Andreas Kempf: Ein spezieller Marathon

Kategorien

Einen Marathon zu laufen ist etwas spezielles. Und erst recht, wenn es die 42.195 Kilometer an den Europameisterschaften in Berlin sind. Andreas Kempf war als einer der Schweizer Athleten dabei und platzierte sich auf dem 42. Schlussrang mit einer Zeit von 2h21’35’’ bei seinem zweiten Marathon überhaupt. running.COACH hat mit Andreas Kempf, welchen wir schon seit längerer Zeit begleiten, über seine EM-Erfahrungen in Berlin sowie seine Zukunftspläne gesprochen. 

Schöne Laufrunden in der Schweiz: Teil eins

Kategorien

Laufen kann man überall. Manche mögen es steil, andere flach, manche Strassen, andere kleine Pfade. Wir haben fleissige Laufbegeisterte aus der ganzen Schweiz zu ihren Lieblings-Laufrunden befragt. In diesem Teil stellen dir Christin (Luzern), Michel (Basel), Anita (Uri) und Stefan (Winterthur) ihre liebsten Laufrouten vor. 
Alle hier vorgestellten Läuferinnen und Läufer sind aktive Instagram-Nutzer. Wir haben ihre Benutzernamen angegeben, für den Fall, dass du ihnen bei ihren Laufaktivitäten folgen möchtest.
LUZERN – Christin (@christinh89)
Diese Route ist für mich der perfekte Abschluss nach einem langen Arbeitstag oder ein super Start ins Wochenende, wenn ich nicht allzuviel Zeit für einen langen Lauf habe, aber auch nicht nur 5 km joggen möchte. Die Route startet in der Nähe vom Luzerner Stadion, führt Richtung Horw und anschliessend Richtung Kastanienbaum wieder zurück nach Luzern.


Während dem Lauf hat man super Ausssichten auf den Pilatus und die Rigi und kann während einer kurzen Pause das Panorama des Vierwaldstättersees auf sich wirken lassen. Wenn ich etwas länger laufen möchte, baue ich nach Belieben noch ein paar Runden auf der Laufbahn in der Siwsspor Arena ein. 🙂

 
BASEL – Michel (@kohmic79)
Meine Lieblingslaufrunde führt mich von der Bäumlihofstrasse durch das Hirzbrunnenquartier, direkt in die Langen Erlen – einem Erholungsgebiet mit Wald, Wiesen und Bächen. Von da aus geht es quer durch den Wald bis nach Riehen. Entlang der schönen „Wiese“ – einem Fluss durch die Langen Erlen – führt mich meine Route bis kurz über die Deutsche Grenze bei Lörrach. Beim Kreisel kurz nach der Grenze quere ich rüber über die Dammstrasse bis wieder auf die Schweizer Seite in den Lettackerweg. Der Weg führt mich weiter durch die Quartiere in Riehen zum Eisenbahnweg und schlussendlich zum Grenzacherweg, auf welchem ich dann bis zum Hörnli wieder nach Basel zurück jogge. Der letzte Teil führt hinab auf dem Kohlistieg hinunter zur Habermatten und wieder zurück auf die Bäumlihofstrasse, auf welcher ich dann wieder bis nach Hause jogge. Vielleicht mit einem letzten Sprint bis vor die Haustüre.

Ich mag diese Strecke aus verschiedensten Gründen. Einerseits kann ich direkt von zu Hause los joggen und bin nach nur wenigen Metern (ca. 900m) im Wald. Ich kann abschalten, die Natur geniessen, den Vögeln und dem Rauschen der Bäche zuhören und dabei einfach mal gedanklich die Seele baumeln lassen. Andererseits habe ich dann ab Riehen wieder was mehr „Action“ um mich rum. Nach dem Lauf durch den Wald und die Ruhe, geniesse ich es auch wieder dem Quartierleben zuzusehen, Einfamilienhäuschen beim Vorbeilaufen zu sehen, oder einfach auch dem Feierabendleben ein paar Blicke zu widmen. So habe ich auf der Strecke beides: Erholung und Natur, aber auch Quartierleben und ein wenig Action. Nicht zuletzt gefällt mir die Runde auch von der Distanz her. Ich bin Marathon-Läufer und zur Vorbereitung auf Halbmarathons oder Marathons ist diese Laufstrecke ein optimales Training. Ich kann die Strecke bis auf 20 Kilometer erweitern (indem ich nach der Grenze einfach weiter jogge) und dies alles von und bis zu Hause. Ich habe also keine langen Reisewege und kann nach einem regnerischen Lauf direkt unter die Dusche springen. Als ein weiterer wichtiger Effekt dient es mir sehr, dass ich fast überall auf meiner Strecke sehr schnellen Zugang zu den Öffentlichen Verkehrsmittel habe. So kann mir auch im Notfall nicht viel passieren und ich kann mit Tram oder Bus wieder bis fast vor die Haustüre fahren.

Aus all diesen Gründen liebe ich diese Runde. Und werde sie wahrscheinlich noch sehr viele Male geniessen. Ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter.
URI – Anita (@anita.uri)
Meine Lieblingslaufstrecke befindet sich in meinem Heimatkanton Uri. Wann immer ich zurück in meiner alten Heimat bin, dürfen Laufschuhe und -kleider im Gepäck nicht fehlen. Nicht selten geniesse ich dabei auf meiner Lieblingslaufstrecke die wunderschöne Natur entlang von See, Fluss und Wald. Die Strecke mit 10.8 km und 65 Höhenmetern eignet sich sowohl für einen Genusslauf wie auch für schnelle Einheiten. Coupierte, anspruchsvolle Elemente wechseln sich mit schnell belaufbaren Teilen ab. Egal welches Training gerade ansteht, die wunderschöne Aussicht auf den Vierwaldstättersee und die Urner Berge entschädigen für manche Strapaze

 

WINTERTHUR – Stefan (@renne_auf_und_ab)
Die Kyburg ist ein Schloss beim gleichnamigen Dorf (Kyburg ZH) in der Gemeinde Illnau-Effretikon in der Schweiz. Es liegt südlich von Winterthur hoch über der Töss und geht auf eine mittelalterliche Burg zurück. Die Kyburg ist als Kulturgut von nationaler Bedeutung eingestuft. Aber die ganze Kyburg-„Arena“ erstreckt sich von Kollbrunn über den Weiler Brünggen  bis weiter leicht ansteigend wo man AUF_ das Plateau der Kyburg gelangt (629 m ü. M.). Der Kyburglauf mit der Hauptdistannz 10km und der berüchtigten Kyburgtreppe von 159HM oder 450 Treppenstufen, startet hier jedes Jahr im November. Der Kyburglauf ist ein lokaler Laufanlass, der für alle Altersklassen und Läufer etwas bietet.
Das Spielparadies beginnt jetzt für mich. Jede Menge Trails die über diverse Bachtobel wieder AB_ zur Töss führen. Ob mit Bike oder rennend, jedes Teilstück hat seine eigenen kurzen knackigen Herausforderungen. Wieder an der Töss entlang besteht die Möglichkeit gleich wieder AUF_ zu steigen Richtung Eschenbergturm. Der aussichtsreiche Eschenberg mit seiner schönen Hofbeiz liegt am Wegrand. Etwas weiter erreicht man den 30 Meter hohen Eschenberger Aussichtsturm. Ab diesem Jahr mit neu errichteten gemütlichen Feuerstellen. Bei klarer Sicht reicht das Panorama vom Säntis über den Tödi bis weit in die Berner Alpen – oder halt eben über die ganze #kyburgtrainingsarena ☺. Weiter in den Wäldern Richtung Winterthur Töss / Breite besteht die Möglichkeit sich auf einem Viteparcour auszutoben und nach dem AB_ stieg beim Reitplatz einzukehren. Oder aber, man rennt entlang der Töss auf den schmalen wurzeligen Singletrails mit leichtem AUF_und_AB bis auch wieder der Reitplatz erreicht wird. Im Leisental, ist dann auch der Start vom 10km Lauf vom Winterthur Marathon. Ende Mai ist es wieder soweit – mein Homerun und Teilsaisonhöhepunkt. Gleich zwei attraktive Läufe in einer, auf kleinem Raum spektakuläre Landschaft. Kleine Bäche, hübsche Wassfällchen, auch steile Tobel, Treppen, weiche Waldwege, knackige kurze Singletrails, breite lange Wanderwege und zum Schluss: Kieswanderwege mit einer mässigen Ansteigung für Steigerungsläufe. (…)

Genau diese aufgezählte Vielfalt rund um die Kyburg macht die Szenerie so speziell. Und zum Schluss. Es liegt auf meinem Arbeitsweg. Wenn ich mit dem Auto zur Arbeit fahre kannst du an der Kyburgbrugg halten und nach dem Einlaufen mit Treppensprints beginnen. Oder mit dem Bike auf dem Heimweg von der Arbeit unterwegs einige Runden mitten durch fahren. Schon viele Kilometer habe ich da verbracht. Warum immer noch die Motivation? Es sind die kleinen Spielchen mit deiner Selbst. Wie viele Laufkilometer kommen zusammen bis ich 1000 HM auf und ab gerannt bin? Welche Wege und Tobel können verbunden werden dass nicht zweimal der gleiche Weg ab zu spulen ist? Wo ist das steilste Stuck? Wie lange ist die Umrundung der Kyburgtrainingsarena? – Und immer noch entdecke ich neue Wege. Ein Lieblingsfleck. Es ist die abwechslungsreiche Möglichkeit der Trainingsgestaltung die diese Region für mich so attraktiv macht.
 
Wir hoffen, dass dich die eine oder andere Runde angesprochen hat und du vielleicht auch bald eine davon ausprobierst. Falls in diesem Teil nichts aus deiner Region dabei war, hoffen wir, dass dies im zweiten Teil der Fall sein wird. Dort werden dir Monika aus Bern, Melina aus Graubünden, Patrick aus dem Wallis und Thomy aus Zürich ihre Lieblingsrouten vorstellen.
Keep on running!
 
Dieser Blogbeitrag wurde verfasst von: Marion Aebi
 
 

Andreas Kempf: Berlin, Berlin

Kategorien

39’101 Läufer aus 137 Nationen haben dieses Jahr den Berlin Marathon gefinisht – einer davon ist der Schweizer Andreas Kempf. Mit seiner Zeit von 2 Stunden 19 Minuten und 22 Sekunden lief er er ausserdem ganz knapp unter der geforderten EM-Limite. Herzliche Gratulation an Andreas zu seiner Leistung und hier ein paar Worte von ihm zu seinem Marathon-Debüt.
Berlin scheint für mich ein gutes Pflaster zu sein. Im Frühjahr 2016 konnte ich in der deutschen Hauptstadt die Limite für die Europameisterschaften sowie den Freiburger Rekord im Halbmarathon unterbieten. Nun gelang mir am vergangenen Sonntag an selber Stätte trotz teilweise windigen und regnerischen Verhältnissen das gleiche Kunststück äusserst knapp auch über die doppelte Distanz.

Marathon Ausrüstung

In 2 Stunden 19 Minuten und 22 Sekunden verbesserte ich bei meinem Marathon-Debüt den Kantonalrekord, welcher fast 25 Jahre lang von Jean-François Cuennet gehalten wurde, um 13 Sekunden. Zudem erfüllte ich somit auch den Richtwert von Swiss Athletics (2:19:30) für die Leichtathletik-Europameisterschaften im August 2018. Zusammen mit einer gewissen Portion Wettkampfglück spielten viele Faktoren eine wichtige Rolle, dass ich am entscheidenden Tag diese Leistung erbringen konnte.
Einerseits wählte ich bewusst den Berlin-Marathon aus, weil die Strecke überaus flach und schnell ist, eine einzigartige Stimmung am Strassenrand herrscht, das Teilnehmerfeld um meine gewünschte Zielzeit jeweils sehr dicht besetzt ist und normalerweise das Wetter gut mitspielt. Andererseits versuchte ich seit den Schweizermeisterschaften Ende Juli auf der Bahn alles dem Marathon unterzuordnen. Das heisst, ich stellte das Training um, verbrachte vier Wochen auf dem Berninapass auf 2300 Metern über Meer und testete die optimale Wettkampfverpflegung mehrmals aus. Dabei konnte ich auf die volle Unterstützung meines Umfelds und auf erstklassige Trainingspläne meines langjährigen Coaches Erwin Grossrieder zählen. Nach dieser (eigentlich zu) kurzen zweimonatigen Marathonvorbereitung reduzierte ich einige Tage das Training stark. Daneben ernährte ich mich ab 72 Stunden vor dem Start besonders kohlenhydratreich und ballaststoffarm, was vor hohen sportlichen Belastungen über 90 Minuten von Ernährungswissenschaftlern empfohlen wird. Nach dieser sogenannten Tapering- und Carboloadingphase steht man dann möglichst erholt und mit vollen Speichern an der Startlinie.
Mit Coach und Freundin

Bei mir reichten zum Glück die Energiereserven und die mentale Willenskraft, um den Freiburger Rekord sowie die EM-Limite in Extremnis zu knacken. Sofern ich bis zum Selektionsentscheid im Frühling weiterhin den schnellsten sechs Schweizern angehöre und gesund bleibe, steht einem weiteren Einsatz im Nationaldress also nichts im Weg. Und wo finden diese nächsten kontinentalen Titelkämpfe statt? Genau, in Berlin!
Mit Fabian Kuert (2:19:51) und Adrian Lehmann (2:15:12, bester Schweizer)

Andreas Kempf: Cross-Europameisterschaften

Kategorien

Letztes Wochenende hat der Schweizer Läufer Andreas Kempf an den Cross-Europameisterschaften teilgenommen und gibt uns hier einen Einblick. running.COACH gratuliert Andreas zu seiner Leistung. 
start
Nach den Europameisterschaften in Amsterdam war ich physisch und mental ziemlich erschöpft. Also gönnte ich mir bereits Mitte Juli eine zweiwöchige Trainingspause, um wieder erholt und voller Tatendrang ins Training einsteigen zu können. Doch dazu musste noch ein konkretes Ziel im Herbst/Winter her, denn die für mich im nächsten Jahr prioritären Bahnrennen beginnen erst im Mai. So beschloss ich zusammen mit meinem Trainer nebst dem traditionellen Murtenlauf, welcher für einen Freiburger Läufer zur Pflicht gehört, die Cross-EM-Qualifikation in Angriff zu nehmen.

Andreas Kempf: Team-Gold

Kategorien

Andreas Kempf ist am Halbmarathon in Amsterdam mit dem Schweizer Team Europameister geworden – herzliche Gratulation an ihn, das ganze Team und an den Europameister Tadesse Abraham. Andreas berichtet hier von seinem persönlichen EM-Erlebnis und was es mit der Team-Goldmedaille auf sich hat.

EM3
„Team – toll, ein anderer macht’s!“, meinte Christian Kreienbühl im Zielbereich scherzhaft zu Marcel Berni und mir. Wir hatten gerade an den Europameisterschaften in Amsterdam die Goldmedaille für die Schweiz in der Halbmarathon-Teamwertung gewonnen. Da bei diesem Klassement jedoch nur die Summe der Zeiten der drei besten Läufer pro Nation gewertet werden, kamen unsere drei Einzelzeiten gar nicht in die Wertung. Denn mit dem überragenden Sieger Tadesse Abraham, dem 15. platzierten Julien Lyon und Adrian Lehmann auf Rang 26 waren drei andere Schweizer noch schneller.

Somit wurden wir sozusagen als Trittbrettfahrer Europameister.

EM4

Wie soll man sich nun fühlen?

Und hatte ich, als einer der drei Überzähligen, diese Auszeichnung überhaupt verdient? Einerseits war ich sehr enttäuscht über meine eigene Leistung. Mit dem 80. Rang in einer Zeit von 71:10 Minuten blieb ich deutlich unter meinen Möglichkeiten. Andererseits freute ich mich wahnsinnig mit dem Team über den überraschenden und sehr knappen Sieg (zwei Sekunden vor Spanien bei einer summierten Laufzeit von über drei Stunden).

Selten passte der Ausdruck „gemischte Gefühle“ besser zu meiner Gemütslage.

EM1
Mit einigen Tagen Abstand und vielen Gesprächen mit Familie und Freunden bin ich der Meinung, dass Christian, Marcel und ich diese Medaille durchaus auch verdient haben. Obwohl wir am vergangenen Sonntag sportlich nicht zum Teamresultat beitrugen, mussten wir uns zuerst für diese Meisterschaft qualifizieren, und waren deshalb ein Teil des Schweizer Halbmarathonteams. Sei es beim gemeinsamen Trainingslager im Juni in St. Moritz oder bei der Wettkampfvorbereitung in Amsterdam; wir waren dabei und wichtig für eine funktionierende Gruppe. Jeder motivierte den anderen, jeder war um eine gute Stimmung besorgt und jeder kämpfte schlussendlich bis zur Ziellinie nicht nur für sich, sondern auch für die Schweiz und das Team. Und eigentlich bestand dieses Team nicht nur aus uns sechs Läufern, sondern zusätzlich aus Trainern, Betreuern, Physiotherapeuten, Fans usw. Aus diesem Grund steht in unserem Fall „Team“ eher für: Totaler Einsatz aller Mitwirkenden!
Quelle der Fotos: http://www.mitchellmedia.ch und http://www.athletix.ch

Gert Bodamer: ein Laufbericht über die 56km von Biel

Kategorien

Gert Bodamer hat sich mit dem Online Lauftrainer, Gold-Coach Ueli Bieler, erfolgreich auf den 56km Ultramarathon in Biel vorbereitet.  Sein Erfahrungsbericht zum Training und Lauf des Ultramarathons könnt ihr hier nachlesen. Running.COACH gratuliert Gert zu dieser tollen Leistung. 

Gert beim Start in Biel
Gert beim Start in der Abenddämmerung von Biel

 
Da stand ich also am 10. Juni in Biel; warm war es am Start. In der schon leichten Abenddämmerung zum neuen Ultramarathon über 56 km, dem kleinen Bruder des großen, legendären 100km Laufs. Aber für mich auch in der Halbdistanz ein großes Ding. Mein letzter Marathon war schon viele Jahre her und über die 42km hinaus bin ich noch nie gelaufen. „Irgendwann musst Du nach Biel!“ – welcher Läufer hat diesen Satz nicht schon mal gehört? Während mir das Adrenalin über die pushende Musik am Start ins Blut schoss, hörte ich innerlich immer wieder den Satz von meinem Gold Coach Ueli Bieler:

„Du bist gut vorbereitet, jetzt musst Du es nur noch umsetzen. Genießen und Durchhalten.“

Das war an dem Tag mein Mantra. Im Strom der sich in der Startnervosität überschlagenden Gedanken mein Fixstern. Wie kam es denn, dass diese Stimme in meinem Kopf sprechen konnte? Ich kannte den Ueli ja persönlich gar nicht. Wie geht das? Ueli war mein virtueller Lauf Coach. Und der Weg dahin entstand so: Ich hatte mir Ende Januar so langsam mal Gedanken über ein sportliches Laufziel im 2016 gemacht. Vielleicht wieder einen schönen Halbmarathon? Jetzt nur noch etwas finden…
Und wie es dann halt so kommt, verfing sich eine Runner’s World in meinen Händen und eine Story von einem Redakteur, der es in seiner Altersgruppe nochmal wissen wollte auf der Marathondistanz. Aha, der holte sich vom running.COACH, mit welchem ich ja auch schon über zwei Jahre trainiere, einen Gold-Abo Laufcoach online in die USA und stemmte damit tatsächlich sein Ziel, was für sein Alter ziemlich ambitioniert war. Dann war mir klar, was kommt, nämlich der andere Satz in meinem Kopf: „Wenn der das schafft, schaff ich das auch.“
Damit entrollte sich eine „Zufallskette“ und ich landete genauso zufällig auf der Website von Biel 100km und siehe da: es gab einen neuen Lauf, der genau zu meinen 2016 Ambitionen passte. Die 56km. In Biel, der Zeit- und Uhrenstadt in der Schweiz. Das war dann der Beginn meines Trainings zum ersten Mal mit einem persönlichen Coach. Höchste Zeit, denn mittlerweile war es schon Ende Februar, also noch gut drei Monate zum Start in Biel.
„Wenn man nach Plan acht Intervalle intensiv gelaufen ist, dann hat man keine Lust auf ein neuntes.“ Das war so ein weiterer Satz von meinem Coach als Kommentar auf mein Lamento, dass ich nach dem achten Intervall im Training völlig platt war. Intervalle zählen nicht gerade zu meinen Lieblingseinheiten. Aber bei den harten Steigungen auf der Strecke von Biel nach Kirchberg eine super Vorbereitung. Irgendwann macht es an einer 6km langen Steigung mit 7% keinen Sinn mehr zu laufen. Dann geht‘s in den Stechschritt, aber wer kommt als erstes wieder ins Laufen, wenn es ein bisschen flacher wird oben am Kamm? Genau, der der sich nach der siebten Trabpause motiviert, sobald die Pulsuhr vibriert, nochmal alles zu geben und wieder loszulaufen, auch wenn es gerade wehtut.

Verpflegung

Aber jetzt mal der Reihe nach. Erstes Thema und ständiges Credo von Coach Ueli: Verpflegung, Verpflegung, Verpflegung; regelmäßig und nach genauem Plan! Wichtig bei Langdistanzen: Wasser und Kohlenhydrate ständig zuführen. Das, was ich früher meist weggelassen habe oder unregelmäßig oder zu spät zu mir genommen habe, weil es immer zu lang dauert an der Station und die blöden Gelbeutel einfach nicht schmecken. Also früher habe ich erst angehalten, wenn ich Durst und/oder Hunger hatte. Das lief diesmal komplett anders! Und das war richtig systematisch trainiert. Wassermenge, Anzahl der kcal, nach genauem Plan der Verpflegungsstationen im Lauf getimt. Bringt das was? Absolut! Spätestens als der junge Läufer, an dem ich ab Kilometer 50 dran war – es war hart, ihm zu folgen, denn er wollte mich loswerden – plötzlich bei km 54 komplett einbrach und beinahe stehen blieb, spürte ich, dass ich den richtigen Sprit im Tank für meinen Schlussspurt hatte. Großartiges Gefühl! Ich war im letzten Drittel 12. im Gesamtklassement von über 85 Läufern als M60 Typ! Das ist doch was Vorzeigbares, oder? Das Geheimnis: Verpflegung, Verpflegung, Verpflegung!

Ausrüstung

Ready Biel
Übrigens gab es eine Stunde nach dem Start auch ein ziemlich heftiges Gewitter. Erst starker, böiger Wind, dann Blitz und Donner und dann natürlich Regengüsse. Auch die Ausrüstung hatten wir per Mail durchgesprochen. Deshalb war die dünne Laufjacke anzuziehen und das nasse Shirt loswerden auf halber Strecke, gereicht von meiner im Auto navigierenden Tochter Lisa, ein Segen. Für die 56km sind noch keine Begleitradler erlaubt, nur für diejenigen als Tipp, die den Lauf jetzt auch machen wollen.
Stirnlampe hatte ich nicht. Hat ja jeder! Dann sehe ich halt mit dem Licht der anderen Läufer. Aber was macht man im komplett dunklen Wald, abschüssig und Holperstrecke, wenn man der einen Gruppe weggelaufen ist und zur nächsten noch keinen Sichtkontakt hat? Ja richtig, ganz allein im Dunklen laufen! Und das nächste Mal eine Lampe mitnehmen und auf seinen Coach hören!
„He thinks, I run“: Das war in der Vorbereitung für Biel das grundsolide Fundament zur Arbeit mit dem Coach. Da ich wusste, dass Ueli als Triathlet auf der Langdistanz Belastungen über acht Stunden kennt und schon lange trainiert, hatte ich von Anfang an das Vertrauen, dass mein Training passt. Wenn ich alleine trainiere, tauchen bei mir immer die Fragen auf: Mache ich genug? Ist das Training richtig? Zumal der running.COACH Trainingsplan sich zwar automatisch, aber nur bis zur Marathondistanz von 42km einstellt. Danach muss das Training individualisiert werden. Aber auch für die mittleren Distanzen ist der Lerneffekt enorm. Ich dachte zuvor, dass die Energie bei Mittel- und Langdistanzen allein aus dem Fettstoffwechsel stammt und Kohlehydrate nur nice to have sind, bis der Organismus auf reinen Fettstoffwechsel umstellt. Auch das war eine Coaching Lektion mit dem Titel Bedeutung der Wettkampfernährung wert.

Ziel Kirchberg
Gert im Ziel in Kirchberg

 
Mittlerweile ist der Lauf fast schon einen Monat her und ich kann mit etwas Abstand auf die vielen Erlebnisse sowie die schönen Begegnungen mit den Läufern und dem netten Organisationsteam in Biel zurückblicken. Zentraler Punkt für dieses sportlich sehr positive Erlebnis ist meine optimal aufgebaute Fitness. Das Vertrauen, dass ich die Distanz schaffen werde, der in den Trainingseinheiten gewachsene Glaube, was mein Körper kann und was er lernen kann. Auch und gerade im Alter von 60 Jahren. Dafür ist im Zeitalter der Apps und Internetinformationen trotz alledem ein Lehrer mit Erfahrung und Fingerspitzengefühl notwendig; meiner Meinung und Erfahrung nach. Ich würde mich freuen, wenn noch viele Läufer das Angebot eines persönlich betreuten Coachings für den Preis von etwa zwei bis drei Laufschuhpaaren nutzen würden. Die Investition nicht nur in Hardware, sondern auch in unsere Software sollte immer selbstverständlicher werden. Die Belohnung dafür sind verletzungsfreie, erfolgreiche Läufe und daraus ein wachsendes sportliches Selbstbewusstsein. Bei mir jedenfalls hat es geklappt. Kein schlechtes Ergebnis, oder?
Sportliche Grüße aus München
Euer Gert

Die letzten Tage vor der EM in Amsterdam

Kategorien

Andreas Kempf nimmt dieses Wochenende die Halbmarathondistanz an den Leichtathletik-Europameisterschaften in Amsterdam in Angriff. Weshalb er als Mittelstreckenläufer überhaupt nach Amsterdam reist und wie er sich in den Tagen zuvor auf seinen grossen Tag vorbereitet, berichtet er hier. Für den EM-Halbmarathon am Sonntag wünscht Running.COACH Andreas schnelle Beine und ein schönes Lauferlebnis.

Andreas Kempf bei den Military World Games
Andreas Kempf bei den Military World Games 2015

 

Leichtathletik Europameisterschaften in Amsterdam: allgemeine Informationen

Die Leichtathletik-Europameisterschaften in Amsterdam (http://www.amsterdam2016.org/en/), welche gestern begonnen haben, sind erst die zweiten Kontinentalmeisterschaften, die seit der Einführung des Zwei-Jahres-Zykluses in einem Olympiajahr stattfinden. Die Verantwortlichen von der European Athletic Association (EAA) begannen damit vor vier Jahren in Helsinki den europäischen Athleten ein zusätzliches Schaufenster in der Öffentlichkeit zu ermöglichen. Bei diesen Europameisterschaften „light“ wurden jedoch keine Strassenwettkämpfe (Marathon und Gehen) durchgeführt. Einerseits sollte dadurch die Organisation einer solchen Meisterschaft vereinfacht werden, und andererseits hätten die Marathonläufer und Geher zu wenig Erholungszeit bis zu den Olympischen Spielen in London gehabt. In Amsterdam wird nun erstmals als Kompromiss ein Halbmarathon angeboten. Dieser dient den Marathonläufern als optimaler Vorbereitungswettkampf für die Olympischen Spiele in Rio. Zudem gibt es der Stadt Amsterdam die Möglichkeit, sich mit einer attraktiven Streckenführung positiv im Fernsehen zu präsentieren.

Streckenplan
Die Strecke führt mitten durch Amsterdam

 
Da die EAA entschieden hat, im Halbmarathon-Rennen auch Medaillen in einer Teamwertung zu vergeben, kann jede Nation bis zu sechs Läufer an den Start schicken (die addierten Zeiten der schnellsten drei Läufer fliessen dann in die Teamwertung). Aus diesem Grund wurden von der EAA keine Halbmarathon-Limite festgelegt. Somit war jeder nationale Verband frei in der Ausgestaltung der Selektionskriterien. Swiss Athletics definierte bei den Männern eine Zeit von 65:45, welche im Verhältnis zu den Limiten auf der Bahn (z. B. 5000 Meter: 13:40 oder 10‘000 Meter: 28:50) einfacher zu erreichen ist.
Freude im Ziel beim Halbmarathon in Berlin
Freude beim Zieleinlauf beim Halbmarathon in Berlin

 
Mein Trainer und ich wogen bei der Saisonplanung die Vor- und Nachteile eines Versuchs auf der Halbmarathon-Strecke für einen 5000-Meter-Läufer ab und kamen zum Schluss, dass mir im Winter ein bisschen mehr Laufkilometer und Schwellentraining nicht schaden würden. Entweder erreiche ich im Frühling die geforderte Limite über die 21,0975 Kilometer, oder ich konzentriere mich dann voll auf die Bahnsaison. Zum Glück konnte ich Plan A umsetzen, in dem ich anfangs April am Halbmarathon in Berlin nach 65:24 ins Ziel kam. Somit wurde die diesjährige Bahnsaison für mich obsolet. Stattdessen ging ich mit dem Halbmarathon-Team im Juni für vier Wochen nach St. Moritz ins Höhentrainingslager, um mich optimal auf die EM vorzubereiten. Erholt und wieder akklimatisiert ans Flachland sitze ich nun da beim Verfassen dieses Textes. Es verbleibt noch eine knappe Woche bis zu meinem Einsatz in Amsterdam, und mein Programm bis dahin sieht folgendermassen aus.

Mittwoch: Packen

Letztes intensiveres Training (4×1000 Meter in Halbmarathon-Pace) machen, alle notwendigen Sachen packen, mich vor dem Fernseher mit den ersten Wettkämpfen der Leichtathletik-EM einstimmen (Zeitplan der EM unter folgendem Link: http://www.amsterdam2016.org/images/fe/editor/NEW_programma_A4_v3.pdf) und dazu eine Blackroll-/Dehnsession ausführen.

Donnerstag: Anreise

Um die Mittagszeit gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Halbmarathon-Teams von Zürich nach Amsterdam fliegen, anschliessend die Zimmer im Athletenhotel der Schweizer Delegation beziehen und vor dem Abendessen einen gemütlichen Erkundungsdauerlauf zur Lockerung der Beine nach der Reise absolvieren.

Freitag: Streckenbesichtigung

Vormittags die Strecke wie auch das Start-/Zielgeländes mit einem offiziellen Bus besichtigen, nachmittags den Bewegungsapparat durch den Teamphysiotherapeuten pflegen lassen sowie einen Dauerlauf abspulen und abends eventuell die Abendsession im Stadion besuchen.

Samstag: Fauler Tag

Gut ausschlafen, Kohlenhydratspeicher füllen, lockeres Training (Laufen, Gymnastikübungen, wenig Laufschule und einige Steigerungen) absolvieren, Wettkampfutensilien bereit legen, definitive Startliste studieren, Renntaktik mit dem Trainer besprechen, Nervosität im Griff behalten und allgemein nicht unnötig Energie verschwenden.

Sonntag: Wettkampftag

Wird Andreas Frühstück wohl ähnlich aussehen wie beim Halbmarathon in Berlin?
Wird Andreas Frühstück wohl ähnlich aussehen wie beim Halbmarathon in Berlin?

 
06:00 Uhr Aufstehen und frühstücken
07:00 Uhr Leichtes Footing, Beine vertreten, duschen
08:00 Uhr Shuttle vom Hotel zum Startbereich
08:30 Uhr Einlaufen
09:15 Uhr Entrance Call Room
09:30 Uhr Exit Call Room
09:35 Uhr Arrival Start area
09:50 Uhr Start competition
Vor 10:55 Uhr Zieleinlauf
12:00 Uhr Shuttle zurück zum Hotel
12:30 Uhr Duschen, essen, sich hinlegen
16:00 Uhr Shuttle vom Hotel zum Stadion
16:30 Uhr Siegerehrung Halbmarathon
17:00 Uhr Start Abendsession
19:00 Uhr Schlussfeier
19:30 Uhr Shuttle zurück zum Hotel
20:00 Uhr Abendessen
22:00 Uhr Abschlussparty

Montag: Heimreise

Nach einer wahrscheinlich eher kurzen Nacht mit vielen positiven Eindrücken und wichtigen Erfahrungen für die (sportliche) Zukunft die Heimreise antreten.

Andreas Kempf: Zwischen Entwicklungshilfe und Menschenhandel

Kategorien

Am Sonntag ist Andreas Kempf am Berlin Halbmarathon seine erste EM-Limite gelaufen. Unser Blogger benötigte nur 1:05:24 für die 21,1 Kilometer – running.COACH gratuliert herzlich! In diesem Blog-Beitrag schreibt er am Beispiel der Schweiz über eine problematische Entwicklung in der Laufszene, der so einfach nicht beizukommen ist.
Vor drei Wochen präsentierte sich am Kerzerslauf das Bild, an welches man sich in den letzten Jahren bei Schweizer Strassenläufen gewöhnt hat. Von den ersten neun Läufern kamen acht aus Kenia, und nur der siebtplatzierte Äthiopier Fikru Dadi wohnt als Asylbewerber in der Schweiz. Auf dem zehnten Rang folgte der erste Schweizer, Julien Lyon, mit bereits über zweieinhalb Minuten Rückstand auf den Sieger. Diese Konstellation ist weder für die Zuschauer noch für die Medien attraktiv. Denn die kenianischen Athleten, welche mit ihren zwielichtigen europäischen Managern jedes Jahr im Frühling und im Herbst durch Europa touren, stammen aus einem schier endlosen Reservoir an Topläufern in Ostafrika. Daher sind sie beliebig austauschbar und fast niemand kann sich ihre Namen und Gesichter merken. Zudem beherrschen sie meistens ausser Swahili keine weitere Sprache, was es Journalisten praktisch verunmöglicht, etwas über sie in Erfahrung zu bringen.

Kerzerslauf1
Andreas Kempf (13) am Start des Kerzerslaufs Mitte März. Quelle athletix.ch

Auch für die einheimischen Läufer ist die Situation unbefriedigend, da ihnen der Weg zu Preisgeld, besseren Platzierungen und somit möglichen Sponsoreneinnahmen verwehrt bleibt. Dadurch können sie sich, wenn überhaupt, nur einen Halbprofi-Status leisten und sind aufgrund fehlender Trainings- und Erholungszeit gegen die Vollprofis aus Kenia meist chancenlos. Einige Laufveranstalter versuchen dem Rechnung zu tragen und geben separat den besten Schweizer Läufern Preisgeld. Ein weiterer Faktor, welcher die ungleich langen Spiesse zwischen mitteleuropäischen und afrikanischen Läufern verstärkt, besteht in der aktuellen Dopingproblematik in der Leichtathletik. Nicht wenige Stimmen verlangen zusätzlich zum Ausschluss der russischen Leichtathletikdelegation für Olympia in Rio auch den Ausschluss der Kenianer, Äthiopier und Marokkaner, solange diese nicht über ein funktionierendes Antidopingsystem verfügen.
Dagegen könnte man einwenden, dass der an europäischen Läufen erzielte Verdienst für die Afrikaner zumindest eine lobenswerte Art von Entwicklungshilfe darstellt. In diesem Zusammenhang müsste allerdings geprüft werden, welcher Betrag den Läufern am Ende tatsächlich verbleibt. Die ZDF-Dokumentation „The Long Distance“ über den Deutschen Manager Volker Wagner zeigt, dass mit dem Preisgeld alle Spesen (Flüge, Unterkunft, Essen etc.) sowie 15 Prozent Provision an den Manager bezahlt werden müssen. Ob und wieviel Geld den Athleten nach ihrem Europaaufenthalt also übrig bleibt, hängt somit ausschliesslich von ihren Leistungen ab. Nicht selten kommt somit der mit grossen Träumen nach Europa Gereiste mit leeren Händen in sein Dorf und zu seiner Familie zurück.
Kerzerslauf2
Andreas Kempf in Action. Quelle: athletix.ch

Es wird interessant sein zu sehen, wie die Laufveranstalter zukünftig mit dem modernen Menschenhandel im Laufsport umgehen werden. Vielleicht stoppen sie diese Entwicklung, und wir werden in naher Zukunft wieder einmal einen Schweizer auf dem Podest am Kerzerslauf vorfinden…
Der Autor ist sich der heiklen Thematik dieses Artikels bewusst und steht gerne zu Diskussionen zur Verfügung. Aufgrund der besseren Lesbarkeit wurde in diesem Text der Einfachheit halber nur die männliche Form verwendet. Die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen.
Dieser Text erschien in einer gekürzten Fassung als Kolumne in den Freiburger Nachrichten.

running.COACH Gold-Coach läuft Kinderwagen-Weltrekord

Kategorien

Seit Anfang Jahr ist Calum Neff unser Gold-Coach in den USA. Dass er nicht nur ein ausgewiesener Trainingsexperte ist, sondern auch selber unglaublich schnell laufen kann, zeigte er vor zehn Tagen. Dann lief er nämlich den Katy Half Marathon in Texas in 1:11:27 – mit seiner Tochter im Kinderwagen vor sich herstossend. Das ist Weltrekord. Hier liest du das exklusive Interview mit unserem neuen running.COACH-Helden.
Calum, zuerst einmal herzliche Gratulation zu deiner tollen Leistung! Kannst du uns zum Einstieg sagen, wer du bist, wie du zum Laufen gekommen bist und was es dir bedeutet?
Ich laufe seit ich vier Jahre alt bin. Das erste Rennen, das ich gelaufen bin, war 1988 – ein 1-Kilometer-Lauf am Cajun Cup in Lafayette, Louisiana. Tatsächlich bin ich Kandanier, geboren bin ich aber in Aberdeen, Schottland. Wegen des Jobs meines Vaters bin ich als Kind um die halbe Welt gekommen und habe in verschiedenen Ländern gelebt, was ich sehr genossen habe. Zwar kann es gerade für ein Kind sehr schwierig sein, immer wieder entwurzelt zu werden und dann an einem anderen Ort neu zu beginnen. Ich hatte jedoch immer meine Familie und vor allem das Laufen. Die ersten Wochen in einer neuen Schule waren immer ziemlich ruhig. Es war nicht einfach für mich, Freunde zu machen. Aber immer nach dem ersten Lauf, sei es ein Wettkampf oder einfach nur im Schulsport gewesen, haben mich alle gekannt und haben mir geholfen. Die Lauf-Community heisst dich ebenso Willkommen – egal wohin du gehst oder wie schnell du bist. So gesehen war Laufen immer meine Verbindung zur Welt.

Rick Frank
Calum mit Tochter unterwegs zum Weltrekord. Rechts feuert ihn der Direktor des Events an. © Rick Frank

Erzähl uns von deinem Weltrekordlauf am Katy Half Marathon.
Der Lauf ist ein lokales Rennen nahe von unserem Zuhause gleich ausserhalb von Houston, Texas, wo wir zur Zeit wegen meines eigenen Jobs leben. Das Gebiet ist ziemlich neu, deshalb sind die Strassen eben und glatt. Weil es nur eine halbe Stunde nördlich des Golfs von Mexico ist, ist das Gelände so flach wie es nur sein kann. Ich vermisse zwar die kanadischen Berge, aber die Strecke des Katy Half Marathon ist perfekt, um eine schnelle Zeit zu laufen – gerade mit dem Kinderwagen. Ich hatte die erste Austragung im letzten Jahr in 1:09 gewonnen, nur drei Wochen nachdem ich 2h22min am Houston Marathon gelaufen war. Ich wusste also, dass es wieder möglich sein würde, beide Wettkämpfe zu laufen. Dieses Jahr hatte ich am Marathon in Houston frustrierenderweise mit muskulären Problemen in den Hamstrings zu kämpfen. Trotz den Krämpfen lief ich 2h23min, nur 20 Sekunden langsamer als meine persönliche Bestzeit. Ich wusste also, dass ich in der besten Form meines Lebens war.
Hattest du diesen Rekord schon lange im Visier? Wenn ja, wie hast du dich darauf vorbereitet?
Das meiste Training hatte ich auf den Houston Marathon ausgerichtet. Es beinhaltete einige sehr gute lange Läufe bis zu 38 Kilometern und viel Marathon Tempo. Nach dem Lauf in Houston fühlte ich mich nicht so kaputt wie üblicherweise nach einem Marathon weil ich mich wegen der Muskelproblem etwas hatte zurückhalten müssen und ich mich nicht vollständig ausgepumpt hatte. Mich und vor allem die Muskeln richtig zu erholen war deswegen meine Hauptvorbereitung für den Rekordversuch. Natürlich musste ich den Kinderwagen testen und ausprobieren, ob meine Tochter bei diesen Geschwindigkeiten komplett sicher und ob es für sie angenehm ist. Das bedeutete, dass ich einige Trainings mehr mit dem Kinderwagen lief. Ich machte 400m-Intervalle, mehrere Dauerläufe und einige Läufe in der Nachbarschaft und in Parks. Besonders genossen haben wir Weihnachten. Ich habe meine Töchter im Kinderwagen geschoben, um alle Weihnachtsbeleuchtungen in der Gegend zu sehen. Normalerweise bringe ich für sie Musik mit, in diesen Fällen waren es Weihnachtslieder.
cal1
Nach 21.1 Kilometer in der neuen Rekordzeit von 1:11:27 im Ziel: Neuer Weltrekord. © Aaron Palaian

 
Was sind deine Pläne für die Zukunft? Gerüchte sagen, dass der Kinderwagen-Weltrekord auf der Marathondistanz ebenfalls nicht unschlagbar ist…
Jetzt, da ich den Halbmarathon-Weltrekord habe, wäre das logische Schritt tatsächlich, den Marathon-Rekord anzugreifen. Er liegt derzeit bei 2h42min, aufgestellt von Michael Wardian. Ehrlich gesagt denke ich, dass die 2h30min-Grenze für mich möglich wäre. Ich brauche dazu aber den richtigen Ort und einen guten Tag. Holland (meine knapp einjährige Tochter, die beim Weltrekord im Kinderwagen sass), hat den Lauf am Katy Half Marathon geliebt. Sie hat geklatscht und fast die ganze Zeit geplaudert. Nur gegen Ende hatte sie eine kurze Zeit, wo sie sich etwas beklagte. Hätte sie das zu Beginn getan, hätte ich natürlich abgebrochen. Für den Marathon bräuchte es aber sicher etwas mehr, um sie zu beschäftigen: Eine Falsche, Spielsachen, Musik und hoffentlich ein langes Schläfchen! Meine dreijährige Tochter Alessandra ist nur 4.5 Kilo schwerer. Sie hat natürlich viel mehr Kinderwagen-Kilometer hinter sich und begreift besser, was geschieht. Sie kann mir sogar eine Zwischenverpflegung über den Lenker reichen… Ich könnte es also mit beiden Töchtern auf der Marathon-Distanz versuchen.
Vielen Dank Calum und nur das Beste für die Zukunft! Wir sind gespannt auf weitere Kinderwagen-Heldentaten.

cal2
Calum mit Tochter Holland nach dem Weltrekord. © Aaron Palaian

 
Hast du Interesse an einem persönlichen Lauf-Coaching? Lies mehr über unsere Gold-Abos und alle Gold-Coaches hier.

Andreas Kempf: 15 Unterschiede zwischen kenianischen und europäischen Läufern

Kategorien

Jambo! Diesen Winter schloss ich mich für ein Trainingslager der Schweizer Marathon Rekordhalterin Maja Neuenschwander und den Schweizer Marathonläufern Adrian Lehmann, Christian Kreienbühl und Michael Ott an, und verbringe mit ihnen dreieinhalb Wochen in Kenia. Dies nicht nur, um dem europäischen Winter zu entfliehen, sondern auch um einmal live zu sehen, wie die besten Langstreckenläufer der Welt trainieren. Hier in Iten ist einer von unzähligen Trainingsstützpunkten der Kenianer in der Nähe der Stadt Eldoret und des Rift Valleys im Westen Kenias.
Wir wählten die „europäische“ Variante und sind, anstatt in einem einheimischen Trainingscamp, im schönen Hotel Kerio View untergebracht. Da wird für uns gekocht, das Zimmer geputzt und die Kleider gewaschen. Eigentlich das Einzige, was wir selber machen müssen, ist schlafen, essen, trainieren und ab und zu duschen. Glücklicherweise hat es fliessend Wasser sowie Strom und sogar Internet. Trotzdem bekommen wir natürlich etwas von der Lebensweise der einheimischen Läufer mit. Deshalb hier die 15 Unterschiede zwischen den kenianischen und den Schweizer Läufern, welche ich bis jetzt beobachten konnte:

Kenia2
„Europäische Variante“: Unterkunft im Hotel

1. Wohnort: Hochebene vs. Flachland

Die Kenianer leben hier permanent auf bis zu 2400 Metern über Meer, während wir Zuhause im Flachland wohnen. Somit sind die Mechanismen in ihrem Körper gewohnt, mit weniger Sauerstoff auszukommen. Dadurch haben sie an den Wettkämpfen in tiefer gelegen Gebieten einen Vorteil, weil ihrem Körper zur Muskelversorgung plötzlich mehr Sauerstoff zur Verfügung steht.

2. Trainingsstart: Frühaufstehen vs. Ausschlafen

Während es uns häufig schwer fällt, am Morgen aus dem Bett zu kommen, sind in Kenia um kurz nach 6:00 Uhr alle zum ersten Training des Tages bereit. Die klimatischen Bedingungen und der frühe Sonnenaufgang begünstigen einen frühen Trainingsstart.

3. Trainingsmethode: Gefühl vs. GPS-Uhr

Wer denkt, dass die Kenianer völlig ohne Struktur trainieren, irrt sich gewaltig. Am Dienstag steht Bahntraining, am Donnerstag Fahrtspiel und am Samstag Long Run auf dem Programm. Alle anderen Trainings (bis zu drei am Tag!) dienen primär der Verbesserung der aeroben Ausdauer und bestehen aus Dauerläufen in teilweise sehr gemächlichem Tempo. Während wir uns meistens strikt an Pulswerte und/oder an eine vorgegebene Pace halten, trainieren viele Kenianer einfach nach Gefühl. Jedoch „täuscht“ sie ihr Gefühl häufig, in dem sie einfach mitlaufen bis sie nicht mehr können. Deshalb gilt oft „the strongest survives“, was zwingend dazu führt, dass sich viele Kenianer völlig verheizen. Dafür gehören die, welche diese Trainings überstehen, zu den besten der Welt.

Kenia4
Die Schweizer Spitzenläufer Adrian Lehmann, Andreas Kempf, Michael Ott und Christian Kreienbühl (von links) trainieren gemeinsam in Kenia und versuchen, nicht nur nach Gefühl zu trainieren

4. Trainingsgruppe: Gemeinsam vs. Einsam

Da die Kenianer fast ausschliesslich in Gruppen (von bis zu 50 Läufern) trainieren, besteht die vorher beschriebene Gefahr, dass die Trainings für viele zu hart sind. Dafür mangelt es ihnen nie an Trainingspartnern und Motivation. Bei uns muss man sich hingegen häufig alleine zum Laufen aufraffen. Erschwerend kommt hinzu, dass den wenigen Schweizer Spitzenläufern oftmals nur kurze Zeitfenster am Tag zum Training zur Verfügung stehen, und sie sich meistens genau an ihren Trainingsplan halten wollen. Deshalb bleibt für Kompromisse, um Trainingseinheiten in Gruppen zu absolvieren, nicht viel Spielraum übrig.

5. Laufstrecken: Coupierte Dirtroads vs. Flache Strassen

In diesem hügeligen Gebiet hier um Iten ist es praktisch unmöglich, einen flachen Dauerlauf zu machen. Ausserdem gibt es nur eine asphaltierte Strasse. Alle anderen Wege sind sogenannte Dirtroads, welche aus einem roten staubigen Erduntergrund bestehen. Das dämpft nicht nur die Schläge auf den Körper, sondern fordert auch gehörig die (Fuss-)Muskulatur. Bei uns wird im Gegensatz dazu mangels Alternativen häufig auf asphaltierten Wegen gelaufen. Zudem wird bevorzugt flach trainiert (sonst würde sich ja die Durchschnittspace des Dauerlaufs unnötig verschlechtern).

6. Infrastruktur: Aschenbahn vs. Tartanbahn

Der berühmt berüchtigte Kamariny Track in Iten ist eine Aschenbahn, die ungefähr 406 Meter lang ist. Mittlerweile gibt es zwar eine 400-Meter-Tartanbahn in der Nähe, der Eintritt ist jedoch so hoch, dass man dort praktisch nur europäische Athleten antrifft. Das heisst, die Kenianer absolvieren ihre Bahntrainings auf einer (zu langen) Aschenbahn, während wir auf perfekten, genau ausgemessen Tartanbahnen trainieren.

7. Laufschuhe: Gebrauchte rote vs. Neue farbige

Während bei uns bereits Hobbyläufer mit den neusten farbigen Modellen der Schuhindustrie unterwegs sind, trainieren die meisten Kenianer (ausser den Top-Athleten) in geschenkten Occasion-(Lauf-)Schuhen. Die Farbe der Schuhe spielt dabei keine Rolle, da nach ein paar Trainings auf den Dirtroads sowieso alle Schuhe mit rotem Staub bedeckt sind.

8. Trainingsbekleidung: Lang vs. Kurz

Bei Temperaturen ab 15 Grad Celsius sieht man bei uns eigentlich keine Läufer in langen Trainingskleidern. Ganz anders hier, die Kenianer laufen sogar bei Temperaturen um 25 Grad Celsius in langärmligen Shirts und langen Tights. Ob sie wirklich kalt haben, die langen Kleider als Schutz vor der Sonne einsetzen, (übermässiges) Schwitzen als zusätzlichen Trainingseffekt ansehen, oder ob es dazu dient, ihre Kleidersammlung zu präsentieren und einen gewissen Lebensstandard  zu untermauern, konnte ich noch nicht herausfinden. Ich war bis jetzt jedenfalls fast immer in kurzen Trainingskleidern unterwegs, um nicht mehr zu schwitzen (resp. Flüssigkeit und Mineralstoffe zu verlieren) als nötig.

Kenia3
Trotz hohen Temperaturen häufig in langen Trainingskleidern unterwegs: Kenianische Spitzenläufer

9. Ernährung: Frisches unverarbeitetes Essen vs. Convinience-Food

Die kenianische Küche besteht primär aus lokalen frischen Früchten, Gemüse, Ugali (kohlenhydratreicher Maisbrei) und ein bisschen Fleisch. Fertiggerichte existieren kaum. Zudem wird Wert darauf gelegt, sich genügend Zeit zu nehmen zum Essen. Der durchschnittliche Schweizer Läufer ernährt sich bestimmt ungesünder und unter mehr Stress, als man das hier pflegt.

10. Erholung: Schlafen vs. Arbeiten

Ein grosses Problem vieler Schweizer Läufer stellt sicherlich die zu kurze Erholungszeit dar. Die meisten betreiben den Sport, wenn überhaupt, halbprofessionell und gehen noch einer anderweitigen Arbeit nach. In Kenia dagegen ist praktisch jeder, der einigermassen laufen kann, Profisportler und träumt von einer grossen Karriere. Deshalb bleibt genügend Zeit, um sich zwischen den Trainings wieder hinzulegen und sich zu entspannen.

11. Freizeit: Tee trinken vs. Handy/Computer/Fernsehen

In Kenia funktioniert das Leben generell noch ein bisschen gemütlicher. Man trinkt viel Tee, geniesst die Natur, geht zur Kirche und besucht einige Freunde. Unsere Freizeit ist meistens kurz und häufig auch noch verplant. Und haben wir einmal eine freie Minute übrig, beschäftigen wir uns mit einem unserer unzähligen elektronischen Geräte.

12. Genetische Veranlagung: Schwarz vs. Weiss

Die Wissenschaft tut sich zum Teil schwer mit diesem heiklen Thema. Wenn man jedoch die Schweizer Strassenläufe anschaut oder die Weltbestenlisten der letzten Jahre in den Laufdisziplinen konsultiert, ist die Frage berechtigt, ob Afrikaner beim Laufen einen genetischen Vorteil haben. Ein Artikel in der NZZ vom 02.06.2014 greift dieses Thema mit dem Titel „NZZ-Montagsklischee: Schwarze sind die besseren Läufer“ auf. Der Artikel beruft sich auf den britischen Physiologen Yannis Pitsiladis, der herausfand, „…dass die genetische Variabilität in Afrika viel grösser ist als im Rest der Welt. Das bedeutet, dass sich zwei kenianische Nachbarn im Erbgut viel deutlicher voneinander unterscheiden können als von einem Weissen weit weg in Europa.“ Wie kann man sich die Überlegenheit der afrikanischen Läufern dann erklären?

13. Kindheit: Viel Bewegung vs. Viel Sitzen

Der vorhergenannte Artikel aus der NZZ kommt zum Schluss, dass ein anderer Faktor als die genetische Veranlagung für die Überlegenheit der Afrikaner im Laufbereich verantwortlich ist. Nämlich die viel häufigere Bewegung der afrikanischen Kinder: „Eine grossangelegte Studie hat gezeigt, dass sich europäische Kinder durchschnittlich 11 bis 20 Minuten pro Tag moderat bis intensiv bewegen. Bei kenianischen Schülern mass Pitsiladis mit den Methoden der europäischen Studie 109 bis 234 Minuten. Moderate Bewegung entspricht leichtem Jogging. Das bedeutet, dass kenianische Kinder bis zu vier Stunden täglich laufen – und das über Jahre hinweg. Schon bei 14-Jährigen werden deshalb physiologische Werte gemessen, wie sie in Europa nur Spitzensportler aufweisen.“ Der Artikel kommt zum Schluss, dass Weisse zwar die Voraussetzungen zum Laufen haben. Aber wenn sie mit dem Training beginnen, sind die Schwarzen schon enteilt. Und ich kann bestätigen, dass wir während den Dauerläufen noch nie von so vielen laufbegeisterten Kindern wie hier angefeuert und zu Fuss (bis zu jeweils einigen hundert Metern) begleitet worden sind.

14. Mentale Einstellung: Selbstvertrauen vs. Selbstzweifel

Erfolgreiche Läufer sind in Kenia Helden und Idole. Und jeder kenianische Läufer ist überzeugt, in einigen Jahren selber Weltmeister zu sein. Zusammen mit ihrem starken Glauben an Gott, besitzen sie ein riesiges Selbstvertrauen. Der Grat zur Selbstüberschätzung ist jedoch schmal. Deshalb übernehmen sie sich häufig im Training oder beginnen einen Wettkampf viel zu schnell, und büssen dann dafür auf der zweiten Hälfte. Der typische Schweizer Läufer macht sich viele Überlegungen zum Training und zur Renntaktik, oft begleitet mit Gedanken wie „bin ich zu schnell/langsam unterwegs?“ oder „halte ich dieses Tempo bis zum Schluss durch?“. Dieses ständige Nachdenken verhindert oft bessere Leistungen. Wenn wir jedoch mit einem gesunden Selbstbewusstsein an den Start gehen und das Rennen klug einteilen, sind plötzlich Kenianer schlagbar, die eigentlich stärker einzustufen sind als wir.

Kenia1
„Home of Champions“ – das Selbstvertrauen in Iten ist (zu Recht) gross

15. Doping: Unwissenheit vs. Kontrolle

Zu guter Letzt noch das leidige Thema Doping, das besonders im Moment in der Leichtathletik wieder allgegenwärtig ist. Es gibt über die aktuelle Situation in Kenia keinen Bericht von einer unabhängigen Kommission der Welt Anti Doping Agentur (WADA) wie über Russland. Trotzdem scheint es in Kenia (u.a. gemäss der ARD-Dokumentation vom deutschen Dopingexperten Hajo Seppelt) nicht schwierig zu sein, an unerlaubte Substanzen zu kommen. Korruption ist darüber hinaus in allen Bereichen Kenias, welches im internationalen Korruptionsranking 2014 der Organisation Transparency International Platz 145 von 175 untersuchten Ländern belegt, weit verbreitet. Deshalb erstaunt es nicht, dass das nationale Doping-Kontrollsystem schlecht funktioniert. Überdies wissen die meisten Kenianer nichts über die möglichen physischen und psychischen Folgen von Doping und haben bedingt gesellschaftliche Konsequenzen durch einen positiven Dopingfall zu befürchten, da die moralischen und ethischen Vorstellungen ein wenig anders sind als bei uns. Der Sport ist zudem für viele die einzige Perspektive und Chance zum sozialen Aufstieg. Gegen ein flächendeckendes staatliches Doping wie in Russland spricht allerdings, dass weder der kenianische Staat noch der nationale Leichtathletikverband über solche Strukturen und die nötigen Mittel zu verfügen scheinen. Des Weiteren sind die meisten Kenianer sehr arm und können sich gar keine unerlaubten Substanzen leisten. Die kenianischen Spitzenläufer mit ihren europäischen Trainern und Managern scheinen mir hingegen sehr gut organisiert und ziemlich suspekt. Dopende Schweizer Spitzenläufer sind selbstverständlich nicht prinzipiell auszuschliessen. Aber die Kontrollen durch die unabhängige Agentur Antidoping Schweiz, die mögliche gesellschaftliche Ächtung und das Bewusstsein für den eigenen Körper minimieren das Risiko des Doping-Missbrauchs beachtlich. Und nicht zuletzt sind die Ausbildungsmöglichkeiten und die Berufsaussichten in der Schweiz riesig im Vergleich zu Kenia, was den Stellenwert des Leistungssports in unserem Land beträchtlich relativiert.
Nun stellt sich die Frage, welche Schlüsse kann ich für mich aus diesen Unterschieden ziehen? Da ich meine Anzahl Minuten an Bewegung in der Kindheit nicht mehr erhöhen kann, liegt der Schlüssel zum Erfolg für mich weiterhin (ab und zu in Höhentrainingslagern) hart zu trainieren, mich gesund und ausgewogen zu ernähren, dem Körper die nötige Erholung zu gönnen, mental stark zu sein und für ein unabhängiges, internationales und flächendeckendes Anti-Doping-System einzustehen.
Kwaheri kutoka Kenya,
Andreas