Traum Olympia – Liegt die Zukunft des Laufsports in Indien?

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Kannst du eine/n indischen Olympiamedaillengewinner/in im Mittel- oder Langdistanzlauf nennen? Nein? Tja, kein Wunder – es gibt keine/n. Lies hier, wie Karan Singh die mit seinem Projekt ändern will und indische Kinder zu zukünftigen Olympischen Champions machen will.
„Mein Name ist Karan Singh und ich bin der Cheftrainer der Indian Track Foundation in Ooty (Disktrikt Nilgiris, Indien). Meine Lebensmission ist es, Olympische Meister in der Leichtathletik für Indien hervorzubringen. Zusammen mit meiner Familie zog ich 2018 nach Ooty, um meinen Traum für Indien zu verwirklichen.“
So stellt sich der 33-Jährige selber vor. Was er hier nicht erwähnt, ist, dass er selber für professionelle Lauf-Teams wie Team Run Eugene oder Eugene Health and Performance in den USA gelaufen ist und dort während fünf Jahren trainiert und zahlreiche nationale Bahn- und Strassenrennen gewonnen hat. Neben seiner Karriere als Läufer schloss Karan ein postgraduales Studium an der Oxford Brookes University (Grossbritannien) ab, spielte Cricket auf hohem Niveau und arbeitete mit leitenden Sportorganisationen wie Nike und ESPN-Star Sports zusammen. Wir wollten mehr über Karan und sein Projekt erfahren…
Wie wurdest du zum Läufer in Indien, einem Land, das nicht wirklich als ein Land von Läufern bekannt ist?
Ich begann zu laufen, weil ich Talent hatte. Mein Ziel war es, Indian an den Olympischen Spielen 2012 in London zu repräsentieren. Meine Inspiration war Steve Prefontaine, der legendäre US-amerikanische Läufer. Als ich mit dem Laufen begann, wollte ich wie Steve sein und den Laufsport mitprägen, so wie er es tat. Ich liebe das Laufen, es ist meine Leidenschaft. Es ist so „echt“: du bekommst genau soviel zurück, wie du in es investierst. Ach, und du würdest staunen, wie populär der Laufsport hier geworden ist! Es überwältigt mich immer wieder…
Aber warum haben denn trotzdem immer noch keine indischen Läufer/innen eine Olympischen Medaille gewonnen?
Dafür gibt es so viele Gründe, dass ich ein Buch darüber schreiben könnte. Unser System schafft die nötigen Bedingungen nicht, um diese Medaillen zu produzieren. Wir haben das Talent und langsam beginnen wir auch gute Leistungen indischer Athleten auf globalem Niveau zu sehen. Aber uns fehlt noch die richtige Kultur für den Erfolg. Die Bedingungen in Bereichen wie Training, Coaching, Möglichkeiten und Wettkämpfen auf lokaler sowie nationaler Ebene erlauben es den Athleten nicht, ihren Sport auf Weltklasse-Niveau auszuüben. Als Athlet willst du Teil etwas Besonderes sein und du musst dich wertgeschätzt fühlen. Natürlich muss man Ziele haben und diszipliniert sein, aber man braucht vor allem ein positives und unterstützendes Umfeld, dass einen auf  seinem Weg begleitet. Diese Mentalität fehlt in Indien vielerorts.
Was war deine Motivation, um die Indian Track Foundation zu gründen und wie sieht sie aus?
Nach meiner Zeit in den USA zog ich zurück nach Indien mit der folgenden Mission im Kopf: junge Athlet/innen coachen und Indien auf die globale Leichtathletik-Karte setzen. So entstand die Indian Track Foundation. Die Idee ist es, Talente aus verschiedenen Stämmen und ruralen Gebieten Indiens zu scouten, zu beherbergen, auszubilden und im Namen der Olympischen Mission zu trainieren. Indien und Leichtathletik sind meine grossen Leidenschaften und ich habe mein ganzes Leben auf diese ausgerichtet. Mit grossen Missionen wie dieser kann man nicht scherzen. Sie müssen die grosse Treibkraft in deinem Leben sein und sogar noch vor der Familie kommen (meistens). Man muss bereit sein, Opfer zu bringen. Meine Frau ist extrem wichtig in diesem Projekt. Sie hat Verständnis für meine bedingungslose Hingabe zu dieser Mission. Ich, meine Frau und meine Tochter leben zusammen mit den 10 Kindern und Jugendlichen (10-15 Jahre) unserer Stiftung in einem grossen Zuhause, wie eine Familie. Unser Projekt begann 2017, als wir auf Talentsuche gingen. Richtig loslegen mit dem Projekt in Ooty konnten wir aber erst im August 2018.


Du sagst, deine Athlet/innen gehören verschiedenen Stämmen an. Welche Stämme sind gemeint und woher kommen diese?
Wir haben unsere Athlet/innen von den Stämmen Munda und Birhor im Disktrikt Jharkhand und Siddi im Disktrikt Gujarat rekrutiert. Diese Kinder sind natürliche Jäger und Nachfahren der Bantu und Stämmen aus der Sub-Sahara, welche von den Arabern und Briten von Afrika nach Indien gebracht wurden. Sie besitzen ein natürliches Talent fürs Laufen und damit die perfekten Voraussetzungen, um Olympische Meister zu werden.
Gibt es wissenschaftliche Beweise dafür, dass Mitglieder dieser Stämme ein besonderes Talent fürs Laufen haben?
Nein, da diese Stämme kaum aus ihren Dörfern herauskommen und sehr isoliert leben, sind sie auch noch kaum entdeckt und erforscht worden. Ich habe aber diese Kinder mit meinen eigenen Augen durch Dschungel und Dörfer rennen sehen. Ich stütze mich bei meiner Selektion auf meine Beobachtungen und auf mein Auge für Talent. Der Haupt-Scout unserer Stiftung spielt auch eine wichtige Rolle bei der Identifizierung und Rekrutierung der Talente. Er hat eine riesige Erfahrung.
Wie finanziert sich die Stiftung und wie sieht es mit der Ausbildung für die Kinder aus?
Die Indian Track Foundation hat einen Vorstand, welcher Spenden für unser Projekt sammelt. Ich investiere auch meine persönlichen Mittel in die Stiftung. Die Kinder werden zuhause unterrichtet, aber wir haben eine Zusammenarbeit mit einer Schule, wo die Kinder einmal pro Jahr ihre Examen ablegen können. Sie werden in Englisch, Hindi, Grammatik, Geschichte, Wissenschaft (Biologie, Chemie und Physik) und Mathematik unterrichtet. Als Lehrperson haben wir eine liebenswerte Dame gefunden, die unsere Ansprüche erfüllt und mit der wir super zusammenarbeiten können.
Ihr lebt nach dem Motto „Essen, beten, trainieren, schlafen, wiederholen“. Welcher Religion gehören du und die Kinder an und wie kombiniert ihr diese?
Ich, meine Frau und meine Tochter sind Hinduisten, während meine Athlet/innen allen möglichen Religionen angehören: vom Christentum über Hinduismus bis hin zu Sarnaismus. Wir beten zusammen ohne jegliche Trennung. Wir gehen gleich oft zur Kirche wie in den Tempel, immer alle zusammen. In unserem Zuhause haben wir einen Gebetsraum, wo Götter und Göttinnen der meisten Religionen der Welt vertreten sind. Das war die Idee meiner Frau. Wir lieben es, zusammen zu beten. Es bringt uns näher zusammen als eine Familie.
Gibt es die Indian Track Foundation nur in Ooty oder habt ihr noch andere Trainingszentren in anderen Teilen des Landes?
Das Zentrum liegt in Ooty (Tamil Nadu, Indien). Zusätzlich dazu haben wir momentan drei kleinere Abteilungen in Dörfern, von wo aus weitere Athlet/innen gescoutet werden. Ich leite ausserdem einen Bahn-Klub in Neu Delhi, den Indian Track Club. Dorthin reise ich alle 2-3 Wochen, um Zeit mit den Kindern dort zu verbringen.
Hast du Assistenten oder coachst du ganz alleine?
Ich coache alleine, bin aber daran, eine Assistenztrainerin auszubilden. Die 19-jährige ist auch Aufseherin der Gruppe. Auch sie ist von einem der Stämme. Sie hat mir bisher bei allen Grundkomponenten wie dem Putzen, dem Trainieren, dem Lernen und bei persönlichen Problemen und Anliegen der Kinder als rechte Hand gedient.
Wie sieht deine Trainings-Philosophie aus?
Meine Philosophie stützt sich auf das Verstehen des Individuums sowohl als Person als auch als Athlet/in. Das Training ist deshalb auf alle individuell zugeschnitten. Das habe ich in den USA gelernt: man kann nicht einfach einen Plan aufstellen und dann machen alle das Gleiche. Obwohl wir meist in Gruppen trainieren, haben alle innerhalb der Gruppe unterschiedliche Ziele mit dem Training und führen es so durch, wie es für sie am besten ist (siehe Video von gemeinsamem Training unten). Ich glaube an langsichtige Entwicklung und an Qualität. Jedes Training muss ein Ziel haben. Ein Training ohne Plan oder Vorfreude zu starten macht für mich einfach keinen Sinn. Das Training sollte ausserdem ein Mix sein, besonders für junge Athlet/innen, die sich noch entwickeln müssen. Ihr Körper muss sich genügend erholen können und geschont werden. So kann man Verletzungen und Überbelastungen verhindern. Das absolut wichtigste für mich ist jedoch, dass die Kinder den Spass ihres Lebens haben! Neben einer starken Arbeitsmoral ist Spass ein Schlüsselfaktor zum Erfolg. Die Kinder absolvieren 2 intensive Einheiten pro Woche. Kurze und lange Einheiten variieren je nach Programm und diese können entweder hart oder lang sein, je nach mentaler und physischer Stärke des Individuums. Generell sind die harten Trainings aber eher kurz, da die meisten Kinder noch nicht soweit sind, lange harte Trainings zu absolvieren. Wir trainieren in der Regel für 2 Stunden, zweimal am Tag. Ab 13 Jahren versuche ich die Athlet/innen spezifisch auf Distanzen zu trainieren, behalte aber immer im Kopf, dass sie zunächst einmal ein gutes Grundniveau aufbauen und deshalb verschiedene Distanzen laufen sollen. Alle meiner Athlet/innen werden sich auf Distanzen von 400m und länger konzentrieren.

Wird auch alternativ trainiert? Und was ist mit Krafttraining und Koordination?
Wir machen viel Verschiedenes. Alternativtraining (Radfahren) machen wir oft, wenn wir Verletzungen auskurieren müssen. Wir arbeiten auch an motorischen Fertigkeiten, Grundkraft, Beweglichkeit und Schnelligkeit. Koordinations- und Laufstil-Übungen machen wir viele (siehe Kinder in Action in den Videos unten). Die kenianischen und äthiopischen Übungen sind fantastisch für Läufer!. Weisst du, Laufen ist der purste Sport der Welt! Das Talent das wir in der Indian Track Foundation haben ist wie fürs Laufen gemacht. Aber man muss den Kindern die richtige Struktur geben, damit sich ihr Potenzial entfalten kann. Man sieht es bei so vielen Topathleten: wenn die Struktur einmal stark ist, dann sind sie wie Maschinen. Dies braucht aber eine Menge Geduld und Durchhaltevermögen.

Wie oft werden die Kinder medizinisch untersucht und von wem?
Alle werden untersucht bevor sie im Zentrum in Ooty ankommen. Sie werden auf jegliche Krankheiten und Infektionen untersucht (von HIV über Tuberkulose bis hin zu Malaria). Danach werden regelmässig komplette medizinische Untersuchungen durchgeführt. Wir haben Ärzte, die wir anrufen können und wir haben Kontakte zu den Spitälern hier in Ooty sowie mit einem Physiotherapeuten.
Wie sieht es aus mit Wettkämpfen für die Kinder?
Es gibt ein paar Wettkämpfe, jedoch nicht so viele wie wir gerne hätten. Meine Athlet/innen sind in den Vorbereitungen für ihre erste Wettkampfsaison. Es stehen drei Wettkämpfe auf regionaler und nationaler Ebene bevor und ein paar lokale Meetings, an denen wir im Sommer teilnehmen wollen. Unsere Strukturen und Möglichkeiten für Wettkämpfe sind nicht so gut wie in anderen Ländern. Aber wir kommen langsam näher.
Aus welchem Grund wurde Ooty als Ort für das Projekt ausgewählt?
Vor allem weil Ooty so schön ist. Ausserdem sind die Wetterbedingungen perfekt. Die Temperaturen liegen stets zwischen 18 und 25°C. Die Sonne scheint durch den Tag (nicht zu stark) und in der Nacht wird es etwas kühl, aber wir haben nie Schnee. Juni bis August ist Regenzeit, da trainieren wir manchmal auch drinnen. Alles in allem ist es der ideale Ort für ein Trainingszentrum. Die Höhe (2250-2300m über Meer) ist natürlich auch ein Faktor. Die Kinder müssen sich zuerst daran gewöhnen, da sie alle von Orten auf Meereshöhe kommen. Dies dauert ein paar Tage. Aber die Effekte der Höhe auf Training und Entwicklung sind so immens, dass ich sie kaum beschreiben kann. Die Kinder sind kürzlich ihren ersten lokalen Wettkampf gelaufen und sie waren sogar noch stärker, als ich gehofft hatte. Wenn man in so jungen Jahren in der Höhe trainiert, hat das enorme Auswirkungen. Es ist eigentlich ganz einfach: will man Olympiamedaillengewinner/in werden, muss man früh anfangen zu trainieren, ein simples aber glückliches Leben leben und in einem leistungsorientierten Umfeld hart arbeiten.
Hast du vom Norweger Gjert Ingebritsen und seinen schnellen drei Söhnen gehört? Sie fingen auch früh an zu trainieren…
Ja, natürlich habe ich von ihnen gehört. Sie sind brilliant in dem, was sie tun. Aber ich glaube, abgesehen vom frühen Start des spezifischen Trainings sind unsere Philosophien unterschiedlich. Coach Brother Colm hingegen, der irische Missionär, der in Kenya mehrere Weltklasse-Athlet/innen hervorgebracht hat, ist meine grosse Inspiration als Coach. Seine Kunst des Coachings, die Art, wie er die Talente und Bedürfnisse der Individuen bereits in jungen Jahren angeht – das alles beeinflusste mich massgeblich bei der Entscheidung, das Projekt zu starten.
Bist du zufrieden, wie dein Projekt nach einem Jahr aussieht? Wie viele deiner Athlet/innen werden wir an Olympischen Spielen zu sehen bekommen?
Ich hatte eine Vision. Aber die aktuelle Situation übertrifft meine kühnsten Träume. Ich bin stolz darauf, dass wir diese talentierten Kinder finden und für sie solch gute Strukturen und Bedingungen haben schaffen können. Ich glaube nicht, dass sowas oft gemacht wird! Unsere Ziele sind die Spiele 2028 und 2032. Ich kann es nicht in Zahlen sagen, aber ich glaube wir werden in den kommenden Jahren mehrere meiner Athlet/innen auf Olympischem Niveau sehen. 2024 ist wahrscheinlich zu früh. Aber man weiss nie, nichts ist unmöglich….
Verfasst von: Marion Aebi

Menstruation im Ausdauersport

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Die Menstruation hat noch immer einen Hauch eines Tabuthemas – auch im Sport. Dabei betrifft es mich und dich, Breitensportlerinnen genauso wie Spitzensportlerinnen.  Gemeinsam mit der Sportärztin Dr. med. Sibylle Matter (leitende Ärztin Sportmedizin Medbase Bern Zentrum) sowie den Spitzensportlerinnen Sabrina Mockenhaupt, Emma Pooley und Judith Wyder  nehmen wir in diesem Artikel verschiedene Aspekte zum Thema weiblicher Zyklus und Ausdauersport auf: Trainingsplanung nach dem Zyklus, Umgang mit Menstruationsbeschwerden sowie Amenorrhoe bei Sportlerinnen.
Dieser Artikel ist nicht nur für sportliche Frauen, sondern auch für deren Partner, Trainer, Trainingskollegen und alle Interessierten gedacht.
Dass die Menstruation eher ein Tabuthema ist, bestätigt Spitzensportlerin (ehemalige Orientierungsläuferin, Berg- und Trailläuferin) Judith Wyder. Auf die Frage, ob die Menstruation überhaupt ein Thema ist unter den Sportlerinnen, antwortet sie: „ Nicht, das ich wüsste. Obwohl wir viel mit dem Frauenteam unterwegs sind, ist es selten ein Thema und wird eher als Tabuthema gehandelt.“
Das bestätigt auch die Tatsache, dass es sich schwieriger gestaltete als angenommen, Spitzensportlerinnen zu finden, welche offen über ihren Zyklus berichten. An dieser Stelle ein grosses Dankeschön an Emma, Judith und Sabrina für ihre Beiträge.

Der weibliche Zyklus und das Training

Können die unterschiedlichen Phasen des weiblichen Zyklus auch für die Trainingsplanung genutzt werden?
Der weibliche Zyklus wird hormonell betrachtet in drei Phasen eingeteilt, welche durchaus auch einen Einfluss auf das individuelle Gefühl beim Training haben können, obwohl sich das eigentlich rein statistisch gesehen auf die sportliche Leistung nicht auswirkt, betont Dr. med. Sibylle Matter
1. Zyklustag = 1. Tag der Menstruation (= Beginn der 1. Phase): Menstruationsphase – auch am ersten Tag mit Blutungen sind durchaus Bestleistungen möglich, oft spielt der mentale Aspekt eine grosse Rolle. Leistungsmindernd sind dabei die oft auftretenden Schmerzen und Unterbauchkrämpfe während der Menstruation. Die interviewten Sportlerinnen setzen auf Tampons, wobei die Menstruationstasse sicher auch für Sportlerinnen eine interessante Option ist, ergänzt Dr. med. Sibylle Matter.
1. Phase: In der Follikelphase steigt der Östrogenspiegel, was insgesamt eher einen anabolen Effekt hat. Laut Dr. med. Sibylle Matter können deshalb Ausdauersportlerinnen die erste Zyklusphase für das Krafttraining nutzen und in diesem Zeitraum beispielsweise Maximalkraft trainieren.
Als 2. Phase kann man die (jedoch sehr kurze) Phase des Eisprungs bezeichnen, da dann kurzfristig Östrogen und Progesteron ansteigen.
3. Phase: In der Lutealphase dominiert nach dem Eisprung das Hormon Progesteron. Während den Tagen vor der Blutung leiden Frauen häufig am prämenstruellen Syndrom (PMS), was sich mit physischen sowie psychischem Unwohlsein und Wassereinlagerungen bemerkbar macht. „Das kann zu einem Leistungsabfall führen“, bestätigt Dr. med. Sibylle Matter, „wobei die jüngeren Athletinnen die Auswirkungen im Allgemeinen eher spüren und sich stärker darauf fokussieren.“
Fazit: Dr. med Sibylle Matter betont aber auch, dass es statistisch gesehen im Verlaufe des Zyklus kaum Veränderungen der sportlichen Leistungen und den entsprechenden Parametern innerhalb des Zyklus gibt, individuell allerdings sehr wohl. Sie empfiehlt Sportlerinnen mit einem regelmässigen Zyklus, die Phasen in Zusammenhang mit sportlicher Leistung zu bringen und entsprechend nutzen zu lernen.

Der Zyklus bei Spitzensportlerinnen

Wie empfinden Spitzensportlerinnen die verschiedenen Phasen des Zyklus und wie gehen Sie damit um?
Im Verlauf einer Karriere kann sich das Empfinden gegenüber den verschiedenen Phasen verändern. Generell können „ausgereifte“ Athletinnen die positiven Aspekte besser nutzen und passen das Training intuitiv an. Sie spüren mit der Erfahrung die verschiedenen Auswirkungen von Training, Erholung und Zyklus besser und können dadurch diese Einflüsse besser differenzieren und gezielt nutzen. Eher junge Athletinnen spüren die negativen Auswirkungen wie das PMS, psychische Schwankungen oder die Schmerzen während der Menstruation eher und fokussieren sich auch darauf. Sind die Beschwerden ausgeprägt nehmen sie deshalb oft die Pille oder andere hormonelle Verhütungsmethoden, um einen weniger schwankenden Hormonspiegel zu haben und die Beschwerden zu vermindern was ihnen folgend ein regelmässiges Training besser ermöglicht. Allerdings kann dabei je nach Präparat der positive Effekt des Östrogens weniger genutzt werden.
Judith Wyder hat ihr Training noch nie bewusst nach ihrem Zyklus geplant und aufgebaut. Sie passt das Training aber situativ an, wenn sie Beschwerden oder Unwohlsein aufgrund der Menstruation verspürt. Generell fühlt sie sich weniger agil und aktiv während der Menstruation. Ihr Trick: „Ich versuche dies als ‚normal‘ zu betrachten und schenke dem nicht viel Aufmerksamkeit.“ Judith nimmt die Hormon-Spirale Mirena und hat dadurch aktuell nur selten eine Blutung. Sie hat sie aber nicht deswegen einsetzen lassen, sondern weil diese nach diversen anderen Präparaten für sie am besten verträglich ist, da sie an sehr starken Bauchschmerzen litt. „Diese sind nun besser und kontrollierter und ich fühle mich im Alltag besser.“
Die Läuferin Sabrina Mockenhaupt hat jahrelang die Pille genommen, um den Zyklus zu steuern. Nach dem Absetzen hat sie Leistungsschwankungen wahrgenommen, welche sie so mit der Pille nicht hatte. Sie spürt den Zeitpunkt des Eisprunges gut und ihre Leistungsfähigkeit ist dann sehr gering. Beim Einsetzen der Menstruation hingegen fühlt sie sich meistens gut im Training.
Wie auch Judith Wyder nimmt Emma Pooley (Radfahrerin, Läuferin, und Triathletin) die Hormon-Spirale Mirena – bei ihr bleiben aber Blutungen dadurch aus: „Bevor ich die Mirena-Spirale hatte, habe ich unter Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfall gelitten während der Menstruation. Aufgrund der Spirale habe ich seit zehn Jahren fast keine Menstruation, obwohl der hormonelle Zyklus eigentlich trotzdem zykliert. Es ist aber schwieriger zu wissen, in welcher Phase des Zyklus ich bin!“

Gegner PMS: Beschwerden lindern


Das prämenstruelle Syndrom, kurz PMS, ist ein Sammelbegriff für verschiedene Beschwerden (wie z.B. Wassereinlagerung, Schweregefühl) an den Tagen bevor die Menstruation einsetzt. Diese Beschwerden können das normale Trainings- oder Wettkampfgeschehen für Athletinnen, aber auch für viele Breitensportlerinnen, aus dem Gleichgewicht bringen.
Was kann bei PMS helfen?

  • Die PMS-Symptomatik kann durch regelmässiges sportliches Training positiv beeinflusst werden. Einerseits kann das durch eine mögliche sportinduzierte Reduktion der weiblichen Geschlechtshormone erfolgen, ebenso können auch die zahlreichen neuroendokrinen Effekte verantwortlich sein, die durch die sportliche Aktivität ausgelöst werden.*
  • Als pflanzliches Mittel kann beispielsweise Mönchspfeffer bei PMS empfohlen werden.
  • Für eine Pille braucht es gemäss Dr. med. Sibylle Matter eine Besprechung und Verschreibung durch eine Ärztin oder einen Arzt, da es damit verbundene Risiken (z.B. Thrombose) gibt. Zudem sollte die individuelle Reaktion auf das Produkt besser vorgängig (nicht erst in der Wettkampfphase) ausgetestet werden.

Amenorrhoe im Sport

Nicht selten bleibt bei Sportlerinnen, auch viele Hobbysportlerinnen sind davon betroffen, die Menstruation aus, was als Amenorrhoe bezeichnet wird. Je nach Sportart und Leistungsniveau, sind es gemäss Dr. med. Sibylle Matter zwischen 10 bis sogar 60% welche betroffen sind. Im Vergleich dazu sind es nur 2-5% der inaktiven Frauen.
Bei  einer Amenorrhoe ist es für die weiteren Abklärungen und Suche nach der Ursache mit entscheidend, ob jemand bereits einmal die Menstruation hatte (sekundäre Amenorrhoe) oder noch keine bis Ende des 15. Lebensjahres (primäre Amenorrhoe).
Beide Formen der Amenorrhoe sind gerade bei Ausdauersportlerinnen verbreitet. Weshalb kommt es dazu? Die Ursachen sind vielfältig, doch bei Sportlerinnen beruhen die Zyklusstörungen oft auf einem regelmässig vorhandenen Energiedefizit. Zu den Zyklusstörungen gehören auch verlängerte Abstände von mehr als 6 Wochen zwischen den Menstruationsblutungen. Auch diese sollen als Warnsymptome des Körpers interpretiert und ärztlich abgeklärt werden.
Wenn der Zyklus länger als drei Monate ausfällt, braucht es eine fachspezifische Abklärung (Frauenarzt, Sportmedizin).
Denn ein länger andauerndes Energiedefizit kann folgende Probleme verursachen:

  • Verminderte Knochendichte
  • erhöhte Verletzungsanfälligkeit
  • psychische Probleme (kann auch Ursache sein für eine Amenorrhö)
  • Reduzierte Muskelmasse
  • Blutbildveränderungen
  • Herzrhythmusstörungen, etc.

Dr. med. Sibylle Matter betont, dass bei Spitzensportlerinnen ein langfristig vorhandenes Energiedefizit leider sehr oft zu einer ausgelaugten Situation mit Leistungsintoleranz bis hin zum Karriereende führt.
Emma Pooley bestätigt, dass Zyklusunregelmässigkeiten unter Sportlerinnen ein verbreitetes Problem ist: „Im Austausch mit Sport-Kolleginnen fällt mir auf, dass viele Frauen, die viel Sport machen, entweder sehr unregelmässige Zyklen haben, oder gar total amenorrhoisch sind. Bei mir war es auch so, bevor ich die Mirena Spirale hatte. Meistens ist das ein Zeichen, dass das Körpergewicht und der Fettanteil tief sind – hängt oft mit vielem Training und Spitzensport zusammen.“ Der unregelmässige Zyklus empfand Emma als Nachteil, weil dann die Menstruation immer zu einem ungünstigen Zeitpunkt einsetzte, beispielsweise beim Start eines Etappenrennens.
Zyklusstörungen bei Sportlerinnen sind NICHT normal, und eine fachspezifische Abklärung wird sehr empfohlen. Hier gibt es beispielsweise weiterführende Informationen zum Thema Amenorrhoe: https://www.mobilesport.ch/assets/lbwp-cdn/mobilesport/files/2018/10/ToolboxSportlerelternZH.pdf ; Abschnitt E.01: Wachstum und Entwicklung

Verfasserin Blogbeitrag: Stefanie Meyer
* Quelle: Sport und prämenstruelles Syndrom (Uni Bochum) 

Laufkarriere auch mit Baby

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Aus aktuellem Anlass findet ihr in der Blog-Serie „Laufend durch die Schwangerschaft und danach” einen Bericht über ein verpasstes Olympiamärchen.  
Vereinbarung von Job, Karriere und Mamisein ist ein Thema, welches bewegt und in unserer Gesellschaft immer wieder für Gesprächsstoff sorgt. Doch wie sieht es eigentlich aus, wenn Mami eine Sportkarriere verfolgt und nur alle vier Jahre die Olympischen Spiele durchgeführt werden? Lässt sich professioneller Sport mit einer Schwangerschaft, der Geburt und mit Kindern vereinbaren? Offensichtlich, denn unter Profisportlerinnen gibt es einige Mamis, auch an den Olympischen Sommerspielen in Rio.
Donnerstag, 7. Juli 2016: Eine Amerikanerin, kurz vor Dreissig, versucht bei den US-Trials in Eugene, Oregon, einen Olympiaplatz für den 1500m Lauf zu erlaufen. Sie fällt in ihrem Block deutlich ab und verpasst die Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele in Rio 2016 somit deutlich. Es ist Sarah Brown und hätte wohl nie so viel mediale Aufmerksamkeit erhalten, wäre sie nicht vier Monate zuvor Mutter der kleinen Abigail geworden.

Sarahs Post auf Instagram nach den Trials: “Today wasn’t the fairy-tale ending you dream about. But then again, this journey never really was about an ending, it’s a beginning. A new chapter as a family of three.”

Für Sarah war seit der Beginn der Schwangerschaft klar, dass sie ihre Karriere fortsetzt. Immer mit dem Ziel vor Augen, sich für die Olympischen Spiele in Rio zu qualifizieren. Entsprechend hat sie durch die Schwangerschaft hindurch trainiert und auch zwei Wochen nach der Geburt ihre Trainingsroutine wieder aufgenommen. Sie musste dafür viel öffentliche Kritik einstecken und wurde auch beschimpft.

Pure Unvernunft?

Sarah galt als Lauftalent und hatte grosse persönliche Hoffnungen in die Olympischen Sommerspiele in London 2012. Kurz davor verletzt sie sich jedoch und muss auf die Spiele verzichten. Mit dem Wissen, dass sie wieder vier Jahre Zeit hat, und ihren Blick bereits auf Rio 2016 gerichtet, hat sie ihr langfristiges Training nach der Verletzungspause wieder aufgenommen. Und die Erfolge stellten sich ein, besonders auch im Frühjahr 2015. Im folgenden Sommer jedoch erlebte sie einen plötzlichen Leistungseinbruch, welchen sie sich zuerst nicht erklären konnte. Bald kam der Verdacht auf, Sarah könnte wohlmöglich schwanger sein, doch der daraus resultierende Schwangerschaftstest fiel negativ aus. So trainierte sie weiter und setzte auf andere Trainingsmethoden, weil sie dort den Ursprung ihrer Probleme vermutete. Beim Diamond League Rennen in Monaco fiel sie aber so deutlich von ihren Konkurrentinnen ab, dass ein Arztbesuch unausweichlich wurde. Das Ergebnis des Bluttests: Sarah war trotz Verhütung mit der Kupferspirale ungeplant schwanger.

Olympische Sommerspiele 2016 in Rio trotz Baby?

Olympiaringe
Die Schwangerschaft hat ihre Olympiapläne zuerst völlig durcheinander gebracht. Sie und ihr Mann Darren, welcher gleichzeitig auch ihr Coach ist, entschieden sich aber schnell, ihr Trainingsprogramm weiterzuführen und den Traum einer Teilnahme an Olympischen Sommerspielen weiterzuträumen. Einerseits glaubte sie, dass ihr Körper, welcher unter den intensiven Trainingsumständen schwanger wurde, das Training auch schwanger weiter vertragen werde. Hinzu kam die Sorge, was eine Nicht-Teilnahme für ihre weitere sportliche Karriere bedeuten würde – die Verträge mit ihren beiden Sponsoren laufen Ende 2016 aus. Eine Teilnahme würde die Chance auf eine Fortführung ihrer Karriere erhöhen.

Sarah passt das Training ihrer Schwangerschaft an

Sarah senkte den Laufumfang sowie die Intensität während der Schwangerschaft und trainierte dafür mehr auf dem Crosstrainer. Auch Schwimmen und Krafttraining wurden Bestandteil ihres Sportprogramms. Von der 20. bis zur 24. Schwangerschaftswoche stellte sie ihr Training aufgrund von Schmerzen im Rücken ein, im dritten Trimester konnte sie jedoch wieder vier Mal pro Woche laufen. Rückblickend hat Sarah das Gefühl, dass sie das Lauftraining während der Schwangerschaft als Athletin stärker macht, weil es ab und zu ganz schön unbequem sein kann, schwanger zu laufen.

Sarah’s Lauftraining nach der Geburt

Nach der Geburt ihrer Tochter, Abigail, hat Sarah eine Woche pausiert und ist dann mit dem Training auf dem Crosstrainer wieder eingestiegen, um eine weitere Woche später wieder das Lauftraining aufzunehmen. Dazu gehörten bald auch wieder sehr intensive Einheiten, auf welche sie in der Schwangerschaft verzichten musste. Sechs Wochen nach der Geburt tauchten jedoch Rückenprobleme auf und es stellte sich heraus, dass sie während der Schwangerschaft eine genetisch bedingte Osteoporose entwickelt hat, welche zu Ermüdungsbrüchen im Brustwirbelsäulenbereich sowie beim Kreuzbein geführt hat. Einige Wochen musste Sarah mit Alternativtraining (Crosstraining, Schwimmen und Aquajogging) vorlieb nehmen und hat erst kurz bevor den US amerikanischen Trials ihr Lauftraining wieder aufgenommen. Trotz diesen medizinischen Komplikationen entschied sich Sarah für einen Start.
In einem Interview machte ihr Arzt die interessante Feststellung, dass eine Athletin auf dem Niveau von Sarah eine andere Voraussetzung hat für sportliche Aktivitäten während der Schwangerschaft. Zudem hatte sie jede dritte Woche eine Ultraschalluntersuchung, um sicherzustellen, dass das Baby in ihrem Bauch gut an Gewicht zunimmt. Interessant ist seine Aussage zum Puls.
Puls 

Was kann Frau nach der Schwangerschaft ihrem Körper zumuten? Ist es naiv, zu glauben, innerhalb von vier Monaten nach einer Geburt olympiafit zu sein?

Die amerikanische Filmemacherin Daniele Anastasion (ESPN) hat Sarah für den Sender ESPN auf ihrem sportlichen Weg durch die Schwangerschaft und bei ihrem Training nach der Geburt begleitet und fünf Kurzfilme dazu gedreht (die letzte Folge steht noch aus). Meine Gefühle beim Schauen der Filme waren sehr zwiespältig. Einerseits weil ich glaube, dass Sarah als Profisportlerin wirklich auf ihren Körper gehört hat und keine unnötigen Risiken, vor allem gegenüber dem Baby, eingegangen ist. Andererseits ist da der schnelle Wiedereinstieg und die intensiven Trainingseinheiten nach der Schwangerschaft, welche für ihren Körper wohl eine zu grosse Zumutung war. Dieselbe Verantwortung und Geduld, welche sie ihrem schwangerem Körper entgegenbrachte, hätte sie auch für ihren postnatalen Körper aufbringen sollen. Denn ihr Körper ist schliesslich ihr Kapital. Aber eben, die Olympischen Spiele sind nur alle vier Jahre, sie wird nicht jünger und der Laufsport ist eben ihr Beruf, ihre KARRIERE.
Wie wohl viele andere Eltern, lebt sie ihrer Tochter vor, dass es wichtig ist, sich Ziele zu setzen und diese zu verfolgen. Eines Tages wird Abigail wohl Stolz sein auf ihre Mutter, auch wenn Olympia in Rio für diese nur ein Traum blieb.

Sarah_Brown_espn

 
Die Dokumentarfilme bei ESPN waren leider nur kurz online. Auf Youtube habe ich lediglich die erste Episode gefunden. Sarah und ihr Mann haben auch einen Blog, wo sie über ihre Sportkarriere berichten.
Version 2Immer wieder infiziert mich der Virus der Olympischen Spiele – auch dieses Jahr habe ich mich bereits angesteckt und verfolge die Spiele interessiert. Gewisse Athletinnen beeindrucken mich bereits vor ihrem Einsatz besonders: Nicola Spirig, Jo Pavey und Jessica Ennis-Hill beispielsweise. Eines haben sie alle gemeinsam: Alle sind sie Mamis. #Olympiamum-Updates gibt es auf meiner Facebookseite.
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Stefanie Meyer ist begeisterte Läuferin und Ironwoman. Ihre Leidenschaft für den Sport lebt sie auch in ihrem Beruf als Sportwissenschaftlerin, Sportlehrerin und Laufcoach aus. Im Sommer 2014 verliess sie die Schweiz und lebt seither in London, wo sie – selber Mami – auf www.sportymum.net über Sport während und nach der Schwangerschaft bloggt. Seit der Geburt ihrer Tochter läuft sie wieder regelmässig an Wettkämpfen.