetterperioden im Juli gibt es nicht. Jedenfalls nutzen wir die Gunst der Stunde und fahren bei der kurz angesagten Trockenperiode los. Bei unserer Ankunft in Sulden schüttet es aus Kübeln. Allerdings war gegen Abend und für den nächsten Tag besseres Wetter angesagt. So brechen wir im Regen zu zweit auf die etwa 1100 m höher liegende Julius-Payerhütte auf.

Werner bleibt im Tal und will dort übernachten, da er sehr schlecht in den Lagern auf Berghütten schlafen kann. Dieser Kompromiss stellt sich am nächsten Tag als Fehler heraus. Jedenfalls kommen wir zu zweit nach einem 3-stündigen Marsch durch den Regen auf der Payerhütte noch rechtzeitig zum Abendessen an. Auf der Hütte sind bereits rund 30 Bergsteiger mit ihren Führern. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Bereits um 20 Uhr gehen jedoch die meisten in ihr Lager schlafen. Wir haben verabredet, dass Werner bereits um 3 Uhr vom Tal aufsteigt und wir dann um 5:30 losmarschieren. Werner ist konditionsstark und solche Touren sind für ihn machbar.

Am nächsten Tag stehen wir um 4:30 Uhr auf und bestaunen nach dem Frühstück den Sonnenaufgang auf der Payerhütte. Solche Momente bei sternenklarem Himmel muss man einfach genießen.

Die Zeit vergeht und Werner kommt nicht. Kein Handyempfang – keine Kommunikation. Die anderen Gruppen sind schon längst weg, als wir gegen 7 Uhr beschließen ebenfalls aufzubrechen. Geblieben ist die Unsicherheit, ob er noch nachkommt, oder ob was passiert ist.

Der Weg auf den Ortler hat es in sich

Der Normalweg auf den Ortler ist bewusst nicht gesichert und markiert, um den Massentourismus einzuschränken, wie uns die Wirtin sagte. So klar steht es nirgendwo in Beschreibungen. Leider verlieren wir nun durch die Wegsucherei einiges an Zeit, müssen teilweise zurückklettern, sind uns nicht immer sicher, ob der Weg eine Sackgasse ist oder ins Nirgendwo führt. Erkennen kann man den Weg nur an den abgegriffenen Griffen im Fels. Diese Sucherei würde entfallen, wenn wir uns an eine Gruppe mit Führer angehängt hätten.

Wir kommen erst 2 Stunden später am Gletscher an und haben bereits mindestens eine weitere halbe Stunde verloren. Die ersten Bergsteiger sind schon längst am Gipfel.

Die Passagen durch den Gletscher sind heute einfach zu gehen aber sehr steil. Vom Beginn des Gletschers führt ein Trampelpfad im Schnee in 2 Stunden auf den Gipfel. Der Schnee wird bereits weich. Immer wieder sinken wir bis zu die Knie ein. Das Gehen in der Seilschaft mit Steigeisen und die Höhe von 3500m kostet zusätzlich Kraft. Das Sprichwort „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ kommt mir in den Sinn.

Das Lombardi-Biwak ist bereits unter uns. Der Gipfel ist sichtbar. Wolfgang bekommt in der Höhe konditionelle Probleme. Das Alter von 61 Jahren und die nicht so konsequente Vorbereitung machen sich bemerkbar. Die ersten Gruppen kommen bereits strahlend von oben zurück. Kurz vor dem Ortlerplateau machen wir noch eine Pause. Noch eine gute Stunde noch bis zum Gipfel.

Michael ist vernünftig und kehrt kurz vor dem Gipfel um

Ich merke, dass Wolfgang nicht mehr kann. Jetzt Weitertreiben wäre schon ein Leichtsinn, zumal es auf demselben Weg durch die Felsen wieder zurückgeht. Und wenn da seine Kraft nicht mehr reicht, das will ich mir nicht vorstellen. Für den späten Nachmittag ist wieder eine Regenfront angesagt. Eine längere Pause zur Regeneration geht also auch nicht. Also treffen wir gemeinsam den Entschluss – den Gipfel in Sichtweite – umzudrehen. Ein bisschen ärgere ich mich schon, so kurz vor dem Ziel umzudrehen. Aber Sicherheit geht vor.

Auf dem Rückweg sammeln wir dann noch Werner ein, den sein Handy nicht rechtzeitig wecken wollte. Ja sowas passiert. Nach zwei Stunden Kletterei kommen wir zu dritt wohlbehalten wieder auf der Payerhütte an. Nach einem Mittagessen steigen wir langsam nach Sulden ab. Unten im Tal lassen wir den Tag Revue passieren. Im Grunde war es für uns zwei ein schöner Bergtag, allerdings ohne Gipfel. Wolfgang kennt jetzt seine Grenzen und Werner weiß nun, dass nur ein geladenes Handy als Wecker taugt.

Ich habe auch was dazu gelernt. Ein schlecht markierter Weg kostet viel Zeit und führt zu Unsicherheiten. Eine gemeinsame Vortour zur Überprüfung der Kondition ist jedenfalls zukünftig Pflicht.

Jedenfalls beschließe ich nächstes Jahr einen zweiten Versuch mit weniger Kompromissen zu machen.

Nach dem Abschlussbier können wir alle wieder lachen und fahren zurück ins Allgäu.

Viele Grüße Michael

 

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