Die Geschichte zum 24-Stunden Höhenmeter-Weltrekord

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20’407 Höhenmeter in 24 Stunden – das sind die Zahlen zum Weltrekordlauf von Friedrich Dähler. Friedrich ist von Haus aus Radrennfahrer und Spezialist für Langdistanz-Wettkämpfe. Wie kam er also auf die verrückte Idee, den 24h-Höhenmeter-Weltrekord anzugreifen? Wie erlebte er den Rekordlauf? Wir haben nachgefragt und Friedrich hat running.COACH exklusiv Auskunft gegeben…

…zur Ausgangslage
Die Zeit Anfang August 2014 gehörte zu den schwierigsten meiner Sportkarriere. Ich war in Topform und der Start zur Tortour (Nonstop-Radrennen über 1000 km und 14’500 Höhenmeter) lag nur noch wenige Tage vor mir. Dann erlitt ich einen Bandscheibenvorfall und ich konnte mich während vier Wochen nur noch unter stärksten Schmerzen bewegen. An Sport oder etwas ähnliches war nicht mehr zu denken. Ein Freund, der ebenfalls bereits einen Bandscheibenvorfall hatte, erzählte mir, dass bei ihm das Bergaufgehen die Schmerzen linderte. So spazierte ich ein erstes Mal den Berner Hausberg Gurten und fuhr mit der Bahn wieder runter. Dies wiederholte ich in den folgenden Tagen und die Schmerzen nahmen wirklich ab. Weil ich damals ausserdem mein Studium beendete und den Job gekündigt hatte, um eine längere Reise zu unternehmen, hatte ich viel Zeit. Irgendwann ging ich dann zum nächsthöheren Berg, dem Niesen (2362 m.ü.M.) im Berner Oberland. Aus einmal Niesen wurden einige Wochen später drei Mal Niesen an einem Tag und so weiter. Die Idee für den Weltrekord kam dann von meiner Schwester.

Üblicherweise ist Friedrich Dähler auf dem Rad unterwegs
Üblicherweise ist Friedrich Dähler auf dem Rad unterwegs

…zur Vorbereitung
Mein Training für den Rekord sah dann nicht viel anders aus als das bisher bekannte Training für die Strassenrennen auf dem Rad. Ich baute pro Woche einfach noch ein bis zwei Berglauftrainings ein. Durch den Winter war ich meistens ein bis zwei Mal pro Woche am Gurten. Ab April trainierte ich einmal pro Woche am Niesen, dann machte ich den Aufstieg à je 1670 Höhenmeter meistens drei Mal. In der direkten Vorbereitung trainierte ich drei Mal auf der Weltrekordstrecke mit sechs bis elf Aufstiegen pro Training. Zudem bestritt ich als „Vorbereitungswettkampf“ den Niesenlauf, welcher mir die Bestätigung lieferte, für die Rekordjagd bereit zu sein.
Materialtechnisch verfügte ich dank Salomon über Top Material, welches ich dann den Besonderheiten der Strecke anpasste (Stöcke, Schuhe). Mental machte ich nichts besonderes, ich freute mich einfach auf die Herausforderung. Die Aufgabe an sich war einfach, ich musste ja nur bergaufgehen…

…zur Wahl des Ortes
Der Ort ist sehr entscheidend, damit ein Rekord überhaupt möglich ist. Ich liebe sehr steile Aufstiege mit möglichst wenig Flachpassagen. Ich analysierte verschiedene Orte, doch war Ennenda (Kanton Glarus, Schweiz) perfekt. Die Flachstrecke bis zum „richtigen“ Start ist nur knapp 400 Meter lang und danach steigt die Strecke auf ca. 2.6 km fast 1000 Hm an. Der steile Aufstieg selber bringt dir noch wenig, wenn du nicht eine schnelle Bahn hast. Die Aeugstenbahn braucht für die Retourfahrt nur 7.5 Minuten und die Verantwortlichen der Bahn waren von Beginn an begeistert von meinem Projekt. Alles Faktoren, die perfekt zusammenspielten.

Karte
Die Strecke bei Enneda, Kanton Glarus, Schweiz

…zur Logistik
Bei der Talstation hatte ich einen Camper mit allem Material. Auf der Strecke waren zwei Verpflegungsposten stationiert und an der Bergstation betreute mich mein Arzt, der jeweils einen kurzen Check machte. Das ganze Team inklusive Bahnpersonal war über Funk verbunden. So wussten sie immer, wann ich etwa wo bin, was ich brauche oder ob es Probleme gibt. Da das gesamte Team aus meinem Freundeskreis bestand, kannte man sich untereinander sehr gut, was sicher ein grosser Vorteil war. Weil es fast nonstop regnete, wechselte ich meistens bei der Talstation kurz Trikot und Unterleibchen.
Der bisherige Rekord von 17’000 Höhenmetern steht bei Guiness. Damit dort ein Rekord angenommen wird, muss er hohe Standards aufweisen. Deshalb mussten wir meinen Versuch auf verschiedene Arten dokumentieren. Ich trug 24 Stunden ein Garmin Edge 510 auf mir, welcher alles dokumentierte. Zudem installierten wir vier Fotofallen, die jeweils ein Foto mit Ort und Zeit aufnahmen. Weiter wurde an vier Stellen die Durchgangszeit von 4 unabhängigen Personen dokumentiert und bestätigt. Die Strecke ist zudem anderweitig nicht begehbar und die vielen Zuschauer machten ein Betrügen unmöglich.

…zum Rekordtag
Es war Freitagnachmittag, als ich gemeinsam mit Andreas Binder im vollgepackten Camper meiner Eltern ins Glarnerland fuhr. Auf dem Parkplatz der Aeugstenbahn wurden wir bereits von Werner Waldvogel und seinem Team begrüsst. Während Andi gemeinsam mit Wildhüter Marco bereits einmal die Strecke abmarschierte und an vier Stellen zur lückenlosen Dokumentation des Rekords vier Fotofallen aufstellte, organisierte ich das Chaos im Camper und kochte massenweise Pasta.
Später am Abend trafen auch noch meine Freundin Daniela Schneider und mein Chiro Martin Kumm ein. Im Camper schlief ich tief und fest, das rhythmische Tropfen des Regens auf das Dach des Campers wirkte wohl sehr beruhigend.
Die Ruhe in mir war dann spätestens beim Morgenessen weg. Ich bekam kaum mehr einen Bissen runter und war froh, dass es bald losgehen würde.

Aufstieg
Konzentriert beim Aufstieg

Um 8 Uhr war auch das komplette Team vor Ort. Ich besprach mit Werner die letzten Details zu Funk etc., danach machten sich meine Helfer auf den Weg zu ihren Posten. Unter dem Applaus zahlreicher hartgesottener Zuschauer, es regnete in Strömen, startete ich Punkt 9.00 Uhr zu meinem 24 Stunden-Unterfangen. Ich war froh, endlich auf der Strecke zu sein und fühlte mich extrem gut. Es machte trotz sehr garstigen meteorologischen Bedingungen einfach nur Spass. Unterwegs wurde ich an zwei Punkten von meinem Team betreut. An der Bergstation wartete Martin, mein Arzt auf mich, unterzog mich einem kleinen Check und schickte mich danach mit der Bahn wieder zurück an den Startpunkt. Dort wurde ich von der Talstationcrew in Empfang genommen und beim Rennen in der Fläche verpflegt. Ich verpflegte mich fast ausschliesslich flüssig, wobei ich auf die bekannte Sportlernahrung verzichtete. Als Getränke nahm ich Wasser, Bouillon und verschiedene Tees (Fenchel, Früchte und Ingwer) zu mir. Als Energielieferanten dienten mir zwei verschiedene „Shakes“. Der eine bestand aus Bananen und Haferflocken, der andere aus Kartoffeln und Karotten. Alles sehr gut püriert und mit Wasser angereichert, damit es trinkbar wurde. Als Ergänzung ass ich teilweise etwas Kleines wie Datteln oder Laugenbrötchen mit Trockenfleisch. Ich hatte über 24h keine Magenprobleme.

Das Wetter spielte nicht mit
Das Wetter spielte nicht mit

Die Runden vergingen wie im Flug, bis ich in den Runden 6 – 8 in eine Krise geriet. Dazu ist diese Vorgeschichte wichtig: An Pfingstmontag hatte ich den Aufstieg in elf Stunden bereits elf Mal gemacht, was 10’500 Höhenmetern entspricht. Die reine Laufzeit hatte bei 8.5 Stunden gelegen. Ich war sehr zügig unterwegs gewesen und hatte mich super gefühlt. Nach diesem Training war auf einmal gar nichts mehr gegangen. Urplötzlich hatte ich plötzlich starke Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel bekommen. Lange hatte ich danach versucht, mit meinem Trainer und meinen betreuenden Arzt die Ursachen ausfindig zu machen. Die Symptome passen zur akuten Höhenkrankheit, doch war ich dafür in zu tiefen Höhen unterwegs gewesen. Unsere Lehre aus dem Vorfall: Wir hatten für den Rekordversuch geplant, nach jedem Aufstieg eine kurze Pause zu machen, im Laufen einen Gang zurückzuschalten und die Gondel etwas langsamer runterfahren zu lassen. Das Ziel war ja, den Rekord zu brechen und nicht aufs Maximum zu gehen und dann wegen bekannten Problemen abbrechen zu müssen.

Blick aus der Gondel ins Tal
Blick aus der Gondel ins Tal

Als die Probleme nach Runde sechs wieder auftauchten, mussten wir reagieren. In den ersten Runden hatte mir Martin jeweils an der Bergstation zwei Minuten Pause gegönnt. Danach passten wir diese Taktik an. Es gab bis zum Schluss ausser bei der Bahnfahrt keine Pause mehr. Mein Körper musste immer im Rennmodus bleiben, so durfte ich mich in der Gondel auch nicht mehr hinlegen. Zudem wechselte ich den Atemrhythmus. Von da an lief es super, teilweise lief ich die Strecke sogar deutlich unter 50 Minuten und die Nacht, meine Lieblingszeit, sollte ja erst noch kommen.

Kurz nach 5 Uhr war es so weit: Friedrich Dähler bricht den bestehenden Weltrekord
Kurz nach 5 Uhr war es so weit: Friedrich Dähler bricht den bestehenden Weltrekord

Punkt fünf Uhr in der Früh knackte ich den bisherigen Rekord. Ein genialer Moment, erwartete mich mein Team doch bereits mit einem Zielbanner, um den Moment festzuhalten. Noch hatte ich vier Stunden Zeit, um die neue Bestmarke weiter zu verbessern. Schnell war in meinem Kopf die Marke von 20’000 Höhenmetern gesetzt. Dafür hiess es noch einmal hart beissen. Am Ende wurden es 20’407 Höhenmeter. Das gesamte Betreuungs- und Aeugstenbahnteam sowie Zuschauer empfingen mich beim letzten Anstieg bei der Bergstation. An dieser Stelle ein ganz grosses Dankeschön an alle! 24 Stunden draussen im nasskalten Wetter auszuharren, verdient ganz grossen Respekt. Vielen Dank auch der Aeugstenbahn.

…zu den Nachwehen
Oft wurde ich in den letzten beiden Tagen gefragt, welche Schmerzen oder Probleme ich hatte. Ich war selber erstaunt, dass ich bis auf die leichten Kopfschmerzen in Runde 6-8 keine einzigen Probleme hatte. Der intensive Regen durchnässte meinen Schuh zwar bereits nach wenigen Minuten, doch wechselte ich bis zum Schluss weder Socken noch die Schuhe. Mein Salomon LAB Schuh funktionierte einfach perfekt. Auch die neu umgestellte Ernährung passte hervorragend.

Ziel
Der letzte Aufstieg, kurz vor dem Ziel

…zu den Tipps fürs Erreichen eines grossen Ziels

1. Setze dir viele kleine Zwischenziele auf dem Weg zum grossen Ziel.
2. Analysiere, was es alles für den Erfolg braucht. Welches Training, Ernährung, Betreuung, Erholung, Streckenbesichtigung etc.
3. Plane Testrennen (Testläufe) ein, bei welchen du dich an das grosse Ziel heranstasten kannst. Damit wirst du auch eventuelle Schwachpunkte aufdecken und kannst reagieren. Zusätzlich stärkt es deine Sicherheit und nimmt den Druck.
4. Stelle dich mental auf die Herausforderung ein. Freu dich darauf und mach dir keinen Druck von Aussenstehenden.
5. Versuche nichts Neues während dem Ernstkampf, vor allem keine Experimente mit der Ernährung!
6. Höre im Rennen auf deinen Körper, finde deinen Rhythmus und geniesse es. Du hast lange darauf hingearbeitet.

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