Soziale Unterschiede im Schweizer Laufsport

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Der Laufsport ist in der Schweiz weit verbreitet. Doch wie sieht ein Vergleich über verschiedene Regionen und soziale Schichten aus? Im Gespräch mit Sportsoziologe Markus Lamprecht erfuhren wir mehr dazu.
Um die Verbreitung des Laufsports in der Schweiz und im Vergleich mit anderen Ländern zu verstehen, müssen wir uns zunächst die Unterschiede im Sportverständnis verschiedener Ländern anschauen. Markus Lamprecht unterscheidet zwischen dem Sport als Leistungssport und dem Sport als Gesundheitssport. Ersterer bezieht sich auf das Verständnis von Sport, bei dem vor allem die messbare Leistung im Zentrum steht, während für letzteres die physischen und psychischen Vorteile des Sports für die Gesundheit von Bedeutung sind. Laut Lamprecht gibt es die Tendenz, dass Länder weiter südlich eher ein „klassisches“ Sportverständnis im Sinne des Leistungssports haben, während Länder im Norden den Sport auch als Mittel für die Gesundheit sehen. Wo Sport vor allem als Leistungssport gesehen wird, ist er auch weniger verbreitet, wie zum Beispiel in südeuropäischen Ländern wie Portugal oder Griechenland. Ganz anders sieht es aber in Skandinavien aus, wo sogar noch mehr Sport betrieben wird als in der Schweiz. Lamprecht führt dies auf die dort tief verankerte Tradition der Bewegung in der freien Natur über alle Altersklassen zurück.

Mit Sport werden im neuen, differenzierten Sportverständnis Werte wie Spass, Naturerlebnis, Gesundheit, Wohlbefinden oder persönliche Erfüllung verbunden. Natürlich gibt es auch im neuen Sportbegriff den Leistungssport. Jedoch ist er, anders als im älteren „klassischen“ Sportbegriff, nur ein Teil des gesamten Sportsystems. Verschiedene Verständnisse äussern sich in einem unterschiedlichem Sportverhalten und in der Wahl der Sportart. Wie in Skandinavien gibt es auch in der Schweiz eine grosse und lange Outdoor-Tradition.
Schauen wir uns nun spezifisch den Laufsport an. In der Schweiz laufen heute 23.3% der Bevölkerung regelmässig. In den letzten 40 Jahren ist der Laufsport stetig gewachsen (siehe auch Interview mit Markus Ryffel). Von 2008 bis 2014 (Publikationsjahr der Studie) ist der Anteil Läufer um weitere 5.7 Prozentpunkte angestiegen. Es sieht also nicht danach aus, dass dieser Trend schwächer geworden wäre. Markus Lamprecht erklärt aber, das Phänomen eines Mega-Trends, wie es das Laufen momentan sei, sei nichts Neues. Auch Turnen, Skifahren oder Tennis hatten ihre Boomjahre. Verschiedene Sportarten werden zu verschiedenen Zeiten auch mit mehr oder weniger Prestige verbunden. Die Leute laufen nicht nur, sie reden auch darüber. Dies war schon immer so, durch die sozialen Medien hat dies heute aber ganz neue Ausmasse angenommen. Über verschiedene Kanäle kann man seine Aktivitäten quasi in Echtzeit mit der ganzen Welt teilen.

Auf die Frage, warum denn gerade Laufen heute eine Mega-Trend-Sportart sei, nennt Markus Lamprecht den folgenden Grund: Laufen ist einfach, braucht wenig Organisation und lässt sich sehr gut differenzieren. Damit ist gemeint, dass es sich auf unterschiedlichen Niveaus ausüben lässt, und es ausserdem viele Möglichkeiten und Unterkategorien umfasst. Das heisst, jeder kann für sich auf seinem eigenen Niveau laufen und dabei ausserdem zwischen verschiedenen Formen auswählen, sei es Waldlauf, Trailrunning, Strassenlauf, Hindernislauf, oder anderes. Man kann so schnell laufen wie man will, so lange wie man will oder auch mit wem man will. Damit unterscheidet sich das Laufen von Sportarten wie zum Beispiel Handball, wo man auf eine Mannschaft angewiesen ist, die dann gemeinsam in einer bestimmten Leistungsklassen aktiv ist. Beim Laufen ist also die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass die ganz persönlichen Möglichkeiten und Ansprüche befriedigt werden können. Laufen ist zudem auch eine sehr beliebte Zweit- und Drittsportart.
Bei der soziodemografischen Verteilung des Laufsports in der Schweiz sieht man folgendes Bild:

Grafiken aus Sport Schweiz 2014 Factsheet Sportarten, Bundesamt für Sport BASPO, Grafik 1 links, Grafik 2 rechts
In der Grafik 1 ist ersichtlich, dass etwas mehr Männer laufen als Frauen. Jedoch ist der Unterschied minim und wird vor allem durch den klar höheren Anteil 30-44 jähriger Männer, im Vergleich zu Frauen im gleichen Alter erklärt. Wie in der 2. Grafik zu sehen ist, sind Frauen bei den 19-29-Jährigen sogar stärker vertreten als Männer, während die letzteren zwischen 30 und 44 Jahren um ca. 9 Prozentpunkte höher liegen. Ab 45 sind dann die Unterschiede wieder geringer. Die Erklärung für den geringeren Anteil Frauen zwischen 30 und 44 sind Schwangerschaften und Mutterschaft, die körperliche und aber vor allem auch zeitliche Einschränkungen mit sich bringen.
Weiter demografische Unterschiede sieht man bei den Sprachregionen. Dort ist die Deutschschweiz deutlich stärker vertreten als die französische Schweiz und die italienische Schweiz. Auch hier kann wieder die unterschiedliche Sportkultur zur Erklärung herbeigezogen werden. Laut Markus Lamprecht gibt es auch innerhalb der Schweiz verschiedene Sportverständnisse, die  sich in einem unterschiedlichen Freizeitverhalten in den jeweiligen Region widerspiegeln. Die Deutschschweiz habe eine stärkere Tradition des Bewegens in der Natur, wie zum Beispiel beim Wandern oder Velofahren, und es stehe auch der Gesundheitssport und der Sport im Alter mehr im Fokus als in der restlichen Schweiz.

Die verschiedenen Sprachregionen widerspiegeln das Sportverständnisses ihrer Nachbarländern. Das heisst, das Sportverständnis der Romandie orientiere sich eher an Frankreich, jenes im Tessin an Italien und jenes in der Deutschschweiz an Deutschland.
Mit Blick auf die Nationalität sehen wir nur sehr geringe Unterschiede. Bei den in der Schweiz lebenden Ausländerinnnen und Ausländer ist Laufen also etwa gleich populär wie bei der einheimischen Bevölkerung. Wenn man jedoch die Mitgliedschaften in Vereinen anschaut, sieht es laut Lamprecht etwas anders aus. Hier seien die Ausländerinnen und Ausländer untervertreten. Da es in der Schweiz eine lange Vereinstradition gibt, seien die Schweizer bei den Mitgliedschaften in Vereinen klar stärker vertreten als die ausländische Bevölkerung. Jedoch ist dies fürs Laufen wenig relevant, da, wie in der untenstehenden Grafik 3 zu sehen ist, nur gerade 2% der Läufer das Laufen in einem Verein betreiben. Der geringe Ausländeranteil in Laufvereinen habe also weniger mit Diskriminierung zu tun, sondern läge eher an der geringeren Ausprägung der Vereinskultur in den jeweiligen Herkunftsländern.

Grafik 3 aus Sport Schweiz 2014 Factsheet Sportarten, Bundesamt für Sport BASPO
Unter Ausländern selber seien aber die Unterschiede im Sportverhalten punkto Alter und Geschlecht eher stärker ausgeprägt als unter Schweizern, ergänzt Herr Lamprecht. In den Herkunftsländern vieler Immigranten überwiegt immer noch das alte Leistungssportverständnis und Sport werde vor allem von jungen Männern betrieben. Ältere Personen und Frauen würden weniger Sport treiben, nicht zuletzt, weil sie auch weniger sportliche Vorbilder hätten.
Eigentlich gibt es im Laufsport durch seine freie Ausübungsart und die geringen Materialausgaben auch für tiefere Einkommensschichten kaum Barrieren. Deshalb ist es auch erstaunlich, dass man gerade hier klare Einkommensunterschiede sehen kann. Es gibt einen deutlichenZusammenhang zwischen der Höhe des Einkommens und der Laufaktivität. Bei Sportarten wie zum Beispiel Reiten oder Velofahren, die mit mehr Aufwand und Kosten verbunden sind als das Laufen, gibt es diesen Einkommenseffekt weniger. Warum das? Herr Lamprecht verweist hier auf die  unterschiedlichen Lebensbedingungen. Da Leute aus tieferen Einkommensschichten oft eher körperlich anstrengende Arbeiten erledigten, hätten diese weniger das Bedürfnis sich zusätzlich dazu noch sportlich zu betätigen. Dies gelte für Sport allgemein, besonders aber für das Laufen, das häufig von Nichtsportlern als etwas monoton empfunden wird. Mitglieder höherer Einkommensschichten gehen oft Arbeiten nach, die vor allem im Sitzen erledigt werden, weshalb sie auch ein grösseres Bedürfnis nach zusätzlicher Bewegung haben.
Leute in höheren sozialen Positionen bewegen sich ausserdem oft automatisch in einem Umfeld geprägt von Leistungs- und Gesundheitsorientiertheit, weshalb diese oft auch im Sport Ambitionen hegen. Die Unterschiede zwischen den Einkommensschichten scheinen also viel weniger von finanziellen Faktoren abzuhängen, als vom jeweiligen Lebensstil einer Bevölkerungsgruppe.
Laut Herr Lamprecht hat es schon verschiedene Bemühungen gegeben, die untervertretenen Teile der Bevölkerung im Laufsport und Walking einzubinden. Zwischen 1996 und 2008 lief zum Beispiel das nationale Förderprogramm «Allez Hop», das Lamprecht als « Erfolg» bezeichnet. Vor allem die Zahl and Walker/innen sei dadurch rasant angestiegen. Man versuche weiterhin, die Schwelle herabzusetzen für Leute, die sich bisher kaum sportlich betätigten. Viele Projekte liefen auch auf kantonaler oder lokaler Ebene.
Mehr Infos zum Thema Sport in der Schweiz findest du im umfassenden Rapport des Bundesamts für Sport (BASPO) aus dem Jahr 2014.

Dieser Blogbeitrag wurde verfasst von: Marion Aebi

Quelle: Lamprecht, M., Fischer, A., & Stamm, H. Sport Schweiz 2014 – Factsheet Sportarten. Bundesamt für Sport (BASPO).

Der GP Bern 2017: statistische Fakten

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Mit 29’773 klassierten Läuferinnen und Läufer verzeichnet die 36. Ausgabe des GP Bern einen neuen Rekord. Als offizieller Trainingsplan-Partner war auch running.COACH mit von der Partie. Und die Rangliste eines solchen Laufevents liefert einige spannende Fakten. Fünf davon haben wir für euch herausgepickt.

So wenig Stundenknacker wie noch nie

Dieses Jahr knackten weniger als 100 Läuferinnen oder Läufer die Stundenmarke für die coupierten 10 Meilen – so wenig wie noch nie in der Geschichte des GP Bern. Und dies obwohl die Anzahl Finisher im Verlaufe der Jahre um ein Vielfaches zugenommen hat. Zu den Anfangszeiten des GP Bern liefen rund 5-7% des Feldes unter einer Stunde, bei der diesjährigen Austragung waren es lediglich 0.3%. Einerseits waren wohl die Bedingungen für schnelle Zeiten nicht optimal, andererseits widerspiegelt dies den Trend, dass Laufen vorwiegend ein Gesundheitssport wurde und nicht nur auf den Leistungssport fokussiert ist.

Anzahl Personen unter einer Stunde im Jahresvergleich

Die Verteilung der Finisherzeiten

Da eben nur 0.3% aller Teilnehmenden unter einer Stunde gelaufen sind, war der grosse Rest der Läuferschar zwischen einer und zwei Stunden unterwegs. Die meisten Läuferinnen und Läufer absolvieren die coupierte 10-Meilen-Strecke in einer Zeit zwischen 80 und 90 Minuten (siehe Grafik). Das heisst, dass sie im Schnitt zwischen fünf und fünfeinhalb Minuten für einen der 16.093 Kilometer benötigen. Die meist gelaufene Zeit liegt bei 1:24:00.

Verteilung der GP-Finisherzeiten

Der stärkste Jahrgang

1982 sind sie geboren – die schnellsten Läuferinnen und Läufer des GP Ausgabe 2017 und benötigten durchschnittlich 1:25:12 für die 10 Meilen. Wobei die Jahrgänge 1983 und 1974 leistungsmässig nicht weit hinterherhinken. Die besten Zeiten werden generell zwischen 35 und 40 Jahren gelaufen, anschliessend steigen die Durchschnittszeiten fast linear mit dem Alter. Wobei auch Läufer über 50 Jahre noch unter eine Stunde laufen, wie die Kategorie M55 zeigt.

Leistung der einzelnen Jahrgänge

Die meisten Läufer pro Jahrgang

Mit 86 Jahren am GP Bern erfolgreich teilnehmen? Das geht, wie uns der älteste Teilnehmer bewiesen hat. Die meisten Läufer sind jedoch Mitte 30, auch hier schwingt der Jahrgang 1982 mit über 450 Teilnehmenden oben aus. Die Grafik zeigt, dass die grosse Masse der Teilnehmenden zwischen 25 und 50 Jahre alt sind. Jüngere scheint der Ausdauersport noch nicht so sehr anzuziehen, Ältere wechseln mit zunehmendem Alter auf kürzere Distanzen.

Anzahl Läufer/innen pro Jahrgang

running.COACH Prognose

Um die 600 Teilnehmenden des GP Bern haben den Wettkampf im running.COACH als Wettkampf angegeben. Wir haben untersucht, wie genau unsere Wettkampfprognose war. Das Ergebnis: Im Durchschnitt waren die running.COACH-User 1.4% langsamer, als wir vorausgesagt haben. Um das zu verdeutlichen: Bei einer Zeit von beispielsweise 1:24:00 wären das eine Minute und 10 Sekunden. Ob dieses schlechtere Abschneiden an den unerwarteten warmen Temperaturen gelegen hat, bleibt natürlich nur eine Vermutung. So oder so, dran bleiben und wir freuen uns bereits jetzt auf den GP Bern im nächsten Jahr. Keep on running.

Im Durchschnitt waren die running.COACH User 1.4% langsamer als die Prognose


Dieser Blogbeitrag wurde von Stefan Lombriser verfasst, welcher selber ein Stundenknacker ist und den diesjährigen GP erfolgreich in 59:34 beendet hat. Stefan arbeitet als Geschäftsführer von Quevita AG/running.COACH und ist selbst begeisterter Läufer, OL-Läufer und Multisportler. Diese Leidenschaft für den Laufsport versucht er tagtäglich als Mitentwickler der ersten Stunde in den running.COACH hineinzubringen.
Titelfoto: swiss-image.ch