Adrian Lehmann im Interview

Adrian Lehmann ist der aufstrebende Schweizer Marathonläufer schlechthin. In Berlin, bei seinem erst dritten Marathon, verbesserte er seine persönliche Bestleistung (PB) um mehr als zwei Minuten auf 2:15:08. Er beantwortete uns nach dem bisher grössten Erfolg seiner Karriere die gleichen vier Fragen wie vor einer Woche Christian Kreienbühl.

1. Du hast deine PB pulverisiert. Wie lief deine Vorbereitung auf Berlin? Hast du etwas Neues gemacht?

Die Grundlage habe ich im Juli in einem vierwöchigen Trainingslager in St. Moritz gelegt. Dort habe ich mit Tadesse Abraham, Christian Kreienbühl und Marcel Berni viele lange Läufe absolviert, um eine solide Basis zu schaffen. Nach einer kurzen Erholungsphase baute ich auf der gewonnen Basis weiter auf. Zu Hause in Bern richtete ich erstmals mit Unterstützung von Magglingen ein Höhenzimmer ein und trainierte vier weitere Wochen extrem hart. Ich war oft nahe an meinen Grenzen. Es gab Tage, an denen war ich noch nicht erholt und konnte die gewünschte Leistung nicht abrufen. Zwei Tage später, bei der nächsten Belastung, ging es dann meistens wieder besser. So kämpfte ich mich von Belastung zu Belastung. Nach diesem Block war ich extrem müde. Dementsprechend lief ich dann auch bei meinem abschliessenden Formtest in Sarnen am Switzerland Marathon light. Ich blieb eine Minute über meiner gewünschten Endzeit. Etwas verunsichert trainierte ich in den folgenden drei Wochen nur noch leicht. Es war dann eine Timing-Frage, ob ich bis zum Berlin Marathon in Form kommen würde. In der letzten Woche spürte ich, wie ich von Tag zu Tag lockerer lief. Nach der abschliessenden Belastung mit meinem WG-Kollegen Andreas Kempf musste ich lächeln, weil es sich so locker anfühlte. Mein Vater und Coach, Ueli Lehmann, hat den Formaufbau perfekt geplant.

Adrian Lehmann in Berlin

Adrian Lehmann in Berlin

2. Was waren die Schlüssel für dein Resultat?

Am entscheidendsten war das harte Training. Ich blieb in der ganzen Vorbereitung von Verletzungen und Krankheiten verschont und konnte voll durchziehen. Dazu kommt, wie schon erwähnt, dass mein Formaufbau auf den Tag genau aufging. Ich habe in der Vorbereitung aber auch kleine Puzzelteile hinzugefügt, welche am Schluss zum Erfolg beitrugen. So habe ich beispielsweise meine Ernährung optimiert. Ich esse seit meinem Gespräch mit dem Ernährungswissenschaftler Christof Mannhart mehr Nüsse und Beeren, und mache die Salatsauce selber. Kleinigkeiten halt, aber im Gesamtbild sind diese entscheidend.

3. Kannst du uns kurz durch deine 42km in Berlin begleiten?

Direkt nach dem Start suchte ich meinen Rhythmus. Ich wollte auf den ersten 15km eine Pace von 3:14 pro Kilometer laufen. Von der Euphorie und dem Adrenalin verleitet, musste ich mich kontrollieren, damit ich nicht zu schnell loslief. Nach einem etwas schnellen Kilometer pendelten sich die Zwischenzeiten bei 3:13 ein. Damit war ich zufrieden. Es durfte aber sicherlich nicht schneller werden. Zwischenzeitlich lief ich alleine. Vor mir war eine grosse Gruppe, hinter mir vereinzelte Läufer. Als mich beim 14. Kilometer ein Engländer und ein Irländer überholten, heftete ich mich an ihre Fersen. Mein Rennplan sah sowieso vor, dass ich ab 15 Kilometer etwas beschleunigen sollte. Die zwei Jungs liefen schön regelmässig und verkleinerten kontinuierlich den Abstand zur Gruppe. Beim 18. Kilometer schaften wir den Anschluss. Von hinten konnte ich das Feld überblicken und stellte fest, dass Christian Kreienbühl ebenfalls hier mitlief. Es freute mich Seite an Seite mit meinem Trainingskollegen laufen zu dürfen. Die Gruppe blieb lange zusammen. An der Spitze wechselten sich die Läufer ab und wir hielten die 3:12 Pace aufrecht. Erst 10km Vorschluss waren es Chrigi und ich, die die Gruppe sprengten. Von da an liefen wir noch drei Kilometer zusammen, bis Chrigi den Turbo zündete und zur Olympialimite stürmte. Ich konnte ihm nicht folgen und kämpfte im Alleingang um die Pace aufrecht zu halten. Die zurückfallenden Konkurrenten motivierten mich. Genauso den Gedanken an die gute Endzeit, denn ich spürte, dass ich es bis zum Ziel durchziehen konnte. Auf den letzten Kilometern war es dann mein mitgereistes Team, welches mir nochmals Kraft gab. Als ich unter dem Brandenburger Tor durchlief, konnte ich meine Emotionen fast nicht mehr kontrollieren. Voller Glückshormone kam ich in 2:15:08 ins Ziel und war einfach nur froh, dass ich mich um zwei Minuten und siebzehn Sekunden verbessern konnte.

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Emotionen pur im Ziel

4. Wie erholst du dich vom Marathon und was sind deine nächsten Ziele?

Nach dem Rennen blieb ich noch ein paar Tage mit meiner Freundin in Berlin und genoss die Stadt. Nun sind wir zurück aus den Ferien und ich arbeite wieder für meinen Arbeitsgeber, die Bystronic Maschinen AG, als Konstrukteur. Bis Ende dieser Woche verzichte ich fast gänzlich auf Sport, um meinem Körper die nötige Ruhe zu geben. In den kommenden Tagen werde ich mich entscheiden, ob ich für den Rest des Jahres den Schwerpunkt auf die Strassenläufe oder auf die Crossläufe legen werde. Was aber schon feststeht ist meine Teilnahme am Langenthaler Stadtlauf. Wenn ich nach der Trainingspause gut ins Training starten kann, dann will ich in diesem Jahr den Streckenrekord unterbieten. Danach ordne ich alles meinem grossen Ziel unter. Ich werde im Training alles geben, um besser zu werden. Es fehlen mir nur noch eine Minute und acht Sekunden bis zur Olympialimite. Mit einem guten Winter ohne Verletzungen und ohne längere Krankheitsausfälle kann ich dieses Ziel erreichen. Im April werde ich dann den finalen Versuch unternehmen. Wo dieser stattfindet kommt ebenfalls erst noch aus. Ich werde es so schnell wie möglich auf meiner Homepage publizieren.

Zur Person: Adrian Lehmann ist 25-jährig. Er wohnt zusammen mit Andreas Kempf und Christopher Gmür in der wohl schnellsten Läufer-WG der Schweiz im Liebefeld bei Bern und startet für den LV Langenthal. Seinen ersten Marathon absolvierte er 2013 – ebenfalls in Berlin. 2014 nahm er an der Heim-EM in Zürich teil. Er ist 59kg schwer bei 173cm Körpergrösse. Neben seinem Läufer-Dasein arbeitet Lehmann Teilzeit als Konstrukteur.

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