Wenn Sport zur Sucht wird

Kategorien

Sport dient für viele als Ausgleich und als Investition in ein gutes Körpergefühl. In einigen Fällen kann er aber leider auch zu suchtartigem Verhalten führen. Dieser Artikel, erstellt unter Mithilfe von Sportpsychiater Dr. med. Malte Claussen, sollte dich als Läufer auf diese Problematik sensibilisieren.
Bevor wir aber über die verschiedenen Ausprägungen solcher Süchte sprechen, ist es notwendig, dass wir verschiedene Gruppen von Sportlern unterscheiden. Laut Herr Claussen gibt es die Gruppe der Breitensportler, die beispielsweise einmal pro Woche Tennis spielen gehen. Von Leistungssportlern spricht man im Fall von Sportlern, die das Ziel verfolgen, ihre Leistung zu verbessern. In der Kategorie der Hochleistungssportler sind Leute anzuordnen, die regelmässig auf nationale oder sogar internationale Wettkämpfe hintrainieren und daran teilnehmen, während Berufssportler damit ihren Lebenserwerb verdienen können.
Die grösste Gefahr, an einer Sucht im Zusammenhang mit Sport zu erkranken, besteht laut Herr Claussen für Leistungssportler. Bei hohem Trainingseinsatz und grosser Leistungsorientierung fehlt diesen Sportlern, im Gegensatz zu den Hochleistungs- und den Berufssportlern, oft die professionelle Betreuung. Ihnen ist nicht klar, was ein sinnvolles Mass an körperlicher Anstrengung ist und sie legen oft zu wenig Wert auf Erholung. So trainieren diese Sportler oft beachtliche Umfänge bei zu kurzen Erholungszeiten.
Ausdauersport ist in jener Hinsicht besonders, dass man als Anfänger schnell Fortschritte macht. Auch bei wenig Talent zahlt sich das Training aus und man verbessert sich in der Regel relativ schnell. Dieser rasche Effekt kann sich sehr positiv auswirken, wenn man spürt, dass man leistungsfähiger wird und ein besseres Körper- oder Lebensgefühl erlangt. Jedoch birgt genau diese positive Verstärkung auch die Gefahr, dass man sich davon abhängig macht und nicht mehr ohne sie zurechtkommt. Man gewöhnt sich an die Bestätigung und an den Fortschritt. Sobald ein Niveau erreicht ist, ab dem man durch gelegentliches Lauftraining nicht mehr gleich grosse Fortschritte macht, kann das Gefühl aufkommen, man müsse noch mehr trainieren oder andere Leistungssteigernde Massnahmen ergreifen, wie zum Beispiel eine Gewichtsreduktion.

Sportsucht gilt als nicht-substanzgebundene Sucht. Laut Herr Claussen unterscheiden sich die Symptome einer Sportsuch aber nicht von denen anderer Süchte: Notwendigkeit einer immer höheren Dosis, Entzugserscheinungen, Bereitschaft zu einem hohen körperlichen Risiko oder starke Beeinträchtigung des sozialen Umfeldes. Betroffene setzen sich leistungsbezogene Ziele, denen sie alles unterordnen. Die Betroffenen werden dabei von ihrem Verhalten kontrolliert und nicht umgekehrt. Dabei werden jegliche körperlichen Warnsymptome ignoriert und erholsame oder soziale Aktivitäten werden so oft als möglich durch sportliche Betätigung ersetzt. Die Sportsucht setzt sich aus verschiedenen Stadien zusammen, die vom deutschen Sportwissenschaftler und Psychologen Thomas Schack beschrieben werden als die erfolgreiche Sportzuwendung, gefolgt von einer starken Hinwendung zum Sport (Sportbindung) und der anschliessenden Übergangsphase, geprägt von Vermeidungsmotiven (Vermeiden von Entzugserscheinungen) (Held-Beck et al. 2016).
Bei der Sportsucht wird unterscheiden zwischen primärer und sekundärer Sucht. Eine primäre Sucht liegt dann vor, wenn neben der übermässigen sportlichen Betätigung kein anderes psychisches Problem vorliegt. Bei einer sekundären Sucht hingegen liegen ausserdem andere psychische Erkrankungen wie zum Beispiel eine Essstörung oder Depressionen vor. Laut Herr Claussen sind die überwiegende Zahl der beobachteten Fälle unter der sekundären Sportsucht anzuordnen.
Die Sportsucht ist also meist ein mehrdimensionales Phänomen. Laut Held-Beck et al (2016) kann sie auf unterschiedlichen Ebenen entstehen, auf denen sich das Problem oft gegenseitig verstärkt: der physiologischen, der Selbstwahrnehmungs- und -bewertungsebene oder der sozialen Ebene. Auf der physiologischen Ebene geht es um die Ausschüttung von Beta-Endorphinen, auf der Selbstwahrnehmungs- und -bewertungsebene wird nach der Aufwertung des Selbstbildes gestrebt und auf der sozialen Ebene ist das Ziel das Erlangen sozialer Anerkennung.
Besonders auf den zwei letztgenannten Ebenen werden die zu erfüllenden Ziele massgeblich durch Normen oder Ideale bestimmt. Da es beim Sport hauptsächlich um den menschlichen Körper und seine Leistungsfähigkeit geht, beziehen sich die angesprochenen Normen und Ideale bei Sportsüchtigen auf ihren Körper. Neben der Leistungsfähigkeit spielt hier auch die Körperbeschaffenheit eine zentrale Rolle. Sowohl in der Gesellschaft, als auch spezifisch im Sport, gibt es soziale Normen, die vorgeben, wie ein Körper auszusehen hat oder wie schwer er sein sollte. Je grösser die Diskrepanz zwischen dem realen Körper und dem idealen, angestrebten Körper einer Person, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass diese damit unzufrieden ist und den Druck verspürt, sich dem oft unerreichbaren Idealbild anzugleichen.
Ein Faktor, der die Problematik verstärkt, sind die sozialen Medien. Leute stellen dort ihren Körper und ihre Leistungen zur Schau. Die präsentierten Inhalte entsprechen jedoch nicht immer der Realität. Die  Bilder zeigen oft nur die Schokoladenseiten einer Person. Kommt man diesem Ideal trotz allem nicht näher, resultiert das in Frustration und immer grösserer Bereitschaft, alles zu unternehmen, um dorthin zu gelangen. Trainingsumfänge werden erhöht, die Energiezufuhr reduziert, Erholungszeiten verkürzt. Die Folge können geistige und körperliche Erschöpfungszustände sein. Dies kann, laut Malte Claussen, bereits eine Form einer Depression sein, oder „nur“ ein Risikofaktor dafür, wie er im Interview mit der NZZ am Sonntag im Februar 2018 sagte. „Die Abgrenzung zwischen dem Übertrainingssyndrom und der Depression ist nicht einfach. […] Klar ist aber, dass Depressionen bei Sportlern oft unerkannt bleiben“, meint er.
Neben dem gesellschaftlichen Körperideal gibt es verschiedene sportspezifische Körperbilder. Der Laufsport gehört, wie andere Ausdauersportarten, zu den „Leanness sports“ (Magerkeitssportarten), bei denen mit einem tiefen Körpergewicht und einer geringen Fettmasse bessere Leistungen erzielt werden können (Ewers et al. 2017). Ausdauersportler streben also nicht nur ein gesellschaftliches Ideal an, sondern auch das für ihren Sport typische. Jedoch ist das Erreichen dieses Ideals kaum nur durch Training zu erreichen, sondern es geht auch mit grossen Einschränkungen in der Energiezufuhr einher. „Wenn man sich die dünnen Ärmchen der Radfahrer nach der Tour de France ansieht, wird einem schnell klar, dass diese Leistungen unter einem erheblichen Energiedefizit erbracht wurden“, meint Malte Claussen.

Die stetige Orientierung an solchen Körperbildern kann zu verschiedenen Formen von Essstörungen oder gestörten Essverhaltens führen. Süchtige entwickeln aber oft Strategien, um ihr Problem zu kaschieren. Yvonne Z. aus einem Beispiel aus dem NZZ Artikel vom Februar 2018 leidet an einer Kombination aus Magersucht und Sportsucht. Ihr extreme sportliche Aktivität war den Instruktoren im Fitnesszentrum aufgefallen und sie hatten ihr Hausverbot erteilt («Wenn du erst drei Stunden auf dem Velo trainierst und dann zwei Stunden auf dem Stepper, werden die Instruktoren aufmerksam», meinte sie). Yvonne aus dem Beispiel löste das Problem, indem sie einfach abwechslungsweise in mehreren verschiedenen Studios zu trainieren begann.
Bei Sportlern müssen neben den klassischen Essstörungen, Anorexia nervosa und Bulimia nervosa, weitere sportspezifische Essstörungen berücksichtigt werden, wie zum Beispiel die Exercise bulimie, die häufig in Internetforen thematisiert wird, tatsächlich aber einer Bulimia nervosa, also einer schweren Störung des Essverhaltens entspricht. Sie bezeichnet eine Sonderform der Bulimie, bei der Essanfälle, oder auch normaler Nahrungskonsum, gezielt durch körperliche Aktivität kompensiert werden wollen. Laut Ewers et al. (2017) zeichnet sie sich aus durch den Wunsch und die Besessenheit nach Kompensation bzw. Verbrennen aller eingenommenen Kalorien, mit exakter Berechnung der dafür nötigen Verbrennung oder aber auch „nur“ den Wunsch zur körperlichen Aktivität bis zur Erreichung eines Gefühls von Leere aus. Eine weitere sportspezifische Essstörung ist die Anorexia athletica, die in der Fachwelt besser etabliert ist als die oben erwähnte Exercise bulimie. Die Anorexia athletica greift das Problem auf, dass sich der BMI bei Sportlern häufig noch im Normalbereich bewegt und nicht die in den Diagnosekriterien der Anorexia nervosa geforderten 17.5 kg/m2 oder weniger beträgt. Malte Claussen weist hier auf das Problem der herkömmlichen Vermessung der Körperproportionen  anhand des BMI (Body-Mass-Index) bei Sportlern hin: „Dieser Index ist auf Nicht-Sportler ausgerichtet. Muskeln sind aber schwerer als Fett und so werden Sportler oft im Glauben gelassen, sie hätten einen noch einen „normalen“ BMI. Die Jagd nach dem perfekten Körper geht weiter, obwohl die Fettmasse bereits sehr tief ist.“ Dass die geringe Fettmasse oft nicht so offensichtlich oder messbar ist, macht sie aber nicht weniger gravierend.

Für ein gestörtes Essverhalten und Essstörungen und ihre verschiedenen Ausprägungen im Sport gibt es laut Ewers et al. (2017) verschiedene Risikofaktoren. Dabei unterscheidet man zwischen prädisponierenden Faktoren, Triggerfaktoren und aufrechterhaltende Faktoren. Während die prädisponierenden Faktoren allgemeine fördernde Faktoren für gestörtes Essverhalten sind (z.B. geringes Selbstwertgefühl, seelische Probleme, Familienmitglieder mit einer Essstörung), gelten Diäthalten, Gewichtsschwankungen oder frühe Aufnahme sportspezifischen Trainings als typische Triggerfaktoren. Unter den aufrechterhaltenden Faktoren versteht man zum Beispiel das Verhalten von Trainern oder sich nach einem ersten Gewichtsverlust einstellende Leistungssteigerungen.
Sportsucht und/ oder Essstörungen stellen häufig schwere psychische Erkrankungen dar, die nach Claussen einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung durch einen Facharzt bedürfen, wie sie zum Beispiel in der Spezialsprechstunde Sportpsychiatrie und -psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich angeboten wird.
 
Dieser Blogbeitrag wurde verfasst von: Marion Aebi
 
Quellen:

 
 
 
 
 

Laufen als Therapie

Kategorien

Wer kennt sie nicht, die Momente, in denen man sich traurig, einsam oder gar niedergeschlagen fühlt? Doch wie erkennt man eine aufkeimende Depression, was sind die Auslöser – und welchen Einfluss haben dabei Sport und Bewegung? Eine Bestandesaufnahme.
Stimmungstiefs gehören zu unserem Leben dazu – wo Licht ist, da sind immer auch Schatten. Was aber, wenn die Schatten grösser werden – und wir dadurch als Folge…
…unser Selbstvertrauen verlieren,
…nicht mehr schlafen können,
…uns erschöpft fühlen,
…uns nicht mehr konzentrieren können,
…die Freude und das Interesse an vielen Dingen verlieren,
…ängstlich und nervös sind oder oft Kopfschmerzen haben,
…über Magenprobleme, Rücken- oder andere Schmerzen klagen,
…keine Lust auf Sex haben,
…und uns für alles zuerst überwinden müssen?
Treten drei oder mehrere der oben genannten Symptome gleichzeitig und während mindestens 14 Tagen auf, können sie auf eine depressive Erkrankung hinweisen. Eine Depression ist dabei so individuell wie der Mensch, der unter ihr leidet. Und ebenfalls wichtig zu wissen: Eine Depression unterscheidet sich von einem Stimmungstief. Wer depressiv ist, hat grosse Mühe, im Alltag zu bestehen und soziale Kontakte zu pflegen. Arbeitsunfähigkeit kann eine Folge davon sein. Im deutschsprachigen Raum leiden rund 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben an einer Depression.

Auslöser einer Depression

Die Ursachen einer Depression sind vielschichtig und nicht vollumfänglich geklärt. Mögliche Auslöser können anhaltender negativer Stress sein, belastende Lebenssituationen, traumatische Kindheitserlebnisse, Mobbing, Arbeitslosigkeit, der Tod eines geliebten Menschen, Alkohol- und Drogensucht sowie viele weitere Gründe, etwa auch eine erbliche Komponente.
Das Krankheitsbild einer Depression ist nicht immer offensichtlich. Denn viele depressive Menschen halten sich nicht für krank, sondern für Versager. Dabei ist die Depression aus medizinischer Sicht eine Krankheit. Viele Fachleute vermuten, dass für eine Depression unter anderem ein Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn (sogenannte Neurotransmitter) verantwortlich ist. In der Therapie werden deshalb Medikamente eingesetzt, die dieses Ungleichgewicht im chemischen Haushalt des Gehirns wiederherstellen sollen.

Kann Sport helfen?

Depressionen lassen sich im Allgemeinen gut ambulant behandeln. Zur Verfügung stehen verschiedene psychotherapeutische Methoden, Medikamente sowie seltener auch Lichttherapie, Wachtherapie (Schlafentzug) und in ganz schweren Fällen die Elektrokrampfbehandlung. Ist die Depression sehr schwer oder droht gar Suizidgefahr, ist eine Hospitalisation hilfreich.
Auch Sport kann einen positiven Einfluss auf den Verlauf einer Depression ausüben. Dass Bewegung bei psychischen Problemen helfen kann, ist keine neue Idee. Doch erst seit einigen Jahren untersucht die moderne Medizin mit wissenschaftlichen Methoden, inwieweit Sport sich konkret dazu eignet, die Schatten von der Seele depressiver Menschen zu vertreiben.
Amerikanische Forscher teilten 156 Patienten mit Depression nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen ein. Eine Gruppe wurde rein medikamentös behandelt, die zweite nahm Medikamente ein und absolvierte zudem regelmässig ein spezielles Ausdauertraining, und die dritte Gruppe betrieb lediglich das Sportprogramm. Fazit: Die besten Ergebnisse wurden mit der Kombination aus Sport- und Medikamenten-Therapie erzielt. Regelmässiges Ausdauertraining alleine hatte eine vergleichbar stimmungsaufhellende Wirkung wie die alleinige Behandlung mit Antidepressiva. In Sachen Rückfallquote schnitt „Sport pur“ sogar am besten ab.

Ausdauersport besonders geeignet

Hauptsache regelmässig! Untersuchungen zeigen, dass die stimmungsaufhellende Wirkung körperlicher Bewegung sich schnell wieder verflüchtigt, wenn die Depressionspatienten längere Pausen einlegen. Zwar gibt es keine offiziellen Leitlinien, aber ein- bis zweimal pro Woche sollte man schon die Sportschuhe schnüren. Ausdauersportarten wie Laufen, Radfahren oder Schwimmen sind Studien zufolge als Mittel gegen Depressionen besonders gut geeignet. Nicht übertreiben, lautet die Devise, vor allem zu Beginn einer regelmässigen Sportaktivität. Das Sportprogramm sollte sich immer an der körperlichen Leistungsfähigkeit orientieren, damit es zu einem positiven Erlebnis wird.
Mittlerweile gilt es als wissenschaftlich erwiesen, dass Bewegung und körperliche Aktivität bei leichten bis mittelschweren Depressionen ein wirksames Therapeutikum sind. Und auch in schweren Fällen kann Sport zumindest eine wertvolle Unterstützung zu Antidepressiva und Psychotherapie sein. Dennoch sollten Betroffene nicht versuchen, der Erkrankung in Joggingschuhen davonzulaufen. Problematisch dabei ist, dass einerseits der Bewegungsdrang von depressiven Menschen eher eingeschränkt ist, und andererseits kann exzessiv betriebener Sport auch ein Hinweis auf eine Depression sein. Auf jeden Fall stellen Depressionen eine ernstzunehmende Problematik dar und erfordern die Behandlung durch einen qualifizierten Arzt beziehungsweise durch einen Psychotherapeuten. Dass Sport dabei eine gute Therapieoption darstellt – ob allein oder in Kombination mit Medikamenten – ist mittlerweile auch den meisten Medizinern und Psychologen bewusst.
pnDr. med. Patrik Noack ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Manuelle Medizin und Sportmedizin. Er arbeitet bei Medbase Abtwil als Co-Leiter Medizin.