Traum Olympia – Liegt die Zukunft des Laufsports in Indien?

Kannst du eine/n indischen Olympiamedaillengewinner/in im Mittel- oder Langdistanzlauf nennen? Nein? Tja, kein Wunder – es gibt keine/n. Lies hier, wie Karan Singh die mit seinem Projekt ändern will und indische Kinder zu zukünftigen Olympischen Champions machen will.

“Mein Name ist Karan Singh und ich bin der Cheftrainer der Indian Track Foundation in Ooty (Disktrikt Nilgiris, Indien). Meine Lebensmission ist es, Olympische Meister in der Leichtathletik für Indien hervorzubringen. Zusammen mit meiner Familie zog ich 2018 nach Ooty, um meinen Traum für Indien zu verwirklichen.”

So stellt sich der 33-Jährige selber vor. Was er hier nicht erwähnt, ist, dass er selber für professionelle Lauf-Teams wie Team Run Eugene oder Eugene Health and Performance in den USA gelaufen ist und dort während fünf Jahren trainiert und zahlreiche nationale Bahn- und Strassenrennen gewonnen hat. Neben seiner Karriere als Läufer schloss Karan ein postgraduales Studium an der Oxford Brookes University (Grossbritannien) ab, spielte Cricket auf hohem Niveau und arbeitete mit leitenden Sportorganisationen wie Nike und ESPN-Star Sports zusammen. Wir wollten mehr über Karan und sein Projekt erfahren…

Wie wurdest du zum Läufer in Indien, einem Land, das nicht wirklich als ein Land von Läufern bekannt ist?

Ich begann zu laufen, weil ich Talent hatte. Mein Ziel war es, Indian an den Olympischen Spielen 2012 in London zu repräsentieren. Meine Inspiration war Steve Prefontaine, der legendäre US-amerikanische Läufer. Als ich mit dem Laufen begann, wollte ich wie Steve sein und den Laufsport mitprägen, so wie er es tat. Ich liebe das Laufen, es ist meine Leidenschaft. Es ist so “echt”: du bekommst genau soviel zurück, wie du in es investierst. Ach, und du würdest staunen, wie populär der Laufsport hier geworden ist! Es überwältigt mich immer wieder…

Aber warum haben denn trotzdem immer noch keine indischen Läufer/innen eine Olympischen Medaille gewonnen?

Dafür gibt es so viele Gründe, dass ich ein Buch darüber schreiben könnte. Unser System schafft die nötigen Bedingungen nicht, um diese Medaillen zu produzieren. Wir haben das Talent und langsam beginnen wir auch gute Leistungen indischer Athleten auf globalem Niveau zu sehen. Aber uns fehlt noch die richtige Kultur für den Erfolg. Die Bedingungen in Bereichen wie Training, Coaching, Möglichkeiten und Wettkämpfen auf lokaler sowie nationaler Ebene erlauben es den Athleten nicht, ihren Sport auf Weltklasse-Niveau auszuüben. Als Athlet willst du Teil etwas Besonderes sein und du musst dich wertgeschätzt fühlen. Natürlich muss man Ziele haben und diszipliniert sein, aber man braucht vor allem ein positives und unterstützendes Umfeld, dass einen auf  seinem Weg begleitet. Diese Mentalität fehlt in Indien vielerorts.

Was war deine Motivation, um die Indian Track Foundation zu gründen und wie sieht sie aus?

Nach meiner Zeit in den USA zog ich zurück nach Indien mit der folgenden Mission im Kopf: junge Athlet/innen coachen und Indien auf die globale Leichtathletik-Karte setzen. So entstand die Indian Track Foundation. Die Idee ist es, Talente aus verschiedenen Stämmen und ruralen Gebieten Indiens zu scouten, zu beherbergen, auszubilden und im Namen der Olympischen Mission zu trainieren. Indien und Leichtathletik sind meine grossen Leidenschaften und ich habe mein ganzes Leben auf diese ausgerichtet. Mit grossen Missionen wie dieser kann man nicht scherzen. Sie müssen die grosse Treibkraft in deinem Leben sein und sogar noch vor der Familie kommen (meistens). Man muss bereit sein, Opfer zu bringen. Meine Frau ist extrem wichtig in diesem Projekt. Sie hat Verständnis für meine bedingungslose Hingabe zu dieser Mission. Ich, meine Frau und meine Tochter leben zusammen mit den 10 Kindern und Jugendlichen (10-15 Jahre) unserer Stiftung in einem grossen Zuhause, wie eine Familie. Unser Projekt begann 2017, als wir auf Talentsuche gingen. Richtig loslegen mit dem Projekt in Ooty konnten wir aber erst im August 2018.

Du sagst, deine Athlet/innen gehören verschiedenen Stämmen an. Welche Stämme sind gemeint und woher kommen diese?

Wir haben unsere Athlet/innen von den Stämmen Munda und Birhor im Disktrikt Jharkhand und Siddi im Disktrikt Gujarat rekrutiert. Diese Kinder sind natürliche Jäger und Nachfahren der Bantu und Stämmen aus der Sub-Sahara, welche von den Arabern und Briten von Afrika nach Indien gebracht wurden. Sie besitzen ein natürliches Talent fürs Laufen und damit die perfekten Voraussetzungen, um Olympische Meister zu werden.

Gibt es wissenschaftliche Beweise dafür, dass Mitglieder dieser Stämme ein besonderes Talent fürs Laufen haben?

Nein, da diese Stämme kaum aus ihren Dörfern herauskommen und sehr isoliert leben, sind sie auch noch kaum entdeckt und erforscht worden. Ich habe aber diese Kinder mit meinen eigenen Augen durch Dschungel und Dörfer rennen sehen. Ich stütze mich bei meiner Selektion auf meine Beobachtungen und auf mein Auge für Talent. Der Haupt-Scout unserer Stiftung spielt auch eine wichtige Rolle bei der Identifizierung und Rekrutierung der Talente. Er hat eine riesige Erfahrung.

Wie finanziert sich die Stiftung und wie sieht es mit der Ausbildung für die Kinder aus?

Die Indian Track Foundation hat einen Vorstand, welcher Spenden für unser Projekt sammelt. Ich investiere auch meine persönlichen Mittel in die Stiftung. Die Kinder werden zuhause unterrichtet, aber wir haben eine Zusammenarbeit mit einer Schule, wo die Kinder einmal pro Jahr ihre Examen ablegen können. Sie werden in Englisch, Hindi, Grammatik, Geschichte, Wissenschaft (Biologie, Chemie und Physik) und Mathematik unterrichtet. Als Lehrperson haben wir eine liebenswerte Dame gefunden, die unsere Ansprüche erfüllt und mit der wir super zusammenarbeiten können.

Ihr lebt nach dem Motto “Essen, beten, trainieren, schlafen, wiederholen”. Welcher Religion gehören du und die Kinder an und wie kombiniert ihr diese?

Ich, meine Frau und meine Tochter sind Hinduisten, während meine Athlet/innen allen möglichen Religionen angehören: vom Christentum über Hinduismus bis hin zu Sarnaismus. Wir beten zusammen ohne jegliche Trennung. Wir gehen gleich oft zur Kirche wie in den Tempel, immer alle zusammen. In unserem Zuhause haben wir einen Gebetsraum, wo Götter und Göttinnen der meisten Religionen der Welt vertreten sind. Das war die Idee meiner Frau. Wir lieben es, zusammen zu beten. Es bringt uns näher zusammen als eine Familie.

Gibt es die Indian Track Foundation nur in Ooty oder habt ihr noch andere Trainingszentren in anderen Teilen des Landes?

Das Zentrum liegt in Ooty (Tamil Nadu, Indien). Zusätzlich dazu haben wir momentan drei kleinere Abteilungen in Dörfern, von wo aus weitere Athlet/innen gescoutet werden. Ich leite ausserdem einen Bahn-Klub in Neu Delhi, den Indian Track Club. Dorthin reise ich alle 2-3 Wochen, um Zeit mit den Kindern dort zu verbringen.

Hast du Assistenten oder coachst du ganz alleine?

Ich coache alleine, bin aber daran, eine Assistenztrainerin auszubilden. Die 19-jährige ist auch Aufseherin der Gruppe. Auch sie ist von einem der Stämme. Sie hat mir bisher bei allen Grundkomponenten wie dem Putzen, dem Trainieren, dem Lernen und bei persönlichen Problemen und Anliegen der Kinder als rechte Hand gedient.

Wie sieht deine Trainings-Philosophie aus?

Meine Philosophie stützt sich auf das Verstehen des Individuums sowohl als Person als auch als Athlet/in. Das Training ist deshalb auf alle individuell zugeschnitten. Das habe ich in den USA gelernt: man kann nicht einfach einen Plan aufstellen und dann machen alle das Gleiche. Obwohl wir meist in Gruppen trainieren, haben alle innerhalb der Gruppe unterschiedliche Ziele mit dem Training und führen es so durch, wie es für sie am besten ist (siehe Video von gemeinsamem Training unten). Ich glaube an langsichtige Entwicklung und an Qualität. Jedes Training muss ein Ziel haben. Ein Training ohne Plan oder Vorfreude zu starten macht für mich einfach keinen Sinn. Das Training sollte ausserdem ein Mix sein, besonders für junge Athlet/innen, die sich noch entwickeln müssen. Ihr Körper muss sich genügend erholen können und geschont werden. So kann man Verletzungen und Überbelastungen verhindern. Das absolut wichtigste für mich ist jedoch, dass die Kinder den Spass ihres Lebens haben! Neben einer starken Arbeitsmoral ist Spass ein Schlüsselfaktor zum Erfolg. Die Kinder absolvieren 2 intensive Einheiten pro Woche. Kurze und lange Einheiten variieren je nach Programm und diese können entweder hart oder lang sein, je nach mentaler und physischer Stärke des Individuums. Generell sind die harten Trainings aber eher kurz, da die meisten Kinder noch nicht soweit sind, lange harte Trainings zu absolvieren. Wir trainieren in der Regel für 2 Stunden, zweimal am Tag. Ab 13 Jahren versuche ich die Athlet/innen spezifisch auf Distanzen zu trainieren, behalte aber immer im Kopf, dass sie zunächst einmal ein gutes Grundniveau aufbauen und deshalb verschiedene Distanzen laufen sollen. Alle meiner Athlet/innen werden sich auf Distanzen von 400m und länger konzentrieren.

 

Wird auch alternativ trainiert? Und was ist mit Krafttraining und Koordination?

Wir machen viel Verschiedenes. Alternativtraining (Radfahren) machen wir oft, wenn wir Verletzungen auskurieren müssen. Wir arbeiten auch an motorischen Fertigkeiten, Grundkraft, Beweglichkeit und Schnelligkeit. Koordinations- und Laufstil-Übungen machen wir viele (siehe Kinder in Action in den Videos unten). Die kenianischen und äthiopischen Übungen sind fantastisch für Läufer!. Weisst du, Laufen ist der purste Sport der Welt! Das Talent das wir in der Indian Track Foundation haben ist wie fürs Laufen gemacht. Aber man muss den Kindern die richtige Struktur geben, damit sich ihr Potenzial entfalten kann. Man sieht es bei so vielen Topathleten: wenn die Struktur einmal stark ist, dann sind sie wie Maschinen. Dies braucht aber eine Menge Geduld und Durchhaltevermögen.

 

Wie oft werden die Kinder medizinisch untersucht und von wem?

Alle werden untersucht bevor sie im Zentrum in Ooty ankommen. Sie werden auf jegliche Krankheiten und Infektionen untersucht (von HIV über Tuberkulose bis hin zu Malaria). Danach werden regelmässig komplette medizinische Untersuchungen durchgeführt. Wir haben Ärzte, die wir anrufen können und wir haben Kontakte zu den Spitälern hier in Ooty sowie mit einem Physiotherapeuten.

Wie sieht es aus mit Wettkämpfen für die Kinder?

Es gibt ein paar Wettkämpfe, jedoch nicht so viele wie wir gerne hätten. Meine Athlet/innen sind in den Vorbereitungen für ihre erste Wettkampfsaison. Es stehen drei Wettkämpfe auf regionaler und nationaler Ebene bevor und ein paar lokale Meetings, an denen wir im Sommer teilnehmen wollen. Unsere Strukturen und Möglichkeiten für Wettkämpfe sind nicht so gut wie in anderen Ländern. Aber wir kommen langsam näher.

Aus welchem Grund wurde Ooty als Ort für das Projekt ausgewählt?

Vor allem weil Ooty so schön ist. Ausserdem sind die Wetterbedingungen perfekt. Die Temperaturen liegen stets zwischen 18 und 25°C. Die Sonne scheint durch den Tag (nicht zu stark) und in der Nacht wird es etwas kühl, aber wir haben nie Schnee. Juni bis August ist Regenzeit, da trainieren wir manchmal auch drinnen. Alles in allem ist es der ideale Ort für ein Trainingszentrum. Die Höhe (2250-2300m über Meer) ist natürlich auch ein Faktor. Die Kinder müssen sich zuerst daran gewöhnen, da sie alle von Orten auf Meereshöhe kommen. Dies dauert ein paar Tage. Aber die Effekte der Höhe auf Training und Entwicklung sind so immens, dass ich sie kaum beschreiben kann. Die Kinder sind kürzlich ihren ersten lokalen Wettkampf gelaufen und sie waren sogar noch stärker, als ich gehofft hatte. Wenn man in so jungen Jahren in der Höhe trainiert, hat das enorme Auswirkungen. Es ist eigentlich ganz einfach: will man Olympiamedaillengewinner/in werden, muss man früh anfangen zu trainieren, ein simples aber glückliches Leben leben und in einem leistungsorientierten Umfeld hart arbeiten.

Hast du vom Norweger Gjert Ingebritsen und seinen schnellen drei Söhnen gehört? Sie fingen auch früh an zu trainieren…

Ja, natürlich habe ich von ihnen gehört. Sie sind brilliant in dem, was sie tun. Aber ich glaube, abgesehen vom frühen Start des spezifischen Trainings sind unsere Philosophien unterschiedlich. Coach Brother Colm hingegen, der irische Missionär, der in Kenya mehrere Weltklasse-Athlet/innen hervorgebracht hat, ist meine grosse Inspiration als Coach. Seine Kunst des Coachings, die Art, wie er die Talente und Bedürfnisse der Individuen bereits in jungen Jahren angeht – das alles beeinflusste mich massgeblich bei der Entscheidung, das Projekt zu starten.

Bist du zufrieden, wie dein Projekt nach einem Jahr aussieht? Wie viele deiner Athlet/innen werden wir an Olympischen Spielen zu sehen bekommen?

Ich hatte eine Vision. Aber die aktuelle Situation übertrifft meine kühnsten Träume. Ich bin stolz darauf, dass wir diese talentierten Kinder finden und für sie solch gute Strukturen und Bedingungen haben schaffen können. Ich glaube nicht, dass sowas oft gemacht wird! Unsere Ziele sind die Spiele 2028 und 2032. Ich kann es nicht in Zahlen sagen, aber ich glaube wir werden in den kommenden Jahren mehrere meiner Athlet/innen auf Olympischem Niveau sehen. 2024 ist wahrscheinlich zu früh. Aber man weiss nie, nichts ist unmöglich….

 

Verfasst von: Marion Aebi

Der Artikel ist auch in EN verfügbar.

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